Auf der B3 nach Süden

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Sie ist berühmt und auch berüchtigt. Auf ihr kann man flott vorankommen, aber manchmal geht auch gar nichts. Sie ist eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen in Hessen. Aber sie ist keine Autobahn, obwohl einige Abschnitte mehrspurig ausgebaut wurden. Die Rede ist von der B3, der Bundesstraße, die den Norden mit dem Süden verbindet. Wolfgang Groeger-Meier ist auf der B3 von Hamburg bis an die Schweizer Grenze gefahren. Er hat sich Zeit gelassen, Eindrücke gesammelt. Davon erzählt er heute.

Die bunten 1970er Jahre lassen grüßen: In einem mintgrünen BMW 2002, Baujahr 1975, fahre ich auf der Bundesstraße 3 durch Hessen – von Norden nach Süden. Der Start ist in Kassel, wo mein Reisebegleiter Markus Schönfeld zusteigt. Zusammen fahren wir drei Tage von Kassel über Marburg, Gießen, Bad Nauheim nach Frankfurt. Fahren ist vielleicht das falsche Wort. Wir halten oft an, denn wir wollen Land und Leute kennenlernen. Die Begegnungen mit Menschen an der B3 sind es, die unsere Geschichte lebendig machen.

Wir wollen erleben, was auf einer Tour über die deutsche "Route 66" im Hessenland passiert. Geschichten, so haben wir vorher gehört, finden sich am Wegesrand – oder für uns präziser: am Rand der B3. Wir sind gespannt. Kassel sehe ich nicht ganz unvorbelastet. Meine Mutter hat in den 1960er Jahren hier gelebt, gearbeitet und "gesportelt". Sie leitete eine Wasserski-Jugendgruppe, ging Wandern und Segelfliegen. Und besuchte natürlich die "documenta". Begeistert erzählt sie mir noch heute von dieser Zeit. Die Fotowünsche meiner Mutter werden selbstverständlich erledigt: Herkules und Schloss Wilhelmshöhe. Von der Wilhelmshöhe bietet sich ein traumhafter Blick auf die Stadt.

Bei blauem Himmel und Sonnenschein fahren wir an einem Septembermorgen weiter in Richtung Süden. Wir folgen dem Streckenverlauf der alten B3 und bleiben auf Kurs. Die Straße schwingt sich durch die sanfte Hügellandschaft südlich von Kassel. So macht Auto fahren Spaß. Ein großes Grinsen zieht sich über unsere Gesichter. Beim nächsten Café machen wir in der Sonne eine Pause, trinken eine Tasse und genießen ein leckeres Stück Kuchen. Wie im Urlaub fühlt es sich an. Die Menschen sind entspannt. Auch die Oldtimerfreunde, die wir treffen, begrüßen uns sehr freundlich, fast wie alte Bekannte. Wir teilen die Begeisterung für alte Sportwagen und so sind wir gleich beim "Du". Gemeinsam fahren wir ein Stück auf der alten Bundesstraße.

Die Oldtimerfreunde haben prächtige Fahrzeuge. Ich darf in einem offenen Jaguar XK120, Baujahr 1957, mitfahren. Der Fahrtwind weht ins Cockpit und mir ins Gesicht. Dem Fahrer merkt man die Begeisterung an. Stilecht mit Handschuhen, lenkt er seinen Sportwagen Richtung Fritzlar. Nach zwanzig Kilometern trennen sich unsere Wege. Für Markus und mich geht es weiter über Fritzlar Richtung Marburg. Die Passion unter Oldtimerfahrern verbindet. Jens, ein BMW- 2002-Fahrer, hat unsere Tour über unseren Reiseblog und die B3-Facebook-Gruppe mitverfolgt. Und uns zum Kaffee nach Hause eingeladen. Wir werden herzlich empfangen. Der Kaffee schmeckt wie in Italien. Und so fühlen wir uns auch. An einem sonnigen Montagnachmittag sitzen wir mit einer sehr freundlichen Familie auf ihrer Terrasse. Unterhalten uns entspannt über Autos, Hessen, und die Vorteile, auf dem Land zu wohnen. Die Freundlichkeit unserer Gastgeber ist überwältigend. Ein Stück Dolce Vita mitten in Deutschland.

Nächste Station: Wir halten in einem Dorf kurz vor Cölbe, nördlich von Marburg. Einer, er heißt Robert, bewundert unser Auto. Er hatte auch mal einen 2002. "Was für ein tolles Auto", erinnert er sich. Die beiden alten Herren sind über 90 Jahre – und noch richtig fit. Napoleon habe einen Teil der alten Landstraße im Dorf gebaut, erzählen sie. Wir werden von Robert eingeladen, seine Schätze in der Garage anzuschauen. Wir nehmen die Einladung an, was wir sehen, ist klasse. Unser nächstes Ziel ist die Poststraße im Dorf. Hier verlief also die alte Landstraße, Vorläufer der heutigen B3.

