"Das Virus kann sich nur ausbreiten, wenn wir ihm die Chance geben", sagt Hessens Gesundheitsminister Kai Klose. Deshalb sei es nötig, dass alle Menschen mithelfen, die Pandemie zu bekämpfen. FOTO: DPA
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"Das Virus kann sich nur ausbreiten, wenn wir ihm die Chance geben", sagt Hessens Gesundheitsminister Kai Klose. Deshalb sei es nötig, dass alle Menschen mithelfen, die Pandemie zu bekämpfen. FOTO: DPA

"Es müssen alle mithelfen"

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Das Coronavirus bestimmt das politische Geschehen in Hessen wie kein anderes Thema. Kai Klose spielt als Gesundheitsminister eine Schlüsselrolle in der Bekämpfung der Pandemie. Im Interview spricht der Grünen-Politiker über seine Strategien und Hoffnungen.

Als Sie Gesundheitsminister wurden, haben Sie sicher ein etwas ruhigeres Leben erwartet. Wie geht es Ihnen dabei, nun wegen Corona an vorderster Front zu stehen?

So etwas kann man sich nicht aussuchen und wer ein ruhiges Leben sucht, sollte nicht Minister werden. Die Pandemie ist eine Naturgewalt. Das ganze Ministerium ist seit Januar im Dauereinsatz, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Im Sommer gab es mal ein bisschen Zeit zum Luft holen. Wir alle stellen uns der Herausforderung und wollen ihr so gut wie möglich gerecht werden.

Sie standen vor Kurzem selbst unter Quarantäne, wie haben Sie die Zeit erlebt?

Das war eine besondere Erfahrung, die sehr plötzlich kam. Der Anruf erreichte mich während der Corona-Kabinettssitzung. Dann war ich praktisch ab sofort acht Tage lang auf die eigene Wohnung reduziert. Die Amtsgeschäfte habe ich mit dem Laptop vor der Nase und am Telefon weitergeführt. Das erlebt der Ministerpräsident ja auch gerade.

Und nun der zweite Lockdown: Die FDP wirft der Landesregierung Kontrollverlust vor. Warum hat Hessen nicht früher eingegriffen?

Alle Länder haben sich gemeinsam verständigt, was sie wann tun. Wir haben lange und erfolgreich mit unserem regionalen Eskalationsstufenkonzept reagiert. Im Oktober hat sich aber leider kein messbarer Effekt eingestellt, was die Infektionszahlen angeht. Deshalb war es notwendig, jetzt wieder drastische Kontaktbeschränkungen für die ganze Republik zu vereinbaren.

Nun laufen wir auf die Lage zu, die Sie eigentlich vermeiden wollten: Die Situation an den hessischen Kliniken spitzt sich dramatisch zu. Haben Sie zu lange gezögert?

Wir haben schon im Frühjahr erfolgreich ein Monitoring aufgesetzt, um immer zu sehen, wie die Auslastung der hessischen Kliniken ist. Wir verfügen über ein eingespieltes System, das sich bewährt hat. Das Ziel ist, alle Patienten zu jedem Zeitpunkt bestmöglich versorgen zu können. Dazu schaffen wir jetzt wieder zusätzliche Intensivkapazitäten. Wäre die Infektionsentwicklung aber so weitergegangen wie zuletzt, würden wir irgendwann an unsere Grenzen stoßen. Deshalb sind die drastischen Kontaktbeschränkungen notwendig.

Kommt die Notbremsung also noch rechtzeitig?

Das hoffen wir alle, wir gehen auch davon aus. Es müssen aber alle mithelfen, sich an die Regeln halten und ihre Kontakte auf das Nötigste einschränken.

Und dann? Müssen wir nach Lockerungen im Dezember nicht bis Weihnachten damit rechnen, dass sich eine neue Welle aufbaut?

Es muss unser Ziel sein, dass sich die Zahlen nicht mehr so exponentiell entwickeln wie im Oktober. So weit dürfen wir es nicht mehr kommen lassen. Wir müssen uns alle so verhalten, dass wir in eine solche Situation nicht mehr hineinkommen und die Zahl der Infektionen auf der Zeitschiene strecken, damit unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

Was müssen wir konkret tun, um eine dritte Welle zu verhindern?

