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Mit Musik gegen den Lagerkoller

  • vonGerd Chmeliczek
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Keine Konzerte, keine Tourneen - auch für Musiker ist mit Beginn der Corona-Krise alles anders geworden. Für Tobias "Eggi" Exxel, Bassist der Metal-Band Edguy, ist das ebenfalls eine neue Situation. Der umtriebige Homberger versucht, das Beste daraus zu machen. Langweilig wird es ihm daher nicht so schnell.

Mit der Fuldaer Band Edguy füllt er normalerweise die Hallen rund um den Globus, tourte schon mit den Scorpions und Aerosmith. Nun ist der Profi-Musiker Tobias Exxel wie viele andere auch im Homeoffice. Zwischen Schulaufgaben, der großen Social-Media-Welt und dem Komponieren neuer Musik findet er trotzdem Zeit für ein Gespräch - über lustige Familienkonzerte, seine Heimat, den Vogelsberg, sowie über bewegende und schockierende Momente in der Corona-Krise.

Tobias Exxel, Sie wohnen schon seit Längerem in Schwalmstadt, sind aber in Homberg/Ohm aufgewachsen. Wie ist aktuell der Kontakt in die Heimat?

Natürlich nicht ganz so intensiv wie in "normalen" Zeiten, aber ich habe regelmäßig Kontakt zu Familie und Freunden. Homberg/Ohm ist meine Heimat und das wird auch immer so bleiben. Dort fühle ich mich extrem zu Hause.

Haben Sie schon auf dem Balkon für die Nachbarschaft musiziert?

Ja, klar (lacht). Aber nicht nur ich, sondern die ganze Familie. Wir haben ein tolles Verhältnis zu den Nachbarn und haben tatsächlich schon gemeinsam Musik über den Zaun gemacht. Das verbindet sehr.

Ihr Tag ist trotz Corona-Beschränkungen gut gefüllt. Womit?

Auch ich probiere im Moment den Spagat zwischen Familie und Beruf. Ich mache Homeschooling mit den Kindern, beschäftige mich intensiv mit den sozialen Medien, zum Beispiel mit meiner neuen Facebook-Seite. Da war ich in früheren Zeiten bewusst altmodisch. Und ich übe natürlich viel. Im Moment stehen mit Edguy keine Termine an.

Also keine große Umstellung?

Zum Beruf des Profimusikers gehören auch diese Phasen, in denen man halt nicht im Rampenlicht steht. Zum Beispiel nach einer Tour. Diese Zeit braucht man auch, um zur Ruhe zu kommen, neue Ideen zu sammeln. Und das tue ich. Auch wenn es bedingt durch die Pandemie nicht so extrem geplant war.

Das bedeutet, es wird Ihnen sowieso nicht allzu schnell langweilig?

Nein, ich arbeite ja schon seit vielen Jahren als Musik- und Gitarrenlehrer. Unter anderem bin ich Dozent an der Rock-Pop-Jazz-Akademie Mittelhessen in Gießen. Zudem bin in der "Rock&Pop-Werkstatt" mit Standorten in Neukirchen und Alsfeld tätig. Und dort haben wir schnell herausgefunden, dass man mit Kreativität und mithilfe der digitalen Medien viel machen kann. Zum Beispiel Unterricht per Videokonferenz. Mittlerweile geben wir aber auch wieder Präsenz- unterricht - einzeln oder in Kleingruppen. Natürlich unter Beachtung der Sicherheitsregeln. Die Arbeit mit den Schülern macht mir großen Spaß. Das ist eine Sache, die ich nicht mehr missen möchte.

Die Situation für Künstler ist im Moment allgemein sehr schwierig...

Ich wünsche mir natürlich, dass Künstler aller Art so gut wie möglich unterstützt werden, denn für viele ist die derzeitige Situation existenzbedrohend. Kultur ist ein sehr kostbares Gut für die gesamte Gesellschaft. Künstler können Zerstreuung und Ablenkung bieten und das ist gerade in diesen Zeiten extrem wichtig. Der Job ist hart. Das Klischee vom Musiker, der nachmittags aufsteht, abends auf die Bühne schlurft und dann noch Millionen von CDs verkauft, entspricht nur selten der Realität. Und es geht nicht nur um die Künstler selbst, sondern um die ganze Branche. Um Techniker, Agenturen. Sie alle verdienen Unterstützung.

Was vermissen Sie im Moment am meisten?

Auf der Bühne zu stehen. Definitiv. Konzerte zu spielen war für mich schon immer das schönste am Musikerleben. Ich hatte das große Glück, vor dem Corona-Ausbruch mit der befreundeten Band The Unity auf Tour zu sein. Die brauchten kurzfristig einen Bassisten und so sind wir im Februar in Polen, Skandinavien, Belgien und Deutschland unterwegs gewesen. Das war richtig toll. Aber wir haben auch gemerkt, dass sich diese unbeschwerte Zeit erst einmal dem Ende zuneigt.

Inwiefern?

The Unity haben einen italienischen Sänger. Und wir waren unterwegs mit Rhapsody of Fire, einer italienischen Band, die Techniker kamen auch alle aus Italien. Es war eine tolle Atmosphäre, die aber immer mehr durch die schlimmen Nachrichten aus ihrer Heimat überlagert wurde. Das war sehr bedrückend. Es hat sich zwar niemand auf Tour infiziert, aber alle waren in großer Sorge um Familie, Freunde und Bekannte. Als ich dann wieder zu Hause war, habe ich die Bilder aus Italien mit ganz anderen Augen gesehen. Das war nicht weit weg, das war für mich ganz nah. Es ist schockierend, wie sehr dieses Land von der Pandemie getroffen wurde.

Was halten Sie persönlich von den Einschränkungen des täglichen Lebens?

Ich bin ein großer Verfechter davon, vorsichtig, geduldig und diszipliniert zu bleiben. Die Gesundheit steht an allererster Stelle. Natürlich freut man sich über Lockerungen, aber man muss auch verantwortungsvoll damit umgehen. Die aktuellen Umstände zerren bei uns allen an den Nerven. Da kann die Angst ab und zu größer werden als die Vernunft. Grundsätzlich vertraue ich aber darauf, dass der Staat die unterstützt, die in große Not geraten sind. Wir können aber auch selbst dazu beitragen, die Pandemie möglichst schnell hinter uns zu lassen: Durch unser Verhalten.

Was vermissen Sie noch?

Die Bandprojekte in der Musikschule. Da sind zum Beispiel "The Rocking Kids", eine Band, die ich coache und die im vergangenen Jahr beim M.I.S.E.-Open-Air in Büßfeld und beim Stadtfest in Alsfeld aufgetreten ist. Das war wirklich toll. Es waren für dieses Jahr weitere Auftritte geplant, die im Moment aber auf Eis liegen. Es sind also nicht nur die Profis betroffen, sondern auch der Nachwuchs muss sich in Geduld üben. Vom Auftritt beim Stadtfest in Alsfeld steht übrigens ein Video auf unserer Homepage (www.rock-und-pop-werkstatt.de)

Was hilft gegen den Lagerkoller?

Ganz viel Musik. Ist doch klar (lacht).

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