Frank Hannig
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Pflichtverteidiger Hannig abberufen

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Der wegen Mordes angeklagte Stephan Ernst trennt sich im Lübcke- Prozess von einem Pflichtverteidiger. Der Bruch war nicht mehr zu kitten. Erstmals kam in dem Verfahren auch ein Familienmitglied Lübckes zu Wort.

Im Prozess um den gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist einer der beiden Anwälte des Hauptangeklagten Stephan Ernst abberufen worden. Das Oberlandesgericht Frankfurt gab am Dienstag einen entsprechenden Beschluss bekannt. Die Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses zwischen Ernst und seinem Pflichtverteidiger Frank Hannig sei nachvollziehbar, so das Gericht. Auch die Argumentation, dass "eine derart unsachliche" Verteidigung Ernst sogar schaden könne, ließen die Richter gelten. Als neuen weiteren Pflichtverteidiger bestellte das Gericht den Kölner Anwalt Jörg Hardies.

Ernst wurde in dem Verfahren bislang von zwei Verteidigern vertreten. Der Kölner Anwalt Mustafa Kaplan hatte am Vortag beantragt, den bisherigen Pflichtverteidiger Frank Hannig zu entpflichten und erklärt, das Vertrauensverhältnis seines Mandanten zu dem Anwalt sei dauerhaft zerstört. Ernst widerrufe auch alle Vollmachten und Genehmigungen, die er Hannig unterschrieben habe, ergänzte Kaplan. Der Jurist, der im NSU-Prozess Nebenklagevertreter war, ist ebenfalls als Pflichtverteidiger Ernsts bestellt.

Anlass für den eskalierten Konflikt waren mehrere nicht abgesprochene Beweisanträge, die Hannig am Montag eingebracht hatte.

Bereits seit Beginn des Verfahrens hatten Kaplan und Hannig wenig Zusammenarbeit bei der Verteidigung ihres Mandanten erkennen lassen und ihre jeweiligen Anträge getrennt gestellt. Dass das Gericht geneigt sein könnte, dem Antrag auf Entlassung Hannigs nachzukommen, ließ schon die Bitte an Kaplan erkennen, "vorsorglich" bei seinem Kollegen anzufragen, ob er Kapazitäten für das Mandat habe. Der Deutsche Ernst soll im Juni 2019 Lübcke auf der Terrasse von dessen Wohnhaus erschossen haben. Motiv für die Tat war nach Auffassung der Bundesanwaltschaft eine rechtsextremistische Gesinnung.

Sohn sagt aus

Für andere war Walter Lübcke Kasseler Regierungspräsident, Ex-Landtagsabgeordneter, Parteifreund. Für Jan-Hendrik Lübcke war er "Papa" - das Kosewort rutscht dem 30-Jährigen immer wieder über die Lippen, wenn er, um Sachlichkeit bemüht, die Nacht im Juni 2019 schildert, als er seinen Vater leblos auf der Terrasse fand. Als erstes Mitglied der Familie sagt der groß gewachsene Mann vor dem Oberlandesgericht aus. "Die Tätigkeit als Regierungspräsident, das war seine Erfüllung", sagt er, schildert seinen Vater als weltoffenen und "wirklich lebensfrohen" Menschen, als guten Vater.

Jan-Hendrik Lübcke war in der Tatnacht von einem Besuch auf der Kirmes zurückgekehrt und hatte sich nichts Schlimmes gedacht, als er seinen Vater auf der Terrasse sah. "So saß er da, wenn ich das mal demonstrieren darf", sagt er und lehnt sich mit zurückgebeugten Kopf und seitlich hängenden Armen im Zeugenstuhl zurück. Eine nicht mehr brennende Zigarette habe sein Vater zwischen den Fingern gehalten.

Dass etwas nicht stimme, habe er erst geahnt, als sein Vater nicht reagierte und seine Haut sich kalt anfühlte. Die erste, panikartige Befürchtung sei gewesen: ein Herzinfarkt. "Er war ja nicht der Schlankeste", sagt Lübcke. Er habe einen Rettungswagen angefordert und versucht, seinen Vater zu reanimieren, stets in telefonischem Kontakt mit der Notrufzentrale. Blut habe er erst gesehen, als sein Vater am Boden lag, aber auch da noch nicht an ein Gewaltverbrechen geglaubt - ebenso wenig wie der Notarzt, der offenbar keine Schussverletzung bemerkt hatte. Und erst, als er wegen der zusammengeeilten Familie Platz auf der Terrasse schaffen wollte und den Stuhl seines Vaters auf den Rasen stellte, bemerkte er Blut auf der weißen Wand des Hauses, ein Muster "wie ein Tannenbaum".

Die Familie habe auch nach etwa 40 Minuten erfolgloser Wiederbelebungsmaßnahmen darauf bestanden, dass Lübcke ins Krankenhaus gebracht wurde, wo vielleicht doch noch etwas für ihn getan werden könne. Doch dort seien sie informiert worden, dass der 65-Jährige gestorben sei. "Ich habe dann im Gespräch mit den Ärzten gefragt, wo denn das Blut herkomme", sagte der Zeuge. Der Arzt habe dann noch mal nachgeschaut, als nächstes seien Kriminalbeamte hinzugezogen worden. "Der Kripo-Beamte hat mich dann rausgebeten und mir mitgeteilt, dass ein Gegenstand im Kopf meines Vaters gefunden worden sei", schildert der Lübcke-Sohn.

Rechtsmediziner aus Gießen

Laut einem Gutachten starb Lübcke durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe. "Er wies keinerlei Verletzungen auf, die an eine tätliche Auseinandersetzung denken lassen müssten", sagte der Gießener Rechtsmediziner Reinhard Dettmeyer.

In der kommenden Woche wird sich voraussichtlich Stephan Ernst zu den Tatvorwürfen äußern. FOTOS: DPA

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