Neonazi-Wege kreuzten sich mehrfach in Gießen

Gießen (mö). Die hessische NPD ist bei ihrer Gießener Demonstration am 16. Juli dieses Jahres von Neonazis aus Thüringen unterstützt worden. Dies beschränkte sich keineswegs nur auf Werbemaßnahmen im Vorfeld.

Klar ist mittlerweile, dass Rechtsextremisten aus dem Dunstkreis des bekannten NPD-Funktionärs Thorsten Heise in Gießen dabei waren. So wurde von Demonstrationsteilnehmern aus Thüringen während des Marschs durch Gießen per Megaphon für den Eichsfeldtag der NPD am 3. September in Leinefelde geworben. Dies lässt sich anhand einer Filmdokumentation nachvollziehen, die das Jugendnetz Wetzlar über den 16. Juli produziert hatte.

Der Eichsfeldtag der NPD, an dem mehrere hundert Anhänger der rechten Szene teilnahmen, wird von Heise, der dort im Kreistag sitzt, organisiert. Der frühere NPD-Bundesvorstand hatte auch auf der Internetseite seines Witwe-Bolte-Versands (W&B), mit dem Heise rechtsextreme Musik und Devotionalien für die Neonazi-Szene vertreibt, für die Gießener Demonstration geworben. An dem Gießener Aufmarsch hatte die von Heise einst gegründete Kameradschaft Northeim aus der Nähe von Göttingen teilgenommen. Nach Angaben des Thüringer Verfassungsschutzes ist diese Kameradschaft nach dem Umzug von Heise von Niedersachsen nach Thüringen mit der Kameradschaft Eichsfeld faktisch verschmolzen. Die Zahl der darin aktiven Neonazis gibt die Behörde in ihrem Bericht für 2010 mit 15 an.

Zur Teilnahme an der Veranstaltung in Gießen war – wie berichtet – auch im "Freien Netz" Thüringen aufgerufen worden. Zu diesem Netz zählen Gruppen wie der Südthüringer Heimatschutz oder das Freie Netz Jena, das aus jener kleinen Kameradschaft hervorging, der die Terrorzelle um das Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bis zu deren Abtauchen 1998 angehörte.

Kevin S. wohnte im "Braunen Haus"

Für Beobachter der rechten Szene kommt es nicht überraschend, dass es eine enge Verflechtung zwischen Hessen und Thüringen gibt. So sind einige prominente hessische Neonazis in den letzten Jahren ins östliche Nachbarland abgewandert. Auch im Zusammenhang mit der schlimmsten Gewaltat, die in Hessen von einem Rechtsextremisten in den letzten Jahren verübt wurde, führt eine Spur nach Thüringen. Der Butzbacher Kevin S., 2009 vom Amtsgericht Schwalmstadt zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er im Juli 2008 beim Angriff auf ein linkes Zeltlager ein 13-jähriges Mädchen mit einem Klappspaten schwer am Kopf verletzt hatte, wohnte vor dieser Tat im mittlerweile berühmt-berüchtigten "Braunen Haus" in Jena.

Dass sich die Wege der rechten Szene immer wieder kreuzen, auch in Gießen, macht ein Vorgang deutlich, über den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) in ihrer aktuellen Ausgabe berichtete. Danach gebe es Hinweise, dass sich Neonazis aus der Jenaer Szene um das Jahr 2000 herum in Südafrika auf der Farm des rechtsextremen Publizisten Dr. Claus Nordbruch aufgehalten haben, womöglich, um dort auch ein Schießtraining zu absolvieren.

Ein Vortrag im Großen Steinweg

Das war jene Zeit, als Nordbruch bei seinen regelmäßigen Besuchen in Deutschland hier Vorträge hielt. Im September 1999 laut FAS zum Beispiel bei einer Veranstaltung des "Thüringer Heimatschutzes" in Jena. Einige Monate später gastierte Nordbruch in Gießen. Einem Termineintrag im Archiv dieser Zeitung ist zu entnehmen, dass Nordbruch am 23. Mai 2000 vor der Burschenschaft Dresdensia Rugia in deren Domizil im Großen Steinweg über das Thema "Der Verfassungsschutz – geistig-politische Auseinandersetzung in Deutschland" sprach. Es dauerte dann noch fünf Jahre, bis die Kontakte dieser Studentenverbindung zur NPD im sächsischen Landtag bekannt wurden.

In den beiden folgenden Jahren kam es in Gießen dann wiederholt zu Auftritten von militanten Rechtsextremisten aus dem Umfeld des damaligen NPD-Landesvorsitzenden Marcel Wöll aus Butzbach. Ein Aktivist und eine Aktivistin aus dem Rhein-Main-Gebiet, die im Juli 2007 am Kirchenplatz in Gießen Flugblätter verteilten, wurden wenige Wochen später auf einem privaten Schießstand in der Schweiz beim Training mit Großkaliber-Karabinern heimlich gefilmt. Zu sehen sind die Aufnahmen im Rahmen einer Nachrichtensendung des Schweizer Fernsehens auch heute noch auf dem Videokanal You Tube. "Ein hessischer Neonazi am Sturmgewehr" sei kein alltäglicher Vorgang, äußerte sich Hessens Verfassungsschutz-Direktor Alexander Eisvogel damals besorgt. Im hessischen Verfassungsschutzbericht für 2007 hieß es dann, aus dem Vorfall in der Schweiz könne nicht geschlossen werden, dass sich die rechtsextreme Szene bewaffne.

Etwas anderes hingegen steht fest: Das Burschenschaftshaus im Großen Steinweg wird auch fast sieben Jahre nach den Enthüllungen weiter von führenden Vertretern der Sachsen-NPD genutzt. Ende Oktober verbrachten die beiden Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel und Arne Schimmer dort ein Wochenende.

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