Das Virus läuft nicht allein herum, es kann sich nur ausbreiten, wenn wir ihm die Chance geben. Deshalb sollten wir uns am besten alle immer so verhalten, als könnten wir positiv sein. Immer dann eine Maske zu tragen, wenn man nicht nur mit dem eigenen Hausstand zusammen ist, ist ein einfaches Mittel. Und die Kontakte reduzieren.

Sind Sie Skifahrer?

Winterurlauber, ja…

Halten Sie einen Skiurlaub in Österreich oder der Schweiz in den Weihnachtsferien für möglich?

Ich habe wenig Hoffnung für dieses Jahr. Mir würde es mein Job vermutlich eh nicht erlauben. Und wenn doch, würde ich mich freuen.

Das klingt nach der Notwendigkeit einer längerfristigen Strategie im Kampf gegen das Virus. Was plant Hessen?

Wir alle wissen immer mehr über das Virus. Als nächstes bekommen wir die Antigen-Schnelltests, die uns helfen werden, Risikogruppen besser zu schützen. Und vor allem hoffen wir, dass wir in zwei oder drei Monaten auch Impfstoffe haben. Darauf bereiten wir uns mit einer Task-Force vor. Für die Vorbereitungen der Impfaktion werden 20 Millionen Euro aus dem Sondervermögen "Hessens gute Zukunft sichern" bereitgestellt. Davon kaufen wir zum Beispiel Spritzen, Kanülen, Tupfer und Desinfektionsmittel, finanzieren aber auch die aufwendige Impflogistik - von der Lagerung über die Kühlung und Konfektionierung der Impfstoffe bis zur Verteilung.

Wie lange wird es dauern, von der Zulassung eines Impfstoffs bis zu einer Entspannung der Infektionslage?

Das hängt davon ab, welche Impfstoffe zugelassen werden. Einige brauchen etwa eine Ultratiefkühlung bei -70 Grad Celsius. Vielleicht braucht es eine Zweifachimpfung. Wir werden nicht sofort alle Menschen impfen können, deshalb wird im Bund priorisiert. Die Task Force arbeitet daran, die Logistik auf die Beine zu stellen.

Die Akzeptanz für die Corona-Einschränkungen ist nicht mehr so groß wie im Frühjahr. Wie kann die Landesregierung wieder mehr Zustimmung erreichen?

Viele Menschen wollen weiter mithelfen. Es ist Teil unserer Aufgabe, die Maßnahmen gemeinsam mit den Wissenschaftlern gut zu begründen und erklären. Wenn drei Viertel der Infektionen diffus und nicht mehr nachvollziehbar sind, nützen lokale Einzelmaßnahmen nichts mehr. Dafür müssen wir noch mehr Verständnis wecken.

Die Opposition verlangt eine stärkere Beteiligung des Parlaments. Ihre Fraktion hat dazu zusammen mit der CDU einen Gesetzentwurf vorgelegt (siehe Kasten). Ist die Forderung also gerechtfertigt?

Das Parlament ist ja beteiligt, wenn es sich stärker einbringen will, ist das grundsätzlich gut.

Viele Schüler verstehen nicht, warum sie den ganzen Vormittag zusammen im Klassenzimmer sitzen, sich aber nachmittags nicht treffen dürfen. Wie ist es zu rechtfertigen, die Schulen offen zu lassen?

Es war eine der Lehren aus dem Frühjahr, dass wir die Schulen und Kitas offen halten wollen. Die Chancengleichheit in der Bildung ist uns sehr wichtig. Und die Maskenpflicht ab Klasse fünf soll das Ansteckungsrisiko minimieren.

Was läuft in Hessen besser als in anderen Ländern?

Was hier wirklich gut läuft ist, dass wir einen sehr engen Austausch mit den Verantwortlichen in den Kommunen und im Gesundheitswesen - stationär, ambulant und im öffentlichen Gesundheitsdienst pflegen. Und auch unser Krankenhauskonzept hat inzwischen bundesweit Beachtung gefunden.

Wie stark beeinträchtigt die Pandemie die Arbeit der Landesregierung?

Das ist natürlich eine Sonderlage, die viel Aufmerksamkeit und Kapazität bindet. Das HMSI war schon zuvor das Ressort der Landesregierung mit der höchsten Quote an Telearbeit. Dadurch hat das Virus unsere Arbeit nicht so sehr eingeschränkt, denn wir waren vorbereitet. Schade finde ich, dass große Gesprächsrunden und Preisverleihungen nicht mehr stattfinden können. So musste ich gerade die Verleihung des Integrationspreises absagen. Das Miteinander leidet.

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