Marburg zeigt sich im Abendlicht. Von der Festung können wir den Blick weit ins Tal schweifen lassen. Zwischendurch bleibt das Auge immer wieder an Kirchtürmen, wunderschönen alten Fassaden und viel Grün hängen. Und an Studentinnen, die den Sonnenuntergang und die blaue Stunde hier über der Stadt auf den Mauern der Festung genießen.

Wir beenden unseren Tag in einem Gasthof mitten in der Stadt. Wir genießen ein heimisches Bier und das gute Essen. Ein großartiger Tag! Und ein sehr netter Kellner im Gasthof, der uns den Wunsch nach einem zweiten Bier sofort ansieht. Prost. Wir kommen wieder – das ist sicher. Es sind so oft die Kleinigkeiten, die das Leben besonders machen. So genossen wir mitten in Deutschland mit Blick auf den Marburger Marktplatz das Leben und die Sonne. Und wir dachten auch an die Bundesstraße 3, die uns hierher geführt hat.

Wo Elvis wohnte

Diese Region hat etwas ganz Besonderes. Die Bewohner begegnen uns mit einer großer Freundlichkeit. Mit einem Charme, den wir sonst eher aus Italien kennen. Nur ein paar wenige Beispiele: die sehr netten Bedienungen im Café, der freundliche und engagierte Chef eines innovativen Familienunternehmens, die charmante Tankstellenpächterin, die uns morgens einen guten Kaffee macht. Wir sind begeistert. Alle Vorurteile über den muffeligen Deutschen sind weggefegt.

Natürlich sind wir auch auf der Spur von Stars. Superstars. Elvis Presley hat in Friedberg seine Militärzeit absolviert und lebte in Bad Nauheim. Wir fahren vor das ehemalige Hotel, in dem er im Herbst 1958 mit Vater, Freunden und Großeltern lebte. Das Zimmer, in dem Elvis wohnte, ist noch nahezu original erhalten. Ein Feuermelder wurde nachgerüstet. Sonst sieht noch alles so aus, als wäre der Star gerade eben zur Tür hinaus. Auch der Duft der 1950er Jahre ist noch im Raum. Hier hat der King of Rock’n’Roll gelebt. Unfassbar. In dem Hotel erinnern viele kleine Details an den prominenten Gast. Der alte Fahrstuhl, betrieben mit Wasserdruck, ist noch erhalten, doch heute nicht mehr in Betrieb. Ein neuer Lift daneben fährt nun nach oben.

Der Hoteldirektor begrüßt uns freundlich, und wir nehmen ein Getränk auf der Terrasse mit Blick auf den Kurpark. Elvis ist immer dabei. Hier saß er Ende der 50er Jahre. Wie war das wohl? Wie viele Fans waren hier wohl auf der Straße? Diese Fragen beantwortet uns am nächsten Tag eine Zeitzeugin. Sie hat Elvis für ein britisches Magazin fotografiert. Und kann eine ganze Menge zum King erzählen. Nebenbei. Denn sie arbeitet, wie schon vor sechzig Jahren, noch immer im Optik-Fachgeschäft. Und ist freundlich, eloquent, charmant und witzig. Wir haben Respekt vor Frau Flor. Und sind ganz hin und weg.

Mit ihrer charmanten Art war es für Frau Flor sicher ein Leichtes, mit Elvis locker und entspannt umzugehen. Sie hat ihn nicht wie einen Star behandelt, sondern wie einen guten Freund, der nebenan in Bad Nauheim wohnt. Wir hören Frau Flor gebannt zu und verstehen, warum sich Elvis gerne von ihr fotografieren ließ.

Die B3 kennt viele Geschichten. Von den Anwohnern, von den Reisenden. Von Menschen und Motoren. Man sieht die Veränderungen der Straße, der Ortschaften und Städte. Wir spüren immer mehr, wie uns diese Straße fesselt. Mit dem Band der Heimatverbundenheit und Freundschaft. Viele Menschen, die wir auf dieser Tour durch Hessen getroffen haben, möchten wir wiedersehen. Am liebsten alle.

Wir haben uns hier sofort sehr wohlgefühlt. Wurden immer freundlich begrüßt und waren willkommen. Was will man mehr. Wiederkommen? Das werden wir sicher. Bis bald auf der Bundesstraße 3!

Mehr Informationen zur Reise auf www.bundesstrasse3.de Text.

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