Den Opfern der NSU-Morde ein Gesicht gegeben

Gießen (kw). Einige Rechtsradikale haben über Jahre Menschen ausländischer Herkunft umgebracht: Als vor anderthalb Jahren die Machenschaften der Gruppierung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) bekannt wurden, setzte eine Debatte ein über den Verfassungsschutz oder ein NPD-Verbot.

"Für die Opfer und ihre Familien hat sich kaum jemand interessiert", meint Ann-Kathrin Thüringer. Dass sie "eine Stimme bekamen", dazu hat die in Gießen geborene Journalistin maßgeblich beigetragen. Für den ARD-Fernsehfilm "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" ist sie zusammen mit zwei Kollegen für den CNN Journalist Award nominiert worden.

Der Nachwuchspreis für deutschsprachigen Auslandsjournalismus des amerikanischen Nachrichtensenders CNN wird in den Kategorien TV, Radio, Print, Online und Foto vergeben. Eine Fachjury hat aus über 300 Einsendungen 13 Beiträge ausgewählt. Am 4. April werden die Gewinner bekannt gegeben. Gekürt wird dann auch der "CNN Journalist of the Year 2013".

Nicht nur für die Jury, auch für Ann-Kathrin Thüringer selbst war der Film über die NSU-Morde etwas Besonderes. Dabei hat sie schon in den Jahren zuvor reichlich Berufserfahrung in unterschiedlichen Sparten gesammelt. Nach dem Abitur studierte sie in Marburg, Norwich und Hamburg Neuere Geschichte und Anglistik. In dieser Zeit arbeitete sie als Freie Autorin für den Gießener Anzeiger, den Hessischen Rundfunk, Uni-Spiegel und tagesschau.

de. 2005 volontierte sie beim Norddeutschen Rundfunk und ist seitdem für das Fernsehen tätig: Zunächst für die Politik-Magazine "Panorama" und "Menschen und Schlagzeilen", inzwischen unter anderem für "ttt", "Kulturjournal" oder "Arte Metropolis". Seit 2008 moderiert sie "Kultur aktuell" auf tagesschau24.

Dass sie um Mitarbeit bei der ARD-Koproduktion zu den NSU-Morden gebeten wurde, "hat mich geehrt", sagt sie. Die Suche nach den Angehörigen des in Rostock erschossenen Opfers erwies sich dann als ungewöhnlich schwierig. "Ich bin die Dönerläden in Norddeutschland abgefahren, bis ich überhaupt einen kleinen Hinweis bekam." Die Recherche führte sie schließlich bis in ein Bergdorf in Ostanatolien. Dort erfuhr sie, was auch ihre Kollegen im Gespräch mit anderen Angehörigen hörten: "Für die Familien war es schlimm, dass sich die deutschen Behörden überhaupt nicht bei ihnen gemeldet haben.

" Einige seien zerbrochen an den Verdächtigungen gegen die Landsleute der Opfer. Viele hätten immer noch Angst, sich vor der Kamera zu äußern. Ihr Vertrauen in Institutionen in Deutschland sei erschüttert.

"Der Film leistet zwar keine Wiedergutmachung an den Toten und ihren Hinterbliebenen, das bleibt die Aufgabe des Staates – aber er gibt ihnen wenigstens ein Gesicht und ihre Ehre zurück. Und das ist mehr als Politik und Behörden bisher getan haben", meinte Spiegel online zu dem Film, der im Dezember 2011 bei ARD und RBB ausgestrahlt wurde. "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" wurde bereits ausgezeichnet, nämlich mit dem Preis "Rechtsextremismus im Spiegel der Medien". Nun hat auch CNN "das einzige filmische Großrechercheprojekt, das sich mit den Opfern der Mordserie beschäftigt", in den Blick genommen.

Ob Ann-Kathrin Thüringer ausgezeichnet wird, erfährt sie nächste Woche bei der feierlichen Preisverleihung in München. Freude würde das auf jeden Fall auch in Gießen auslösen: "Über meine Eltern und Freunde bin ich mit meiner Heimat noch sehr verbunden", erzählt die Journalistin, die derzeit in Berlin und Hamburg wohnt. (Foto: pv)

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