Mordfall Johanna

Mühsame Spurensuche

  • schließen

Am Gießener Landgericht wird Rick J.’s Konstrukt weiter zerpflückt: Alles deutet darauf hin, dass Johannas Leiche nackt im Wald abgelegt wurde.

Es ist eine mühsame Spurensuche, welche die 5. Große Strafkammer am Landgericht Gießen seit zwei Monaten unternimmt. Akribisch wird Punkt für Punkt durchgegangen, was am Spätnachmittag des 2. September 1999 mit dem Verschwinden der achtjährigen Johanna Bohnacker aus Ranstadt-Bobenhausen begonnen hat. Und Detail für Detail wird deutlich: Rick J. hat Johannas Entführung gestanden, ansonsten aber in vielen Punkten nicht die Wahrheit gesagt.

Zuschauer und Prozessbeobachter konnten den Verhandlungsverlauf auch am achten Verhandlungstag am Donnestag partiell nur indirekt verfolgen – dann nämlich, wenn sich Staatsanwalt, Nebenkläger, Verteidiger und Angeklagter am Richtertisch versammelten, um gemeinsam mit der Vorsitzenden Richterin Regina Enders-Kunze, den zwei beigeordneten Richtern und den zwei Schöffen Fotos oder Zeichnungen zu betrachten und deren Relevanz für die Verhandlung zu erörtern.

Am Donnerstag waren dies Aufnahmen von einer Fichtenschonung in der Gemarkung Lingelbach bei Alsfeld, in unmittelbarer Nachbarschaft zur A 5. Mehrere Schneisen sind an dieser Stelle von einem parallel zur Autobahn verlaufenden Wirtschaftsweg in den Wald geschlagen. An der Abzweigung einer dieser Schneisen hatte ein Spaziergänger am frühen Nachmittag des 1. April 2000 Knochenteile und Kleiderreste entdeckt und die Polizei verständigt.

Zwei Kriminalbeamte, die gegen 14 Uhr und kurze Zeit später verständigt wurden, konnten den Fundort und die Funde selbst detailliert beschreiben. Der kindliche Schädel, ein Teil des Unterkiefers, vier Zähne, ein Mittelfußknochen und einige Knochenfragmente – mehr war nach sieben Monaten Liegezeit im Wald nicht übriggeblieben – konnten nach einem DNA-Test Johanna zugeordnet werden, ebenso ein Haarbüschel, das mit Klebeband umwickelt war.

Schon bald nach dem Fund war auf einem der Klebebandreste vom Leichenfundort ein Teilfingerabdruck gesichert worden. Die große Hoffnung der damals ermittelnden "Soko Johanna", diese "heiße Spur" werde sie zum Täter führen, erfüllte sich jedoch nicht. Ein Sachverständiger für Daktyloskopie beim Bundeskriminalamt erklärte dem Gericht gestern, wieso.

Neun bis zehn anatomische Merkmale wie charakteristische Linienführungen, Rundungen ("Augen") und Bögen seien für eine sichere Identifizierung anhand von Fingerabdrücken notwendig, erklärte der Kriminalhauptkommissar. Beim Klebebandteilabdruck wurden jedoch nur acht solcher Merkmale festgestellt. Für Abgleiche sind im Automatisierten Fingerabdruck-Identifizierungs-System (AFIS) des BKA sechs Millionen Datensätze gespeichert. Darunter befanden sich 1999 auch die Fingerabdrücke von Rick J., der wegen Drogendelikten und sexueller Übergriffe auf Mädchen und Jugendliche zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach erkennungsdienstlich behandelt worden war. In all diesen Fällen war der Bereich seines Daumens, der 1999 den Teilabdruck auf dem Klebeband hinterließ, jedoch nicht klar genug zu erkennen. Erst ein nach dem Maisfeldfall im Februar 2017 mit modernem Gerät gescannter Fingerabdruck erbrachte im abermaligen direkten Abgleich den Nachweis, dass J. als Täter im Fall Johanna zumindest "nicht ausgeschlossen werden kann".

Behauptung gerät ins Wanken

Eine Frage eher am Rande, deren Kontext sich letztlich als wesentlich für den Ausgang des Prozesses und das Strafmaß herausstellen könnte, richtete Rechtsanwalt Dietmar Kleiner als Vertreter der Nebenklage an die beiden Kriminalbeamten aus Alsfeld. Etwa 30 Meter, so das Ergebnis, und damit säuberlich voneinander getrennt, lagen die aufgefundenen Reste von Johannas T-Shirt und Jeanshose von ihren Knochenresten entfernt.

Damit gerät eine weitere zentrale Behauptung von Rick J. ins Wanken. Er will Johanna zwar entführt und betäubt, später auch ins Gesicht geschlagen haben, leugnet aber sowohl den Missbrauch als auch die Ermordung des Mädchens, dessen Tod ein Unfall gewesen sei.

Die Fundumstände drängen nun eine Schlussfolgerung auf: Johannas Leiche wurde nackt im Wald abgelegt, ihre Kleidung ein Stück von ihr entfernt, weil Rick J. die Achtjährige eben doch entkleidet hatte – mutmaßlich, um sich an ihr zu vergehen. Dazu würde passen, dass von Johannas Unterhose bis heute jede Spur fehlt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare