Der Natur ausgesetzt: Florian Hill auf dem Gipfel

Gießen/Lahnau (süd). "Es gibt Momente, wo ich reflektiere, ob die Risiken im Gleichgewicht stehen mit dem, was ich mitnehmen kann." Extrembergsteiger Florian Hill, 27 Jahre alt und in Lahnau aufgewachsen, ist ein fröhlicher Mensch. Aber als er von seiner jüngsten Expedition durch Alaska erzählt, wird er immer wieder nachdenklich.

Denn immerhin hat er Ende Mai einen Gipfel erklommen, an dem kurz zuvor zwei Menschen umgekommen waren. Expeditionen, wie er sie unternimmt, seien "hochgradiger emotionaler und physischer Stress", bekennt der 27-Jährige, der inzwischen im Ötztal in Tirol wohnt, im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Die Gefahren blendete er nicht aus, als er von seiner Expedition durch das Juneau-Eisfeld erzählte. Aber eigentlich ging es ihm darum, von seinen Abenteuern zu berichten, von den gewaltigen Eindrücken und vielen Glücksmomenten, die er daraus zieht. Von seiner mehrwöchigen Tour (April bis Juli) hatte er zuvor bereits in einem Reisetagebuch berichtet.

"Die Königsdisziplin"

Seine Motivation - und die anderer Extrembergsteiger - sei es, als erster Mensch eine bestimmte Route zu einem Gipfel zu begehen, "das ist die Königsdisziplin". Jetz war er in Alaska, in einem der klimatisch extremsten Länder. Unterweg war Hill zusammen mit dem Österreicher Max Kirchgassner "by fair means", wie er sagte. Das heißt, mit fairen Mitteln, ohne technische Hilfsmittel oder Sicherheitsnetze, ohne Satellitentelefon, ohne abrufbereiten Hubschrauber für den Notfall.

"Es ist eine elementare Erfahrung, der Natur hilflos ausgesetzt zu sein." Wo diese Grenzerfahrung anfange, da höre die Show auf, erzählte der 27-Jährige.

Das Juneau-Eisfeld gilt als größte nicht-polare Eisfläche der Erde und liegt im Grenzgebiet zwischen Alaska und Kanada. Und was macht diese etwa 4000 Quadratkilometer große Gegend so attraktiv für einen Extrembergsteiger ? Die Antwort von Hill ist einfach. "Jede Menge unbestiegene Routen."

Auf Skiern und mit Schlitten, die sie selbst zogen, waren Hill und Kirchgassner unterwegs. Um zum Gipfel Taku-D-Peak zu kommen, mussten sie zunächst einen Regenwald und dann das Eisfeld durchqueren, Ausgangspunkt war Juneau, die Hauptstadt Alaskas. 90 Kilogramm Gepäck hatten sie zu transportieren: Brennstoff, Kletterequipment, Essen, Kleidung. Und was isst man in der eisigen Kälte? Gefriergetrocknete Nahrung, die mit heißem Wasser aufgegossen wird, vor allem Reis- und Pastagerichte. Das Wasser, auch das zum Trinken, gewinnt man, indem es geschmolzen wird. Es dauert stundenlang, alle Trinkflaschen und Teekanne voll zu bekommen.

Im Eisfeld dann schnell die erste Schwierigkeit: Das völlig unberechenbare extreme Klima. "Es schlägt von einer auf die andere Minute um", berichtete Hill. Von einer Minute auf die nächste waren die beiden Bergsteiger von Nebel umgeben, sahen fast die eigene Hand nicht mehr vor Augen. Drei Tage lang saßen sie fest, im Zelt, waren zudem einem Schneesturm ausgesetzt. Fragen stellten sich: "Erreichen wir den Gipfel? - Was ist, wenn wir auf dem Rückweg solch schlechtes Wetter haben?" Irgendwann ging es weiter, "dort hat das Abenteuer angefangen", blickt Hill zurück.

