Im Regal eines Supermarktes ist das Fach für Nudeln leer. Die Angst vor dem Coronavirus sorgt inzwischen für erste Hamsterkäufe in Deutschland. FOTO:; DPA
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Im Regal eines Supermarktes ist das Fach für Nudeln leer. Die Angst vor dem Coronavirus sorgt inzwischen für erste Hamsterkäufe in Deutschland. FOTO:; DPA

Plötzlich ist das Virus ganz nah

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Wochenlang war das Coronavirus nur ein Thema in den Nachrichten. Es grassierte weit entfernt in einem anderen Teil der Welt. Es betraf einen nicht. In den vergangenen Tagen hat sich das geändert.

Das neuartige Coronavirus hat Hessen und sogar Gießen erreicht. Am Wochenende stieg die Zahl der Erkrankten auf neun. Sie haben keine schweren Symptome.

Jetzt weicht mancher vielleicht unwillkürlich einen Schritt zurück, wenn an der Bushaltestelle jemand hustet. Jede normale Grippewelle treffe mehr Menschen, hat es lange geheißen. Damit konnte man sich beruhigen. Aber jetzt ist zu hören, dass es bei Atemmasken Lieferengpässe gibt. Man will Desinfektionsgel kaufen und erfährt, dass es erst in drei Tagen wieder reinkommt. Der zwölfjährige Sohn kommt nach Hause und sagt: "Bei uns hat einer erzählt, dass wir bald wohl nicht mehr zur Schule müssen." Supermärkte melden Hamsterkäufe.

Gottesdienstbesucher sollen sich nicht mehr die Hand zum Friedensgruß geben. Messen und Turniere werden abgesagt, es steht die Frage im Raum, ob die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden können.

Im Fall des Coronavirus kommen mehrere Faktoren zusammen, die das Gefühl der Bedrohung verstärken. Zunächst einmal würden Risiken, die nicht beobachtbar seien - etwa radioaktive Strahlen oder eben Viren - generell als bedrohlicher wahrgenommen, sagt Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und spezialisiert auf die Psychologie des Risikos.

Die Sache mit der Angst

"Zudem lösen neuere Risiken eine stärkere Reaktion aus als solche, an die man sich schon gewöhnt hat." Ein weiterer Faktor ist die Unsicherheit: Es ist noch unklar, wie viele Menschen letztendlich von dem Virus betroffen sein werden. "Dazu kommt, dass man das Gefühl hat, das Risiko nicht richtig beherrschen zu können: Es gibt vorerst keinen Impfstoff."

All dies hat das Potenzial, Angst auszulösen. Wer Angst hat, tendiert dazu, sich nicht mehr rational zu verhalten. Er denkt in erster Linie an sich selbst und an die engste Familie. Im Extremfall rennt die Mutter unangemeldet mit ihrem verschnupften Kind in die Arztpraxis, weil sie befürchtet, dass es das neue Coronavirus haben könnte - nicht bedenkend, dass sie in diesem Fall viele andere mit ihrem Verhalten gefährden würde. Der Mitmensch wird in erster Linie als potenzieller Krankheitsträger wahrgenommen - und nicht als jemand, den man theoretisch auch selber anstecken könnte. Wie haben Menschen früher auf Epidemien reagiert? Die schlimmste Seuche des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe. Dabei gehe man von 25 bis 40 Millionen Toten aus, sagt der Seuchenhistoriker Manfred Vasold. "In Deutschland allein hatten wir 250 000 bis 300 000 Grippetote." Es war also unvergleichlich viel schlimmer als heute.

Brach damals Panik aus? Überhaupt nicht. Viele Tagebuchschreiber erwähnten die Grippe kein einziges Mal. Gaststätten und Kinos blieben offen. In den Zeitungen las man kaum etwas darüber - denn man schrieb das Jahr 1918, es war die Endphase des Ersten Weltkriegs.

Die Regierungen verboten der Presse, über die Grippe zu informieren, mit der Begründung, dass das die Moral der Bevölkerung schwächen würde. Die damaligen Menschen hätten Epidemien mit Gleichmut hingenommen, sagt Vasold. Das Leben war generell viel unsicherer als heute. Die heutige Aufregung um das Coronavirus würde ein Mensch aus dem Jahr 1918 nicht verstehen.

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