Nach Randale in Bad Nauheim: Der Mob greift an

Bad Nauheim (bk). Beschauliche Kurstadt? Von wegen. Mit dem massiven Angriff von randalierenden Marktplatzfest-Besuchern auf Polizeibeamte und dem Versuch, den Posten in der Mittelstraße zu stürmen, zeigt sich eine neue Qualität der Gewalt in Bad Nauheim.

Es schien ein gelungenes Marktplatzfest zu sein, nichts deutete in der Nacht zum Sonntag auf bevorstehende Schlägereien oder gar eine Eskalation der Gewalt hin. Das erklären Polizei und Festbesucher übereinstimmend. Auch der Auslöser der Krawalle war recht harmlos. "Beim Marktplatzfest hatten wir mehrere Streifen im Einsatz. Eine davon beobachtete den Beginn einer handgreiflichen Auseinandersetzung von zwei Männern vor einem Lokal in der Burgstraße", berichtet Polizeisprecherin Sylvia Frech.

Als die zwei Beteiligten gegen 1.15 Uhr zum Polizeiposten gebracht werden sollten, mischte sich ein 20-jähriger Festbesucher aus Wöllstadt ein und beleidigte die Beamten. "Der junge Mann, der ebenfalls vorübergehend festgenommen werden sollte, schlug auf meine Kollegen ein", sagt Frech. Die Verstärkung brachte den 20-Jährigen zur Raison, wurde aber von einer Gruppe junger Männer bedrängt.

"Die Polizisten wurden aufgefordert, den Mann freizulassen. Als das nicht geschah, wurden die Beamten massiv angegriffen", berichtet die Polizeisprecherin. Etwa 20 Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren versuchten, den Weg zum Polizeiposten zu blockieren und bewarfen die Beamten mit Gläsern. Als die Streife mit dem Festgenommenen ins Gebäude gelangt war, versuchten die Angreifer, dorthin vorzudringen, drückten gegen Eingangstür und Fenster. Erst weitere Verstärkung, die eine Kette vor der Tür bildete, bekam die Lage in den Griff. Auch diese Beamten wurden bedroht, einige Männer griffen zu Holzstühlen und gingen damit auf die Polizisten los.

Mitten drin im Geschehen war Bernd Büthe, "Schutzmann vor Ort" für Bad Nauheim, der den Einsatz leitete. Er hatte sich zunächst im Polizeiposten aufgehalten, als sich das Unheil zusammenbraute, ging er nach draußen. "Das war in jedem Fall eine bedrohliche Situation. Wir hatten Riesenglück, dass niemand verletzt wurde", sagt Büthe. Seine Kollegen seien von dem Mob bis auf die enge Treppe am Eingang des Gebäudes verfolgt worden.

Gläser seien auf die Stufen geprasselt, bis Polizei und Festgenommener drin waren. Büthe beteiligte sich am Schutz des Gebäudes. Holzstühle flogen, wodurch es zu Schäden an der Fassade gekommen sei. An weitere Festnahmen sei nicht zu denken gewesen, zumal sich im Gebäude bereits vier Verdächtige befunden hätten – neben den drei Männern eine Frau, die sich hysterisch aufgeführt habe. "Angst hatte ich nicht. Man muss einen klaren Kopf behalten und handeln, um die eigene Haut zu retten", beschreibt Büthe seine Gefühlslage. Während seiner Dienstjahre in Frankfurt hat der Oberkommissar ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch am Marktplatz habe es vor ein, zwei Jahren einen Einsatz gegeben, bei dem Randalierer mit Schlagstock-Einsatz am Eindringen ins Polizeigebäude gehindert werden mussten. Bezüglich der Ermittlungen ist der Schutzmann skeptisch. Als die Verstärkung aus Friedberg die Lage in den Griff bekommen habe, hätten immer noch Leute vor dem Posten rumgeschrien. Die Rädelsführer seien aber untergetaucht gewesen.

