DER RETRO-PLATTENSPIELER

Die musikalische Rettung

  • Nastasja Akchour-Becker
    vonNastasja Akchour-Becker
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Lichter. So viele kleine funkelnde Lichter sind das Erste, an das ich mich erinnern kann. Dann hörte ich eine Stimme, ein Mann sagte: "Echt jetzt? Nein, das kann ich gar nicht glauben." Ein kleines Mädchen begann vor Freude zu quietschen: "Los, hole es raus!" Zwei Hände packten mich links und rechts und hoben mich behutsam empor.

Und dann sah ich alles vor mir: Unter mir der große Karton, vor mir ein kleines Mädchen, eine Teenagerin, eine Frau und ein Mann, die voller Stolz auf mich blickten. Und hinter mir erstrahlte der grüne Nadelbaum, geschmückt mit weinroten und goldenen Kugeln, Strohsternen, Holzfiguren und Kerzen, verströmte er im ganzen Raum in einen wunderbaren holzigen Duft. Ein bisschen rieche ich wohl auch so, muss sich der kleine Hund gedacht haben, als er mit seiner feuchten Nase an mir schnuffelte.

Was war das für ein schöner Abend! So viel Lachen während der Mann auf meinen Plattenteller immer eine neue LP auflegte, vorsichtig die Nadel in Position brachte, bevor sie sich langsam auf das Vinyl senkte. Dann fing es ganz tief in mir an zu Wummern und aus meinen Lautsprechern spielte Musik.

Das ist jetzt gerade einmal einen Monat her, aber in dieser Zeit habe ich schon viel erlebt: Ich erfuhr, dass ich alt aussehe, es aber eigentlich gar nicht bin. Und ich hörte, dass man Dinge meiner Art vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren noch mehr schätzte. Und ich vernahm, dass es heutzutage wieder mehr Liebhaber dieser alten Technik gibt.

Meiner Familie habe ich schon große Dienste erwiesen. Nach meinem Einzug streikte prompt am nächsten Morgen das Internet. Fast eine Woche gab es deshalb auch kein Fernsehen oder Telefon. Immer wieder hörte ich sie sagen, dass zum Glück ich da sei. Und so saßen sie bei mir und lauschten: Michael Jacksons "Dangerous" zum Beispiel, bei dem die Frau jedes Wort mitsingen konnte, oder alte LPs von Peter Maffay, The Doors, Hair, Bob Marley, Santana und Milli Vanilli. Auch die Platte von Led Zeppelin mit dem Namen "Physical Graffiti" habe ich schon abgespielt. Die Frau erzählte dem Mann, wie sie schon als Kind stundenlang die vielen Fenster des Hauses auf dem Cover anblickte und mit ihren Fingern erkundete.

Der Mann lachte und erzählte von seinem Vater, der in einem fernen Land in der Wüste früher auch mit einem meiner deutschen Verwandten viel Freude hatte.

Am liebsten gefällt es mir, wenn das kleine Mädchen zu mir kommt und gebannt der Geschichte von Tabaluga, dem kleinen grünen Drachen, lauscht. Genau das hat schon ihre Mutter vor über dreißig Jahren getan, habe ich gehört. Ich hoffe, dass auch ich noch in dreißig Jahren meine Runden drehen darf. nab

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