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Bohnacker-Prozess

Mordfall Johanna: Die Messie-Wohnung des Rick J.

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Hunderte toter Fliegen lagen auf dem Boden, Lebensmittel schimmelten vor sich hin – Rick J. lebte laut Polizei in einer Messie-Wohnung. Tausende Kinderpornos wurden gefunden.

+++ Update: Inzwischen wurde Rick J. verurteilt. Details hier

Etwa 38 Quadratmeter groß und von oben bis unten vermüllt. So beschreiben Polizisten die Wohnung von Rick J. Der heute 42-Jährige war im Alter von 17 Jahren in das Wohnhaus im Gewerbegebiet in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis) eingezogen und hatte dort gelebt, bis er im Oktober vergangenen Jahres festgenommen wurde. Inzwischen wird ihm der Prozess gemacht: Er soll 1999 die damals achtjährige Johanna Bohnacker aus Ranstadt (Wetterau) entführt, missbraucht und getötet haben. J. streitet den Missbrauch ab, stellt den Tod des Mädchens als Unfall dar. Johanna erstickte, ihr waren 29 Lagen Klebeband um den Kopf gewickelt worden.

Am sechsten Verhandlungstag am Gießener Landgericht sagten am Dienstag drei Polizisten aus. Zwei von ihnen waren dabei gewesen, als J.’s Einzimmerwohnung durchsucht worden war. Rick J. hatte im August 2016 in einem Maisfeld bei Nidda bei Sexspielen eine 14-Jährige gefesselt, ihr Gesicht mit Klebeband beklebt und sie gefilmt. Dabei wurde er von einem Jagdpächter beobachtet. Der Jäger wandte sich an die Polizei, die Ermittler wurden hellhörig, Parallelen fielen auf, die Sonderkommission Johanna wurde ins Leben gerufen.

Drogen am Bett

"Seine Wohnung war stark verschmutzt, man konnte sich nicht vorstellen, dass dort jemand lebt", berichtete nun ein 44-jähriger Ermittler der Wetterauer Kriminalpolizei. Ein "Trampelpfad" habe zum Bett geführt, auf dem ein Laptop gestanden habe. "Die Matratze war verdreckt und zerrissen", am Bett habe man etwas Amphetamin gefunden, überall in der Wohnung sollen Stricke und Seile gelegen haben. Auf dem Dachboden habe man Klebeband und weitere Kordel gefunden. Die Ermittler stellten außerdem Kinderkleidung, jede Menge Festplatten, USB-Sticks und Speicherkarten sicher.

Geld und Sexspielzeug gefunden

Direkt nach seiner Festnahme im Oktober wurde die Wohnung des gebürtigen Wetterauers erneut durchsucht. "Sie war in einem katastrophalen Zustand", berichtete ein 45-jähriger Polizist im Zeugenstand. "Im Kühlschrank gab es nur noch verschimmelte Lebensmittel", Hunderte toter Fruchtfliegen hätten auf dem Boden gelegen, im Bad habe man zwei Kisten voller bereits verfaulter Kartoffeln gefunden. "In der Wohnung roch es nach einer Mischung aus Fäulnis, nicht gelüftet, Zigarettenrauch und Schweiß", erinnerte sich der Ermittler. Damit man das draußen nicht merke, sei die Eingangstür von innen mit Klebeband abgedichtet gewesen. "Überall lagen Sexspielsachen verteilt, außerdem angebrochene Tuben Gleitgel", erinnerte sich der Zeuge. Die Ermittler fanden 7500 Euro, jede Menge Briefe und Auto-Sitzbezüge. Von letzteren sollen auch die Fasern auf dem Klebeband stammen, mit dem Johanna Bohnacker geknebelt worden ist. Vier Tage habe man gebraucht, um Wohnung und Dachboden zu durchsuchen, sagte der Zeuge.

Mädchen auf Schulweg gefilmt

Auf den sichergestellten Festplatten und USB-Sticks fand die Polizei sieben Terrabyte Daten. "Zwei Drittel sind inzwischen ausgewertet", sagte ein 31-jähriger Polizist vor Gericht. Laut aktuellem Stand habe man über 3000 kinderpornografische Fotos und 236 Filme gefunden. Zudem gebe es 500 bis 1000 Videos, die J. "offensichtlich heimlich" von Kindern an öffentlichen Orten gemacht habe, etwa von Mädchen auf ihrem Schulweg. Browser- und Chatverläufe seien gesichert worden. Rick J. habe mehrfach Homepages besucht, die sich mit dem Verschwinden und dem Tod von Johanna Bohnacker beschäftigten. Man habe zudem "auffällige Literatur" gefunden, darunter Hörbücher mit dem Titel "Der Mädchenfänger" oder "Der Kindersammler", in denen es um entführte und getötete Kinder gehe.

Außerdem gebe es rund 100 Filmdateien, die Rick J. zeigten. Etwa dabei, wie er "sexuelle Handlungen" an sich selbst vornehme. "Manchmal spricht er, verkündet Missbrauchsfantasien." Die Prozessbeteiligten sahen sich einige der Videos auf einem großen Fernsehgerät an. Etwa die Selbstaufnahmen, die Rick J. "Dirtyactions" benannt hatte. Frei übersetzt heißt das "Schmutzige Nummern". Zuschauer des Gerichtsverfahrens sahen die Filme nicht, hörten aber teilweise Geräusche und Gesprächsfetzen.

Kinderporno wird gezeigt

Auch ein Kinderporno, der bei J. sichergestellt worden war und bei dem das Thema Fesselung eine Rolle spielt, wurde gezeigt. Eine junge Juristin schlug mehrfach die Hände vor dem Gesicht zusammen, konnte kaum hinsehen. J. schüttelte den Kopf, blickte zu Boden. "Ich habe diese Datei nie gesehen, die konnte man nicht abspielen", sagte er. Die Mutter von Johanna Bohnacker, die im Verfahren als Nebenklägerin auftritt, sah sich die Filme nicht an, verließ den Saal. Der Prozess wird kommende Woche fortgesetzt.

Die Version des Angeklagten

Rick J. hat sich zu Beginn des Verfahrens im April umfangreich geäußert. Demnach hat er sich am 2. September 1999 mit Drogen zugedröhnt hinter das Steuer seines VW Jetta gesetzt. In Ranstadt sah er die damals acht Jahre alte Johanna Bohnacker an einem Bächlein spielen. Er habe sie mit Chloroform betäubt, sie gefesselt und in den Kofferraum seines Autos gelegt. Später habe er sie geknebelt, dabei aber darauf geachtet, dass ihre Nase frei gewesen sei. Er sei weitergefahren, habe nach einem abgelegenen Ort gesucht, um sich an dem Mädchen vergehen zu können. Dazu sei es jedoch nicht gekommen, denn als er den Kofferraum wieder geöffnet habe, sei Johanna tot gewesen. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass es zum Missbrauch gekommen und Johannas Tod kein Unfall gewesen ist. (lk)

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