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Noch im grünen Bereich

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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Zwei extrem trockene Jahre - und plötzlich ist die Wasserversorgung auch in Deutschland ein Thema. Doch nicht nur Dürren können Einschränkungen bei Lebensmittel Nummer eins bewirken. Auch die Landwirtschaft steht im Fokus, denn Pestizide und hohe Nitratwerte können ebenfalls eine Gefahr für die Umwelt sein.

Vor einem Jahr kamen harsche Worte aus Brüssel: Die Europäische Kommission hatte Deutschland wegen des andauernden Verstoßes gegen die EU-Nitratrichtlinie angemahnt, nun endlich das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Juni 2018 umzusetzen. "Die Qualität des Grundwassers in Deutschland gehört zu den schlechtesten in Europa", erklärte damals EU-Umweltkommissar Karmenu Vella.

Darin spiegelt sich auch der alte Konflikt zwischen Landwirten und Umweltverbänden. "Gänzlich auf chemische Pflanzenschutzmittel zu verzichten, wird Wunschdenken bleiben", sagt Bernd Weber, Sprecher des hessischen Bauernverbandes. Sichere und qualitativ hochwertige Ernten seien ohne biologische oder chemische Pflanzenschutzmaßnahmen kaum möglich.

Weber weist darauf hin, dass die Zulassung und Anwendung der Mittel strengen gesetzlichen Vorgaben unterliege. "Mit den heutigen modernen Geräten können Pflanzenschutzmittel sehr fein dosiert und gezielt ausgebracht werden, und zwar unter Beachtung des Grundsatzes: So wenig wie nötig, so viel wie möglich". Und: In den letzten drei Jahrzehnten seien die Ausbringungsmengen je Hektar deutlich zurückgegangen.

Halbierung des Pestizideinsatzes?

Das reicht Umweltschützern wie dem Naturschutzbund (NABU) allerdings nicht aus, wenngleich dieser Verband bei seiner Kritik eher die zurückgehende Artenvielfalt im Blick hat. Der NABU plädiert dafür, "den Pestizideinsatz so weit wie möglich zurückzufahren und die notwendigen Mittel umweltverträglich anzuwenden, um die negativen Auswirkungen auf unsere Umwelt zu minimieren", unterstreicht Dr. Kathrin Kaltwaßer, Referentin für Umweltkommunikation beim NABU-Landesverband. "Für Hessen fordern wir eine Halbierung des Pestizideinsatzes bis 2025."

Kaum eine Stoffgrupppe werde in so großen Mengen ausgebracht wie Pestizide, sagt Kaltwaßer. Ihr Einsatz vernichtet nicht nur die sogenannten Unkräuter und Schädlinge. "Da diese auch die Nahrungsgrundlage und Schutzräume vieler Tiere in der Agrarlandschaft sind, tragen Pestizide maßgeblich zum Verlust der biologischen Vielfalt bei und bedrohen grundlegende ökosystemare Prozesse." Hier widerspricht Bauernverbandsprecher Weber: Das Insektensterben habe viele verschiedene Ursachen. "Man macht es sich zu leicht, immer nur mit dem Finger auf die Landwirtschaft zu zeigen. Die Verbesserung der Artenvielfalt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich alle stellen müssen.

Die Bauern verschließen sich dieser Aufgabe nicht", wehrt Weber ab und erinnert an die Initiative, bei der hessenweit mehrere Tausend Kilometer Blühstreifen angelegt wurden. Auch mit der Umsetzung von sogenannten Agrarumweltmaßnahmen gingen die Bauern mit gutem Beispiel voran.

Dabei hat man seitens des NABU sogar Verständnis für die Lage der Landwirte: Deren Sorgen in Bezug auf Umweltauflagen seien verständlich, sagt Kaltwaßer. Viele Bauern fühlten sich dem Preisdruck und steigenden Umweltanforderungen kaum gewachsen. Doch die Umweltprobleme ließen sich nicht leugnen: "Unser Grundwasser ist mit Nitrat belastet und die Klimabilanz der Landwirtschaft unverändert schlecht. Nach Angaben des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) weisen Gebiete mit leichten, sandigen Böden, oberflächennahem Grundwasser und intensiver Landwirtschaft meist hohe Nitratgehalte im Grundwasser auf; in Hessen gilt dies besonders für die Oberrhein- und die Untermainebene zu. Die überwiegende Anzahl an Rohwassermessstellen, die zur Trinkwassergewinnung herangezogen werden, liegen demnach in Waldgebieten.

Probleme durch zu hohe Werte im Trinkwasser gibt es in der hiesigen Region nicht, wie der Zentralverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMV) mitteilt: "Die vom ZMW betreuten Wassergewinnungsanlagen weisen keine Nitratwerte im Bereich des Grenzwertes von 50 mg pro Liter auf. Je nach Brunnen bzw. Fördersituation werden unterschiedliche Nitratwerte gemessen", erklärt Dirk Ficht, Abteilungsleiter Wasser. Und: Die aktuellen Erhebungen auf Pflanzenschutzmittel seien allesamt negativ und hätten somit keinen negativen Einfluss auf die Trinkwasserqualität. Der Verband ist Trinkwasserversorger für viele Kommunen in den mittelhessischen Landkreisen Marburg-Biedenkopf, Gießen, Lahn-Dill und Vogelsberg.

"Da wir aktuell weder zusätzliche Nitratbelastungen noch Belastungen aus Pflanzenschutzmitteln oder weiteren Stoffen verzeichnen können, ist auch keine Erweiterung von Aufbereitungsschritten erforderlich bzw. geplant", betont Ficht. FOTO: DPA

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