Ein Tag für die Erfüllung des Traums

Am Fuß des Gipfels saßen sie nochmals einen Tag lang im Schneesturm fest. Dann wurde es nachts allmählich klarer. Für Hill und Kirchgassner war klar: "Wir haben jetzt nur einen Tag für die Besteigung." Sie beschlossen, früh morgens aufzubrechen, das Wetterfenster auszunutzen, um sich ihren Traum zu erfüllen. Zwei weitere Gefahren ergaben sich, eine aus dem Zeitpunkt, Mitte Mai war es. Es bestand Lawinengefahr, immer dann, wenn Flächen in der Sonne standen. Und dann stellte sich heraus, dass das Gestein am Gipfel extrem brüchig war, nicht überall konnten die Sicherungen angelegt werden.

"Es ist dieses Abenteuer, nicht zu wissen, was auf einen zukommt, mit diesen schwierigen Situationen umzugehen und nach vorne zu schauen", erklärte Hill. Und sagt im Rückblick: "Wir hatten sehr großes Glück, dass nichts passiert ist."

Den Weg zum Gipfel legten sie schnell zurück, bei "Kaiserwetter" mit bester Weitsicht. Ausgestattet mit Steigeisen, Kletterseil und Eispickel. Gegen 5 Uhr waren sie losgezogen, nach etwa achteinhalb Stunden waren rund 550 Höhenmeter zurückgelegt, war das Ziel erreicht. Für die beiden Sportler in zweifacher Hinsicht ein Erfolg, denn es war die Erstbegehung der Südostwand und überhaupt die erste Überwindung des Taku-D-Peak "by fair means".

Am Ziel: Wehmut

Für Hill bedeutete dieser Moment auch Wehmut. Er hatte zwar eine große Herausforderung bewältigt, "aber ein Ziel verloren", weil es abhaken konnte.

Dann ging es zurück, runter vom Gipfel und über das Eisfeld, "tagelang, Stunde um Stunde unterwegs, um aus der Weite wieder herauszukommen". Dabei war erneut die Sonne ein Problem, Hill und Kirchgassner mussten höllisch aufpassen, um nicht in einer Gletscherspalte einzubrechen.

Nach einigen Tagen Pause ging es wieder los. Diesmal war der Mount McKinley das Ziel, der höchste Berg Nordamerikas (6194 Meter hoch). Kurz zuvor waren hier mehrere Menschen bei schlechten Wetterbedingungen verunglückt, einige tödlich. Im Juni erwischt es einen weiteren, einen erfahrenden Bergführer. Hills Partner Kirchgassner gab im Basislager auf, war ausgebrannt. Hill entschloss sich, alleine zu klettern, war wiederum schnell unterwegs, die Kondition stimmte. 300 Meter vor dem Gipfel dann die Wende. Schlechtes Wetter zog auf, Hill entschied, jetzt zählt jede Sekunde und drehte um: "Meine Intuition war richtig."

Im nächsten Jahr nach Pakistan

Solche Unglücke in den Bergen stellen auch für Florian Hill vieles infrage, aber: Die Gefahren sind Bestandteil seiner Arbeit, er muss damit umgehen, auch mit den Tragödien, wenn es einen befreundeten Bergsteiger erwischt.

Die dritte Expedition in Alaska führte dann in die Brooks Range, die letzte Bergkette vor dem arktischen Meer. Hier wollte Hill vor allem neue Projekte ausfindig machen, von denen er jetzt noch nichts erzählte.

Und was plant er als nächstes ? 2012 macht er eine Pakistan-Expedition, das Land mit einigen der höchsten Berge der Erde. Hill will dann den Hidden Peak besteigen, einen Achttausender - natürlich über eine unbestiegene Route. Außerdem plant der 27-Jährige eine "Reise ins Innere", in einem buddhistischen Kloster. Vorher kommt Florian Hill im November noch nach Gießen, auf Einladung des Deuschen Alpenvereins nimmt er an einer Podiumsdiskussion teil.

Bleibt noch eine letzte Frage: Ist Hill ein Künstlername oder Berufung ? "Mein Name ist echt, somit Berufung und Künstlername zugleich."

Florian Hill: Die Sehnsucht ist meine Krankheit Trotz Todesgefahr: Florian Hills Aufstieg zum Mount McKinley Florian Hills nächste Etappe: Der Mount McKinley. Florian Hill: Erfolgreich durchs Juneau Eisfeld Flug in die Wildnis: Florian Hills letztes Training Extrembergsteiger Florian Hill: Quer durchs Juneau-Eisfeld

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