Ulf Sibelius
+
Ulf Sibelius

Offenheit, Ehrlichkeit und Empathie

  • vonGerd Chmeliczek
    schließen

Die Diagnose Krebs ist ein Schock. Zuerst natürlich für den Betroffenen - aber auch für Verwandte, Freunde und Bekannte des Patienten. Und oft steht die Frage im Raum, wie man nun umgehen soll mit dem geliebten Menschen. Was darf man wie sagen? Was sollte man vermeiden? Ein Experte gibt Antworten.

Mit Ehrlichkeit und Offenheit fährt man am besten", sagt Prof. Dr. Ulf Sibelius. Er ist Leiter der Palliativstation am Universitätsklinikum Gießen/Marburg. Und das seien Grundsätze, die nicht nur für den Umgang des Mediziners mit dem Patienten gelten, sondern auch für das Umfeld des Erkrankten, erklärt der Leitende Oberarzt und stellvertretende Direktor der Medizinischen Klinik V (Internistische Onkologie und Palliativmedizin) zum heutigen Weltkrebstag.

Herr Sibelius, Sie müssen Menschen immer wieder schlechte Nachrichten überbringen. Wie bereitet man sich darauf vor?

Wie man mit Menschen spricht, die schwer erkrankt sind, dazu gibt es mittlerweile Kurse im Studium, die sich wie ein roter Faden durch die Ausbildung ziehen. Die jungen Mediziner werden also darauf vorbereitet, diese Gespräche zu führen. Trotzdem ist es immer sehr schwierig, eine solche Nachricht zu überbringen.

Wie gehen Sie an ein solches Gespräch heran?

Ich bereite mich vor. Das fängt schon mit dem Rahmen an. Ich möchte alleine mit dem Patienten sprechen und nicht zwischen Tür und Angel, wenn vielleicht noch Leute um uns herum stehen. Wichtig für die Gesprächseröffnung ist auch, mit welchem Vorwissen der Erkrankte in das Gespräch geht. Ist er darauf vorbereitet, dass die Diagnose kommt, oder passiert das jetzt für ihn völlig unverhofft? Weiß ich das alles, versuche ich, mit vorsichtigen Worten, die Diagnose zu erläutern.

Beide Gesprächspartner befinden sich also in einer Ausnahmesituation...

Keine Diagnose ist so sehr mit existenziellen Ängsten verbunden wie die Diagnose Krebs. Ich versuche, mich nicht in Fachtermini zu verlieren, sondern mit den Menschen so zu reden, dass sie mich verstehen.

Und nach der Diagnose?

Versuche ich sofort, den weiteren Weg aufzuzeigen. Und zwar ganz konkret: Wir machen jetzt diese Diagnostiken, beginnen diese Therapien. Ganz wichtig ist aber, das erste Gespräch nicht mit Informationen zu überfrachten. Stattdessen sollte man lieber ein weiteres Treffen anbieten, an dem auch Angehörige teilnehmen können. Zudem müssen wir wissen, welche Erwartungen der Mensch an uns als Krankenhaus hat. Möchte er alles erfahren und möglichst schnell mit der Therapie beginnen? Oder sagt jemand, dass er keine Behandlung mehr wünscht?

Familie, Freunde, Bekannte - wie binden Sie die in diesen Prozess ein?

Die Diagnose Krebs ist für Angehörige mindestens genauso schlimm wie für den Erkrankten. Wenn nicht sogar schlimmer. Gerade im Bereich der Palliativmedizin schauen wir genau darauf, wie es diesen Menschen geht. Wie haben Psychoonkologen, die zu den Angehörigen gehen. Denn auch die müssen mit den Erinnerungen an diese Lebensphase weiterleben.

Wie sieht das konkret aus?

Wir versuchen, den Angehörigen ein Netz zu bieten, das sie auffängt. Von einem auf den anderen Augenblick kann sich die Lebensperspektive komplett verändern. Das muss man erst einmal verarbeiten. In keinem Fach ist das wohl so extrem wie in der Onkologie. Aber wir sprechen gleichzeitig von Heilungsraten von rund 60 Prozent. Neue Ansätze, neue Methoden, neue Chancen - auch das zu vermitteln, gehört natürlich dazu. Krebs ist nicht gleich Krebs.

Was raten Sie Angehörigen, wenn es um den Umgang mit den Erkrankten geht?

