Konzentriert bei der Sache: Beate Haible (vorn, 2. von rechts) und Franz Schneider (dahinter) haben als musikalische Späteinsteiger mit dem Saxofon ihr Instrument im Wetzlarer Blasorchester "Jetzt oder nie" gefunden. FOTO: RÜDIGER GEIS
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Konzentriert bei der Sache: Beate Haible (vorn, 2. von rechts) und Franz Schneider (dahinter) haben als musikalische Späteinsteiger mit dem Saxofon ihr Instrument im Wetzlarer Blasorchester "Jetzt oder nie" gefunden. FOTO: RÜDIGER GEIS

Musikalische Späteinsteiger

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Stimmt das? Oder gilt vielmehr ein anderes Sprichwort: "Zum Lernen ist man nie zu alt"? Auf die Musik jedenfalls trifft Letzteres zu. Auch wenn man es in der Jugend verpasst hat: Ein Instrument kann man auch noch im gesetzteren Alter lernen, sagen Experten.

Die Tuba brummt, Klarinetten zwitschern, Querflöten trillern, Trompeten röhren und Saxofone flüstern: Sie ist ein geordnetes Chaos, die Einstimmung der Instrumente auf die wöchentliche abendliche Probe, zu der sich das Blasorchester in der Wetzlarer Musikschule eingefunden hat. Das Besondere an diesem Klangkörper ist, dass alle Musikerinnen und Musiker erst im gesetzten Alter mit dem Lernen eines Instrumentes begonnen haben. Nicht zuletzt deshalb hat das Orchester um den musikalischen Leiter Paul Pfeiffer den Namen "Jetzt oder nie".

Beate Haible und Franz Schneider sind seit gut viereinhalb Jahren dabei. Beide spielen Saxofon in dem knapp 50 Beteiligte umfassenden Orchester. Dieses Instrument habe sie eigentlich schon immer spielen wollen, sagt die 60-jährige Wetzlarerin. Ein erster Schnupperversuch sei aber gescheitert, weil das Instrument für eine Mietwohnung zu laut sei. Dann sei sie auf die Einladung zu "Jetzt oder nie" gestoßen. Angefangen habe sie mit Klarinette, die sei leiser. Aber nach acht Wochen folgte ihr Schwenk auf das Saxofon. Das sei ihr Instrument.

Dafür hat sich auch der Wetzlarer Schneider entschieden. Im Gegensatz zu seiner Familie sei er eigentlich völlig unmusikalisch aufgewachsen. Einen Schnupperkurs mit Einzelunterricht habe er vor ein paar Jahren wieder aufgegeben. Über die Tageszeitung wurde Schneider dann auf "Jetzt oder nie" aufmerksam. Schnell zeigte sich für ihn: "Im Ensemble ist es schöner, zu spielen."

"Es gibt verschiedene Beweggründe, in einer späteren Lebensphase ein Instrument zu lernen", sagt Dr. Hans-Joachim Rieß, Geschäftsführer des hessischen Landesverbandes deutscher Musikschulen in Wiesbaden. "Aber meistens ist es so, dass dieser Wunsch eigentlich schon im Kindesalter bestand und es einfach nicht den Rahmen gab, ein Instrument zu lernen." Mit zunehmendem Alter kämen aber eben doch die Freiräume, sich damit auseinanderzusetzen.

Zwar könne man dann nicht das höchste künstlerische Niveau erreichen. Dafür müsse man von Kindesbeinen an systematisch eingeführt werden. "Aber die Möglichkeit, sich in einer befriedigenden und motivierenden Weise mit einem Instrument auseinanderzusetzen und das auf einem Niveau zu spielen, das auch Spaß macht, auch mit anderen, die ist tatsächlich unbegrenzt", unterstreicht Rieß. Man könne in jedem Alter ein Freude bringendes Niveau erreichen. Die Maxime dürfe aber nicht Podiumsreife mit höchstem künstlerischem Anspruch sein.

Das schließt aber öffentliche Auftritte keineswegs aus. In Wetzlar beispielsweise steht die Vorbereitung auf ein Konzert an, das unter dem Titel "Klezmermusik" steht. Im vergangenen Jahr bildeten Filmmelodien den Schwerpunkt.

Nachdem zur Einstimmung zunächst die Tonleiter rauf- und runtergespielt wurde, dirigiert Pfeiffer nun zum Aufwärmen das englische Kirchenlied "Amazing Grace". Dem Jahresthema entsprechend stehen auch "Song of Israel" und "Exodus" aus dem gleichnamigen Spielfilm auf dem Übungsprogramm.

Pfeiffer lehrt nach der sogenannten Yamaha-Methode. Dabei werden die ersten Töne gemeinsam geübt. Wenn die dann sitzen, kann man schon zu leichten Orchesterarrangements beispielsweise für Kinder- oder Volkslieder übergehen. Das klappe meistens nach ein paar Wochen. Ziel der Methode ist es, von Anfang an im Orchesterverbund zu spielen, erklärt Pfeiffer.

Gegründet hat der Musiklehrer das Orchester "Jetzt oder nie" 2016. Damals gaben 16 Interessierte die Overtüre. Heute sind es rund 50 Männer und Frauen, die in dem Ensemble spielen. Und die Nachfrage ist gut, denn mittlerweile gibt es auch schon "Jetzt oder nie 2.0" als weiteren Klangkörper.

Dennoch, aller Anfang ist schwer, denn es gilt natürlich auch, Noten zu lernen. Daran scheitert schon mal der eine oder andere. In der ersten Übungsstunde habe man erst einmal verschiedene Instrumente ausprobiert, erinnert sich Haible. "Was passt zu mir?" Anfangs habe das ja noch etwas schräg geklungen, bis dann nach etwa drei Wochen mit dem stampfenden Queen-Klassiker "We will rock you" das erste Stück erfolgreich bewältigt wurde. "Und jetzt ist es mein liebstes Hobby", sagt die 60-Jährige. Das bestätigt auch ihr Saxofon-Kollege Schneider. Es habe von Anfang an Spaß gemacht. Und sein besonderes Lob gilt Orchesterleiter Pfeiffer: "Ich bewundere den Musikmeister für seine Geduld."

"Die Lernfähigkeit des Menschen ist ja nahezu unbegrenzt", sagt Verbandsgeschäftsführer Rieß. Musik erfasse viele Bereiche des Intellektes und des Körpers und biete die Chance, das Gehirn möglichst lange in seiner Denkfähigkeit plastisch zu halten, unabhängig davon, welche Musik man macht: "Es gibt kein anderes Medium, was in dieser Vielfalt auf den Menschen einwirken kann." Das zeige sich auch bei Alzheimerpatienten, die in der Lage sind, Lieder aus der Kinderzeit wieder abzurufen. "Menschen, die sonst apathisch sind, werden über die Musik mobilisiert", sagt Rieß.

Auch der Wetzlarer Franz Schneider kann dies bestätigen: "Man sollte es unbedingt ausprobieren. Das motiviert unglaublich." Und Beate Haible ergänzt: "Vor allem in der Gemeinschaft." Ob allerdings das beliebte, jährlich im April oder Mai stattfindende Probenwochenende in der Jugendherberge in Kaub am Rhein stattfinden kann, dahinter steht in Zeiten des Coronavirus noch ein großes Fragezeichen. Im Zweifelsfall bleibt dann aber immer noch das Musizieren in den eigenen vier Wänden.

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