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Die Kandidaten für den SPD-Vorsitz stellten sich gestern in Friedberg vor.

Muntere Castingshow

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Friedberg war gestern die fünfte Station der SPD-Kandidaten-Tour. Die sieben Bewerberduos lieferten eine recht muntere Castingshow. Aber etwas mehr Streit- gespräche untereinander hätten der Profilierung gut getan. Einzelkämpfer Karl-Heinz Brunner war diesmal nicht dabei.

Da sage noch jemand, die SPD interessiere niemanden mehr. Trotz ihrer gespenstischen Umfragewerte sorgt die Deutschland-Tournee der potenziellen Parteichefs und -chefinnen für große Aufmerksamkeit. Wer gestern Abend am Bahnhof Friedberg ankam, sah eine kleine Genossenwanderung Richtung Stadthalle, die dann mit 900 Mitgliedern und Sympathisanten bis auf den letzten Platz gefüllt sein sollte. Vor dem Bahnhof wurde einem gleich das Genossen-Du angeboten, auf dem Weg machte dann ein Ehepaar um die 60 ("Das können Sie alles schreiben") keinen Hehl aus seinem Ärger über die Entwicklung der Partei. Die Frau nennt das Casting eine schlechte Idee und "einen Zirkus, den ich mir aber gerade deshalb mal ansehen will". Ihr Mann ist wegen der "ewigen Groko" ausgetreten, begleitet seine Frau aber aus Solidarität zur Veranstaltung. Er ist aber auch in tiefstem Herzen, wie man merkt, immer noch - allerdings enttäuschter - Sozialdemokrat.

Solche Menschen muss die SPD zurückgewinnen, wenn sie bald wieder eine größere Rolle spielen will. Den Wunsch, aus der großen Koalition auszusteigen, würden die meisten der Kandidaten, die dann in der Stadthalle auftreten, dem Mann gerne erfüllen. Entsprechend bekam Finanzminister Olaf Scholz, der wohl wie kein Zweiter für die Groko steht, bei den bisherigen Runden den Ärger des Publikums ab, das sich mehrheitlich - wie unser Ehepaar - Erneuerung der Partei in der Opposition wünscht. Gestern ging man allerdings milder mit ihm um. Und tatsächlich kann die SPD Scholz auch dankbar sein, dass er in das Rennen eingestiegen ist, denn ohne ihn wäre es doch ein Ritterturnier der zweiten Reihe geworden. Glanzlichter aufsetzen konnte der aber wie immer rhetorisch spröde Scholz der Veranstaltung allerdings nicht. Er stand mit Partnerin Klara Geywitz als tapferer Verteidiger der schwarzen Null relativ allein da. Während die anderen Bewerber meist mehr wollen, als die SPD ihnen in der Groko bietet, beschränkte sich Scholz bei der Vorstellungsrunde auf eine zwar wichtige, aber eher defensive Aussage, nämlich "den Sozialstaat verteidigen" zu wollen.

Überraschend war bei der dreiminütigen Präsentation, die ja trainiert werden kann und zuvor auch schon in vier Runden erfolgt war, wie wenig einige Kandidaten daraus machten. Überragend war dagegen die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping, der man im eingespielten Duett mit dem niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius durchaus einen Überraschungserfolg zutrauen kann. Sie sind Realos, werden aber nicht so sehr mit der Groko verbunden wie Scholz. Köpping betonte, dass sie von Sachsen sehr gut wisse, wie wichtig es sei, skeptische Menschen zu integrieren. Sie forderte mit Blick auf die vielen Kommunalpolitiker im Saal eine "Politik von unten". Eine frische und offenbar gut eingespielte Präsentation lieferten auch der Hesse Michael Roth und seine Partnerin Christina Kampmann. Ralf Stegner agierte zu sehr im Parteisprech, Partnerin Gesine Schwan war zu intellektuell, dazu ließ sie auch noch das Mikro stellenweise im Stich. Die anderen Paare dürften bei der Abstimmung der Mitglieder eher unter "ferner liefen" rangieren, mit Ausnahme vielleicht von Karl Lauterbach und Nina Scheer.

Keine gute Idee der Regie waren im Mittelteil die vorbereiteten und daher sehr statischen Fragerunden zu Klimapolitik, Bildung und Gleichstellung. Die Kandidaten sollten dabei über Themen streiten, bei denen sie sich höchstens in Nuancen unterscheiden.

Mehr zur Sache ging es dann am Schluss in der Publikumsrunde. Da schnellten die Finger nur so in die Höhe. Gleich zu Beginn vermisste ein Fragesteller Aussagen der Kandidaten zur Erneuerung der Partei. Klara Geywitz sagte in Erinnerung an zuletzt recht brutal abgesägte Parteichefs, dass man vor allem auch wieder anständig miteinander umgehen wolle.

Es dauerte überraschend lange, aber dann kamen sie doch, die kritischen Fragen nach der schwarzen Null, der Groko und innerer Sicherheit. Eine junge SPD-Anhängerin aus Offenbach kritisierte Pistorius, der angeblich mit einem neuen Polizeigesetz den "gläsernen Bürger" geschaffen habe. Pistorius verteidigte in Zeiten der Terrorgefahr die Handlungsfähigkeit des Staates - und bekam überraschend viel Applaus. Es waren eben viele Kommunalpolitiker da, die in der Regel eher pragmatisch eingestellt sind.

Den stärksten Beifall bekam allerdings Karl Lauterbach, als er beim Abschluss-Statement sagte: "Keine Einzige der Forderungen, die wir heute hörten, kann in der großen Koalition verwirklicht werden."

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