Videoüberwachung nicht vor 2017

Während die zwei Männer aus Bad Nauheim, die an der Schlägerei beteiligt waren, schnell entlassen wurden, musste der Wöllstädter die Nacht in einer Ausnüchterungszelle in Friedberg verbringen. Dort sprühten die Täter später mit silberner Lackfarbe Beleidigungen auf den Zufahrtsweg zur Polizeistation. Gegen den 20-Jährigen wird nach Aussage von Polizeisprecherin Frech wegen Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt. Deutlich höhere Strafen könnten auf die übrigen Beteiligten zukommen. Bei ihnen ist von Landfriedensbruch und versuchter Gefangenenbefreiung die Rede. Zu der 20-köpfigen Gruppe liegen den Ermittlern bislang allerdings keinerlei vernünftige Hinweise vor. "Wir wissen nicht, ob es sich um Bekannte des jungen Mannes aus Wöllstadt handelt, der noch mal vernommen wird, oder ob sie sich mit einem Unbekannten solidarisiert haben", erklärt Frech. Die Polizei (Telefon 0 60 31/6010) sei dringend auf Zeugenaussagen angewiesen.

Wie die Polizeisprecherin einräumt, sei der Vorfall außergewöhnlich. Aus den vorliegenden Daten lasse sich aber nicht ableiten, dass Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und fehlender Respekt vor der Polizei sich im Kreisgebiet zu einem immer größeren Problem entwickle. In den letzten fünf Jahren hätten die Zahlen geschwankt. So wurden 2011 21 solcher Delikte gezählt, zwei Jahre später waren es nur 8, 2015 dann wieder 17. Meist gingen dem Widerstand gegen Polizeibeamte häusliche Gewalt oder Schlägereien in Gaststätten voraus, fast immer sei Alkohol im Spiel. Frech: "Wir haben damit ein Problem in der Wetterau, aber es gibt kein Massenphänomen." Im aktuellen Fall hätte die von der Polizei geforderte Videoüberwachung sicher weiterhelfen können. "Dann hätten wir vermutlich Bilder von den Angreifern", sagt die Pressesprecherin.

Die Voraussetzung zur Installation von Kameras will die Verwaltung bald schaffen, betont Erste Stadträtin Brigitta Nell-Düvel. "Die Magistratsvorlage ist fast fertig und geht dann in die Gremien." Stimme die Politik zu, könne mit der Videoüberwachung vermutlich 2017 gestartet werden. Vorher stehen nämlich keine Haushaltsmittel bereit. Die Kosten für die Videoüberwachung veranschlagt die Dezernentin auf gut 40 000 Euro.

Die Erste Stadträtin zeigt sich erschüttert über die Vorfälle in der Nacht zum Sonntag. "Nach einem friedlichen Fest kommt es plötzlich zu einer Solidarisierung gegen die Ordnungskräfte. Das ist eine sehr erschreckende Entwicklung. Die Hemmschwelle sinkt immer mehr, immer öfter werden Polizisten beleidigt oder angegriffen", sagt Nell-Düvel. Nichts habe auf eine solche Eskalation hingedeutet, zumal Polizei und die von den Wirten gestellten sechs Sicherheitskräfte professionelle Arbeit geleistet hätten. Als Konsequenz aus den Zwischenfällen soll es nach Ansicht der Dezernentin beim nächsten Marktplatzfest keine Gläser, sondern nur noch Plastikbecher geben.

"Es war ein glücklicher Zufall, dass die Beamten nicht von Gläsern im Gesicht getroffen wurden. Da besteht enormes Verletzungspotenzial."

Heftige Facebook-Debatte

In den sozialen Medien lösten die Attacken auf die Polizei am Rande des Marktplatzfestes eine breite Diskussion aus. In Facebook-Beiträgen wird angemerkt, dass es kaum noch möglich sei, ein friedliches Fest ohne Randale zu feiern. Zudem gehe in Bad Nauheim der Respekt vor Institutionen wie Polizei oder Feuerwehr immer mehr flöten. "Zum heulen, wirklich. Bad Nauheim macht bald keinen Spaß mehr. Nur noch Idioten unterwegs", heißt es in einem Eintrag.

Ein anderer Facebook-Nutzer beschimpft die Polizei allerdings auch. Die Beamten werden als "Missgeburten" tituliert. Sie zu bedauern, sei nicht angebracht.

20 Männer attackieren Bad Nauheimer Polizeistation

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