Motive waren Eifersucht und Angst um Existenz

Weil er die Chefin der Parkinson-Klinik in Bad Nauheim aus Eifersucht und Angst um seine wirtschaftliche Existenz erwürgt hatte, wurde ein 46-Jähriger am Freitag wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Gießen/Bad Nauheim (ti). Jahrelang hatte sie mit ihrem ägyptischen Geschäftspartner ein intimes Verhältnis, das geheim gehalten wurde. Dann wandte sich Karin Prokein einem anderen Mann zu. Als der eifersüchtige Ägypter immer aufdringlicher wurde und am 20. Juni vergangenen Jahres schließlich Amok lief, kündigte ihm die Chefin der Bad-Nauheimer Parkinson-Klinik einen Tag später alle persönlichen Kontakte und drohte mit rechtlichen Konsequenzen. Der 46-Jährige, der sich mit dem wirtschaftlichen Abstieg konfrontiert sah, brachte die Juristin im Verlauf eines Streites am Mittag des 22. Juni 2008 im Büro in der Küchlerstraße um. Wegen Totschlages wurde der Mann gestern von der Fünften Großen Strafkammer des Gießener Landgerichtes zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt.

"Wer jemand am Hals würgt, muss damit rechnen, dass dies zum Tod führen kann", erklärte der Vorsitzende Richter Bruno Demel in der Urteilsbegründung. Als Motive für die Tat nannte Demel extreme Eifersucht und den drohenden Existenzverlust des Angeklagten, der sich mit Hilfe Karin Prokeins "vom Kellner zum Geschäftsmann" gemausert hatte. Von der gleichen Motivation war auch Staatsanwalt Lars Streiberger ausgegangen, der neuneinhalb Jahre Haft beantragt hatte. Da die Kammer aber von einer Affekttat ausgeht, wählten die Richter ein niedrigeres Strafmaß.

Im Jahr 2003 hatten sich Karin Prokein und der Angeklagte kennen gelernt, der Ägypter übernahm damals Dolmetscher-Dienste für arabische Patienten der Parkinson-Klinik. Für das Opfer war die Beziehung zum Angeklagten von enormer Bedeutung, denn die Klinik befand sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Er brachte aufgrund seiner Beziehungen in den arabischen Raum zahlungskräftige Patienten in die Kurstadt. Zum Zweck der Vermittlung dieser Gäste gründeten die beiden die German-Health-Group mit Sitz in Kairo und Büro in der Bad Nauheimer Küchlerstraße, dem späteren Tatort.

Neben der geschäftlichen entwickelte sich darüber hinaus eine "persönliche Beziehung", wie es Demel formulierte. So persönlich, dass sie die 48-Jährige streng geheim hielt, die Menschen aus ihrem engeren Umfeld davon nichts mitbekamen und allein die Vorstellung daran für absurd hielten. Mutter und Tochter der Getöteten hatten im Zeugenstand durchblicken lassen, dass der Angeklagte unter Karin Prokeins Niveau gewesen sei. Die verlesenen SMS-Nachrichten, ein von dem 46-Jährigen aufgenommenes Video sowie ein Tonband sagten etwas anderes.

Die Geheimnistuerei wurde für den Angeklagten zunehmend zum Problem. Er litt darunter, was ein Zeuge, dem er sein Herz bereits 2006 ausgeschüttet hatte, eindrücklich schilderte. Aber - so Staatsanwalt Lars Streiberger - "er genoss es auch, denn die Beziehung war von enormer wirtschaftlicher Bedeutung für ihn". Der Mann ohne Ausbildung bekam ein gutes Gehalt, vierstellige Trinkgelder von Patienten und nutzte einen teuren Dienstwagen als Privatauto. Streiberger: "Er hat sich in dieser Beziehung eingerichtet." Verteidiger Jürgen Borowsky sah das nicht so. Er bezeichnete es als "emotionale Arbeit" seines Mandanten, der von der Klinikchefin immer wieder erniedrigt worden sei.

Einige Wochen vor der Tat lernte Karin Prokein einen anderen Mann kennen. Der Angeklagte stellte ihr deswegen nach, versuchte förmlich sie zu kontrollieren, bis es zwei Tage vor dem Tötungsdelikt zu einem gravierenden Vorfall kam: Von extremer Eifersucht getrieben machte er bei ihren Angehörigen Terror, nur um die 48-Jährige zu erreichen. Er rief sogar seinen Nebenbuhler an und drohte ihm.

Die Folge: Karin Prokein kündigte am folgenden Tag per E-Mail rigoros alle persönlichen Beziehungen, untersagte ihm jegliche Annäherungsversuche ihr und ihrer Familie gegenüber, drohte mit rechtlichen Konsequenzen und der Kündigung des Arbeitsverhältnisses.

Als sich die beiden am nächsten Morgen zufällig im Büro begegneten, kam es erneut zum Streit. Die Situation eskalierte. Sie ohrfeigte ihn und beschimpfte ihn als Schwein. Er schlug zurück. Es kam zu einem Kampf in dessen Verlauf der Ägypter die ihm unterlegene Frau so lange und heftig würgte, dass diese erstickte. Als "extremen Vernichtungswillen" sowie egoistisches und selbstbezogenes Handeln bezeichnete dies der Anklagevertreter. Der konkrete Anlass stehe in keinem Verhältnis zur Tat selbst.

Der Angeklagte bedauerte das Ganze gestern erneut. Unter Tränen sprach er den Angehörigen seine Entschuldigung aus: "Ich habe wirklich nicht gewollt, dass so etwas passiert. Es tut mir Leid."

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