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Nicht mal Schnee von gestern

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Der Hoherodskopf ist ein besonderer Berg. Vom Westen bis weit in den Süden hat man freie Sicht - bei gutem Wetter bis nach Frankfurt oder weit über den Kreis Gießen bis zum Dünsberg. Ein Besuch lohnt sich zu allen Jahreszeiten. Nur dann nicht, wenn es wie aus Kannen gießt, wenn es neblig ist und wenn dort oben jahreszeitlich gesehen Schnee liegen sollte - aber keiner zu sehen ist. "Der Februar", sagt ein Mann, der sich am Kiosk untergestellt hat, "ist hier oben eigentlich ein schneesicherer Monat. Aber das hier . . ."

Er hat recht. Dieser Tag mit dem historischen Datum 02.02.2020 hätte Besseres verdient. Vor allem Schnee statt Regen. "Dieses Sauwetter ist schlecht fürs Geschäft", sagt der Mann noch, dann schlägt er den Kragen hoch, zieht die Mütze tief ins Gesicht und läuft in Richtung Parkplatz. Das ist wahr. Es ist ein richtig mieses Jahr für die Menschen auf dem Berg, die von den Wintersportgästen leben. Die Liftbetreiber vor allem, aber auch die Gastwirte trifft es hart. Oder doch nicht?

In der Hoherodskopfklause bereitet man sich auf die Mittagszeit vor. Draußen auf einem Schild steht: "Heute Beulchestag". Beulches, das ist eine Spezialität, ein Vogelsberger Nationalgericht (Hauptzutat Kartoffeln). Im Lokal brennt Licht, die Tür ist offen. Küchenchef und Betriebsleiter Thorben Laas lächelt freundlich und nimmt sich Zeit für die Fragen des Journalisten. "Wir haben im Moment eine schwierige Situation. Bei Regen und Nebel ist meist nicht viel los hier oben. Es kommen höchstens ein paar Stammgäste hoch. Wenn wir heute kein Beulches anbieten würden, wäre es für uns ein sehr ruhiges Wochenende. So sind wir aber praktisch ausgebucht."

Laas zieht die Stirn in Falten. "An den Wochentagen sieht es richtig schlecht aus." Und so gehe das schon den ganzen Winter: An Ski und Rodel sei nicht zu denken. Ja, die Lifte stehen still. Immerhin: An sonnigen Tagen ist die Sommerrodelbahn geöffnet. Aber die Sonne lässt sich an diesem Sonntag nicht blicken.

Ist so was schon mal vorgekommen, so gar kein Schnee? "Das ist nun wirklich keine neue Situation", sagt Laas. "Ich bin jetzt 22 Jahre hier oben, das hatten wir immer mal." Der Februar sei eigentlich schneesicher, "aber den Prognosen nach wird das nichts mehr. Wir wünschen uns jetzt sonnige, trockene Tage. Dann kommen schon mehr Gäste. Aber so wird das nichts".

Laas muss in die Küche. Draußen ist das Bild unverändert. Trostlos - wohin man auch schaut. Das Regenwasser sucht sich seinen Weg, gräbt kleine Rinnsale in die Bergwiesen. Der Lift zeigt sich nur schemenhaft im dichten Nebel und verschwindet talabwärts schon nach wenigen Metern im grauen Nichts. Der Funkturm ragt wie immer weit in den Himmel, aber die Spitze hat sich im Nebel versteckt. Wo sonst Eiszapfen hängen, suchen Regentropfen Halt. Drei durchnässte Mountainbiker fahren unentschlossen durchs Gelände. Dann drehen sie ab, vielleicht fahren sie heim. Außer gutem Essen gibt es nicht viel, wofür es sich lohnt, zu bleiben. Kein Blick in die Ferne. Keine Schlittenfahrt. Und nicht mal Schnee von gestern. Burkhard Bräuning

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