Nach 85 Jahren braucht die Dicknertsmühle neue Geldgeber

Gemünden (rs). Der Tüftler und Elektromeister Willi Theis ist in Schwierigkeiten. Gebrochene Zahnräder stoppten die Stromerzeugung in der Dicknertsmühle - wo mit Wasserkraft seit Jahrzehnten Öko-Strom erzeugt wird. Nach der Reparatur steht die Mühle nun möglicherweise vor dem finanziellen Aus.

Strom mit regenerativer Energie zu erzeugen, ist etwas ganz Modernes und im Hinblick auf die steigende Zahl der Windkraftanlagen auf den Höhenzügen im Vogelsbergkreis ein zunehmend strittiges Thema. Sollte man meinen. Denn strittig werden die Windmühlen zwar mehr und mehr, aber ist regenerative Stromerzeugung wirklich modern? Diese Frage stellt sich angesichts der zahlreichen Mühlen an der Ohm, in denen bereits seit Jahrzehnten Strom mit Wasserkraft erzeugt wird. Eine der größten Anlagen dieser Art, die bereits seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts Strom produziert, ist die Dicknertsmühle zwischen Nieder-Gemünden und Homberg im Tal von Wäldershausen. Seit über 40 Jahren wird die Anlage von Elektrikermeister Willi Theiß aus Ehringshausen betrieben, jetzt könnte nach langen aufwändigen Reparaturen aus finanziellen Gründen das Aus kommen.

Wasserkraft wurde an der Dicknertsmühle bereits im 19. Jahrhundert genutzt. Die Geschichte des Gebäudes und seine Nutzung sind in einer Genehmigung des Landrates des Landkreises Alsfeld von 1953 zur Unterhaltung eines Elektrizitätswerkes mit Wasserkraft skizziert. Demnach war die Dicknertsmühle ursprünglich eine Getreidemühle, um 1888 war sie zu einer Holzschneiderei umfunktioniert worden, ab etwa 1897 hatte sie als Hammerwerk Verwendung gefunden. 1920 wurde sie dann von der Gemeinde Nieder-Gemünden erworben, um im Zweckverband Elektrizitätswerk Dicknertsmühle Strom zu erzeugen, der für elektrische Dreschanlagen genutzt werden sollte.

Strom hat den größten Teil des Lebens von Willi Theiß bestimmt. "Ich war der Dorfelektriker", blickt der 1946 Geborene zurück, der schon im Alter von 21 Jahren seinen Meister machte. Auf diese Weise erhielt er bereits Anfang der 1960er Jahre Einblick in die Anlage der Dicknertsmühle. Denn er gehörte zu denen, die für den Zweckverband die Anlage am Laufen hielten, nachdem 1954 eine neue Turbine eingebaut worden war. Seit dieser Zeit ist die Anlage ohne größere Komplikationen gelaufen, hat Ökostrom geliefert zu einer Zeit, als es den Begriff noch gar nicht gab.

Zahnräder defekt

Am 17. April 1968 kaufte Theiß die Dicknertsmühle vom Zweckverband zum Preis von rund 58 000 DM und speiste den Strom in das öffentliche Netz ein. Das habe in den vergangenen Jahren in etwa einen durchschnittlichen Erlös von 20 000 Euro erbracht, berichtete Theiß, um die Rentabilität der etwa 100 PS leistenden Anlage zu unterstreichen. Das ging alles gut bis zum Januar 2009, als Zahnräder im Getriebe mit einem heftigen Knall ihre Arbeit einstellten. Es stand eine rund 30 000 Euro teure Reparatur an. Weil Theiß diesen Betrag nicht auf dem Konto hatte, musste er sich das Geld leihen. Nach ablehnenden Bescheiden bei Banken bekam er das Geld von Privatleuten und hatte so die Basis, auf eine technisch teils abenteuerliche Weise - was die Kosten minderte - die Reparatur angehen zu können. Das alles dauerte rund ein Jahr, denn für die 1954 in die Mühle eingebaute Turbine gab es keine Ersatzteile von der Stange, und der monströse metallene Koloss musste vor Ort auseinandergenommen werden. Um die zentnerschweren Einzelteile der Turbine anheben zu können, baute Theiß eine Hilfskonstruktion in den Maschinenraum und gelangte so an die 75 Kilogramm schweren Gussräder.

Die defekten Teile wurden in Handarbeit angefertigt und wieder eingebaut. Seit Januar 2010 schnurrt die Anlage wieder im wahrsten Sinne des Wortes, denn einen ständigen Geräuschpegel vernimmt man nur im Maschinenraum, bereits in der Werkstatt nebenan hört man durch die geschlossene Türe kaum etwas. Demnächst könnte aber völlige Stille herrschen, wenn Theiß nicht an neue Darlehen gelangt, weil die privaten Kreditgeber ihr Geld zurückhaben wollen. Warum schon jetzt, weiß Theiß nicht, ebenso wenig versteht er die Kreditinstitute, die ihm bislang eine Übernahme der Darlehen versagt hätten.

Dabei habe er einen Teil seiner Einnahmen aus der Stromproduktion abtreten wollen, zeigt sich der Elektromeister entrüstet. Einen eigenen Anteil müsse er noch behalten, denn darauf sei schließlich seine Absicherung im Alter neben einer geringen Rente aufgebaut.

Theiß hat den Eindruck, dass die Geldgeber und die Banken das größte Risiko im Alter des Kreditnehmers sehen. Dabei übersehen die Geldgeber aber nach Einschätzung des Mittsechzigers, dass der Erwerb der Stromerzeugungsanlage etwa über eine Zwangsversteigerung für einen Fremden nichts bringt: Denn das Elektrizitätswerk Dicknertsmühle ist das Lebenswerk von Theiß geworden, und wer jemals im Maschinenraum war und vor allem einen Blick in den "Schaltschrank" geworfen hat, sollte erkennen, dass der Weiterbetrieb der Anlage mit Theiß steht und fällt.

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