Ehrlichkeit. Wir erleben immer wieder, dass die Menschen sich gegenseitig schützen wollen. Nach dem Motto: "Aber sagen Sie es bitte nicht meiner Frau." Und umgekehrt. Es herrschen Angst und eine gewissen Sprachlosigkeit. Wir empfehlen immer, offen und ehrlich miteinander umzugehen. Die Patienten wollen weiter als ganz normale Menschen wahrgenommen werden. Der natürlich Umgang ist extrem wichtig.

Diese Sprachlosigkeit, die Sie erwähnen, wie löst man die auf?

Viele Angehörige haben einfach Angst, die falschen Worte zu wählen und den Erkrankten zu verletzen oder Hoffnungen zu zerstören. Wir können ihnen dann näherbringen, wie der Patient denkt, was er fühlt. Welche Ängste hat der Ehemann oder die Ehefrau? Ein offener Umgang damit ist das Entscheidende. Nur so kann man Missverständnisse verhindern oder ausräumen. Vielleicht schützt man Menschen dort, wo man sie eigentlich überhaupt nicht schützen muss. Wichtig ist, dem Gegenüber zu signalisieren: Ich bin da. Das ist auch nicht mehr selbstverständlich in der heutigen Zeit.

Bei aller Offenheit: Was sollte man besser nicht ansprechen?

Man muss wissen, was der Betroffene möchte. Es gibt Menschen, die wollen knallhart gesagt bekommen, was los ist. Andere möchten am liebsten überhaupt nichts hören. Am schlimmsten ist aber, wenn der Patient denkt, das Gespräch ist dem Arzt persönlich nicht wichtig. Jeder möchte spüren, dass der Mediziner Empathie besitzt. Wichtig ist auch das Thema Hoffnung. Die Menschen haben immer Hoffnung, und die sollte man ihm nicht mit aller Gewalt nehmen. Ohne falsche Erwartungen zu wecken natürlich.

Was meinen Sie genau damit?

Wir als Mediziner wissen nie genau, welchen Verlauf eine Erkrankung nimmt. Dann gleich mit irgendwelchen Statistiken aufzuwarten, ist vollkommen verkehrt. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, zu hoffen, dass die Behandlung Besserung bringt. Und diese Hoffnung darf man ihm nicht nehmen. Auch wir können uns irren. Was bringt es da, dem Patienten zu sagen, dass er statistisch gesehen noch 7,8 Monate zu leben hat? Damit kann man viel verkehrt machen, viel zerstören. Wir fassen uns schon in Zeiträumen, aber offener. Der Patient merkt, dass man seine Sorgen ernst nimmt, aber ihn auch nicht anlügt.

Können Angehörige den Erkrankten auch überfordern?

Das ist möglich. Die Angehörigen wollen natürlich immer nur das Beste für den Patienten. Auch, weil es ihnen dann selbst wieder besser geht. Das ist menschlich. Unterstützung ist wichtig, muss aber im Einklang mit dem Patienten geschehen. Es kann in dem Menschen das Gefühl entstehen, dass er nur noch für sein Umfeld gegen die Erkrankung ankämpft. Das kann überfordern. Man überträgt ihm oder ihr quasi auch noch die Verantwortung für das Wohlbefinden anderer.

Eine Krebstherapie geht nicht selten auch mit körperlichen Veränderungen einher. Wie kann man Patienten darauf vorbereiten?

Man muss ganz klar über die Folgen aufklären. Über die medikamentöse Therapie oder gegebenenfalls auch über die Strahlentherapie. Und: Nebenwirkungen sind nicht immer unbedingt etwas negatives. Denn es kann auch bedeuten, dass die Therapie anschlägt. Wenn der Patient das weiß, dann bekommen diese Nebenwirkungen eine ganz andere Bedeutung. Nehmen sie die Müdigkeit. Die ist oft von großer Angst begleitet, weil die Patienten denken, dass die Lebensenergie dahingeht. Eigentlich ist es aber eine ganz normale Begleiterscheinung der Behandlung.

Wie sehr erschwert das Internet Ihre Arbeit? Viele Ängste gehen auch auf falsche Informationen zurück...

Fachartikel über Krankheiten oder deren Verlauf sind nicht so sehr das Problem. Es sind eher Chats. Denn dort melden sich häufig nur Menschen zu Wort, bei denen es in der Behandlung irgendwelche Schwierigkeiten gegeben hat. Das hilft selten weiter, da sollte man vorsichtig sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare