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Nadelhüter

  • vonKatrin Hanitsch
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Ich höre die Nadeln noch klappern, als wäre es gestern gewesen. Da, wo ich früher wohnte, klapperten sie ständig. Für viele, die meine Besitzerin besuchten, gehörten in ihre Hände einfach Stricknadeln, unten dran ein neu entstehender Strumpf. Jeder in der großen Familie, der das wollte, wurde mit gestrickten Socken versorgt.

Und ich habe die Nadeln gehütet. In meinem hölzernen Inneren waren sie gut aufgehoben, wenn sie gerade nicht gebraucht wurden.

Ich habe nicht nur Platz für die kurzen Strumpfnadeln, nein auch lange, dicke Stricknadeln kann ich gut verstauen, bin schließlich 43 Zentimeter lang.

Eines Tages wurde ich an die Enkelin der Frau verschenkt. Die hatte das Stricken von ihr gelernt und probierte alles mögliche aus: Handpuppen, Stirnbänder, Pullover - und ja, auch ein Paar Socken. Eines. Unbequem und löchrig. Für all das brauchte sie viele verschiedene Nadeln, auf die ich aufpassen konnte.

Doch dann hat sie das Nähen für sich entdeckt. Das geht schneller, sagt sie. Ich weiß gar nicht, wann sie so ungeduldig geworden ist. Seitdem liege ich meistens ungenutzt im Schrank.

Die Frau musste das Stricken irgendwann wegen ihrer Arthrose aufgeben, seit ein paar Jahren lebt sie nicht mehr. Die letzten Strümpfe, die sie gestrickt hat, werden langsam dünn. Und die Enkelin ist mit den genähten Exemplaren auch nicht glücklich.

Ich bin mir sicher, das kann nur eines bedeuten: Irgendwann werde ich wieder gebraucht. Und bis dahin mache ich das, was ich am besten kann: Gut auf die Nadeln aufpassen. kan/FOTO: KAN

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