+
Die Mondlandung vor 50 Jahren war ein Schlüsselerlebnis für den ehemaligen Astronauten Thomas Reiter.

Von Neu-Isenburg ins All

  • schließen

Die erste Mondlandung ist ein Schlüsselerlebnis für Thomas Reiter. In dieser Nacht ist für den Jungen klar: Auch er will wie die Helden von "Apollo 11" Astronaut werden. Sein Traum wird wahr. Fast ein Jahr blickt er aus dem Orbit auf die Erde.

Als Neil Armstrong vor 50 Jahren auf dem Mond den "großen Sprung für die Menschheit" macht, sitzt der kleine Thomas Reiter vor dem Fernseher. "Sicherlich mit offenem Mund", wie der heute 61-Jährige erzählt. Im Wohnzimmer der Nachbarn in Neu-Isenburg, mit dem Blick auf die schemenhaften Schwarz-Weiß-Bilder von der Mondlandung am 20. Juli 1969, wird ein Wunsch des damals gerade mal Elfjährigen noch stärker: Er will Astronaut werden.

"Ich bin sicher, dass ich jetzt nicht der Einzige war, der sich als Kind dafür begeistert hat, aber der Wunsch oder der Traum, Astronaut zu werden, ist eigentlich schon vorher entstanden", erzählt der weltraumerfahrene Reiter, der heute für die europäische Raumfahrtagentur ESA als Koordinator und Berater arbeitet. Er habe sich schon für die vorangegangenen Missionen begeistert und alles gelesen, was man in Magazinen oder Zeitungen bekommen konnte. "Die Mondlandung selbst war dann noch mal gewissermaßen eine Bestätigung und hat diesen Wunsch noch mal verfestigt."

Reiter erinnert sich an das Ereignis: "Mein Vater hat mich mitten in der Nacht geweckt und dann sind wir zu den Nachbarn gegangen", erzählt Reiter. Die seien die Ersten gewesen, die einen Farbfernseher hatten - wenn auch die Bilder von Armstrongs ersten Schritten auf dem Mond in den Morgenstunden des 21. Juli deutscher Zeit nur in Grautönen zu sehen gewesen seien. "Das war natürlich ein unglaubliches Erlebnis. Der Moment, in dem man sagen kann, jetzt hat die Welt den Atem angehalten und die Daumen gedrückt."

Das Interesse kam auch über seine Eltern. Sein Vater sei leidenschaftlicher Segelflieger gewesen. Jede Woche seien sie damals zum Flughafen in Egelsbach gefahren. "Für mich war das eine Fortführung dessen, also man sitzt als Pilot in einem Flugzeug und in einer Rakete ist man halt jenseits der Atmosphäre."

Als es Richtung Abitur ging, sagte sich der spätere Astronaut: "Die Wahrscheinlichkeit, in Europa in eine solche Laufbahn reinzugehen, ist nahe null." Der junge Reiter geht zur Bundeswehr, studiert Luft- und Raumfahrttechnik, zieht nach Norddeutschland und wird Kampfpilot. Die Erfüllung seines Traums kommt dann eher überraschend. "Das ganze begann im Prinzip 1986", erzählt der 61-Jährige. Er sei an einem grauen Herbsttag vom Fliegen zurückgekommen, als ein Offizier ihm sagte, er müsse zum Kommandanten. Er habe darüber nachgedacht, wann und wo er einen Fehler gemacht haben könnte, doch sein Chef habe nur gefragt, ob er an einem nationalen Auswahlprogramm für Astronauten teilnehmen wolle.

1990 sei dann die ESA gekommen und wieder habe er das ganz Auswahlprogramm mit Medizinchecks, Psychologen und Interviews durchlaufen. Nach Angaben der ESA gab es damals 22 000 Bewerber aus ganz Europa.

Reiter flog ins All. Zunächst 1995 zur russischen Raumstation Mir, wo er als erster deutscher Astronaut an einem Außenbordeinsatz teilnahm. 2006 flog er dann mit dem Spaceshuttle "Discovery" für einen Langzeiteinsatz zur Raumstation ISS.

Die Bilanz eines Kindheitstraums: "Ich war 350 Tage im All." Natürlich wäre Reiter auch gerne zum Mond geflogen. "Das was mich damals elektrisiert hat, ist heute noch genauso. Mit den eigenen Füßen auf der Oberfläche eines anderen Himmelskörpers zu stehen", sagt der verheiratete Vater von zwei Söhnen. Das ist das, was mir von dem Moment im Juli 1969 wirklich ganz präsent ist." Auf dem Weg zu den Nachbarn habe man den Mond am Himmel in rund 380 000 Kilometern Entfernung gesehen und gewusst, da sind jetzt Menschen. "Da kriege ich auch heute noch Gänsehaut."

An das von der US-Raumfahrtagentur NASA gesteckte Ziel einer bemannten Mondmission bis 2024 glaubt Reiter nicht. Er sieht einen solchen Flug eher in der zweiten Hälfte des kommenden Jahrzehnts. "Die Technologie zieht man nicht so einfach aus dem Ärmel." Aber Reiter sieht gute Chancen, dass bei der nächsten Mission auch eine Astronautin oder ein Astronaut aus Europa dabei sein wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare