Personenschutz für Zeugen

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Gießen (khn). Bevor der Mann den großen Gerichtssaal 207 im Landgericht Gießen betritt, breitet sich eine beinahe gespenstische Stille bei den Beteiligten und den Zuschauern aus. Auf ihn haben alle gewartet. Die Ruhe ist drückend, als die Tür aufgeht und der 34-Jährige eintritt. So wie er aussieht, müsste man meinen, er brauche keinen Schutz: Beim Gang wiegt sein muskulöser Oberkörper leicht nach rechts und links; er trägt Glatze und Vollbart. Dennoch wird er flankiert von zwei maskierten Beamten des Sondereinsatzkommandos SEK. Auch als er sich auf den Platz für die Zeugen setzt, weichen sie ihm nicht von der Seite. Das Einzige, was in diesen wenigen Minuten zu hören ist, ist sein schneller, schwerer Atmen.

Dieser Mann hat den Schutz bitter nötig. Denn er befindet sich im Zeugenschutzprogramm, hat mittlerweile neue Personalien erhalten. Deswegen muss er - wie sonst für Zeugen üblich - keine Angaben zu seiner Person machen; dies könnte ihn gefährden. Er war Mitglied der rockerähnlichen Gruppe, die früher unter dem Namen Bahoz aufgetreten ist. Und er ist einer von insgesamt sieben Männern, die im November an drei Tagen in eine Bar in der Gießener Weststadt entführt und dort misshandelt wurden.

Nachdem am ersten Prozesstag Mitte Mai Staatsanwalt Rouven Spieler die Anklage verlesen hatte, stand zwei Wochen später die Aussage eines der sechs Angeklagten im Mittelpunkt. Er hatte berichtet, mit welcher Brutalität die sieben Opfer in der Bar an der Rodheimer Straße misshandelt wurden. Die Aussage des Hauptbelastungszeugen und Nebenklägers am Mittwochvormittag war mit Spannung erwartet worden.

Der 34-jährige Mann war unter den ersten vier Opfern der mehrtägigen Gewaltorgie. Er erzählt vor Gericht, wie er am 6. November von vier Männern abgeholt worden sei. Der Biebertaler Kopf der Gruppe müsse mit ihm reden, hätten sie ihm gesagt. Daraufhin habe er sich von seiner Freundin verabschiedet mit den Worten, er sei bald wieder da. Vielleicht wurde er stutzig, als er im Auto saß und eine Sprachnachricht des Biebertalers erhielt: Als "Missgeburt" habe dieser ihn beschimpft. Anschließend hätten ihm die anderen Männer das Smartphone aus der Hand gerissen.

In der Bar hätten 15 bis 20 Mann gewartet, auch der Anführer der Gruppe. "Ich wollte ihn begrüßen. Handschlag, Küsschen rechts, Küsschen links. Aber das wollte er schon nicht mehr", sagt der 34-Jährige. Denn für den Biebertaler war er einer der Männer, die ein Mordkomplott gegen ihn geplant haben sollen. Nach einer kurzen Unterhaltung habe ihn ein anderer Angeklagter zuerst mehrere Male gegen den Oberschenkel getreten. Anschließend habe der Anführer mit ihm ein Boxtraining machen wollen. "Aber das war kein Training, er hat auf mich eingeschlagen." 30 Minuten, eine Stunde, der 34-Jährige weiß es nicht mehr. Als ihn Richter Jost Holtzmann fragt, ob er sich gewehrt habe, sagt er nur: "Ich hätte nie die Hand gegen ihn erhoben." Stattdessen ließ er sich unter anderem die Nase brechen und sein Trommelfell im linken Ohr beschädigen.

Dann seien die anderen drei Männer nacheinander in die Bar gekommen. Sie hätten sich zu viert nackt ausziehen müssen und seien anschließend getreten und geschlagen worden: mit Fäusten, einer roten Rohrzange und Bambusstöcken. Das, sagt der 34-Jährige, habe die ganze Nacht gedauert. Dann seien zwei Flaschen aufgestellt und die vier Männer aufgefordert worden, sich drauf zu setzen.

Und schließlich habe der Kopf der Gruppe, der den gesamten Abend über hochaggressiv gewesen sei und immer wieder Kokain konsumiert habe, einem der Männer ins Bein geschossen. Plötzlich sei es ruhig gewesen, sagt der 34-Jährige: "Viele waren geschockt, was da passierte."

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