Wie aus Mohamad Philipp wurde

  • Annette Spiller
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"Ich bin jetzt Philipp", sagt Mohamad und lächelt. "Seit gestern". Sein Weg bis zu diesem neuen Namen war weit. Er führte den syrischen Studenten aus der Universität seiner Heimatstadt Aleppo nach Ägypten, in einem Boot über das Mittelmeer nach Italien und schließlich mit dem Zug nach Gießen in sein neues Leben. Heute steht der Hospitant der Politikredaktion, Stipendiat auch des Hochqualifizierten-Fonds der hessischen Landesregierung, kurz vor seinem Master-Abschluss. Eine Geschichte von Aufbruch, Mut und Zielstrebigkeit.

Angefangen hat alles 2008. Mohamad ist Sohn einer muslimischen Mittelschicht-Familie. Er hat zwei Brüder und eine Schwester, sein Vater verkauft Baumaschinen, seine Mutter hilft im Büro. Er möchte Philosophie studieren, wechselt jedoch nach zwei Jahren in den Studiengang Englische Sprache und Literatur: "Wenn man mit philosophischen Texten arbeitet, aber Fragen dazu nicht offen äußern darf, ist das schwierig", sagt er. 2011 dann die Hoffnung auf Veränderung: Die Revolution. Mohamad ist mitten drin: "Wir wollten Demokratie, ein Syrien für alle, nicht nur für die Religion und die Diktatur." Er demonstriert mit seinen Komilitonen friedlich für ihre Überzeugungen, andere wollen jedoch für den Umschwung kämpfen. Immer öfter kommt es zu Zusammenstößen mit der Staatsmacht. Dann das schreckliche Schlüsselerlebnis: "Im Juni 2012 habe ich meinen besten Freund verloren. Er wurde bei einer Demonstration von Assads Sicherheitskräften schwer verletzt." Als Mohamad ihn bis ins Krankenhaus trägt, wird er dort nicht versorgt – und stirbt.

Als Mohamads Vater dann von einem Freund beim Geheimdienst erfährt, dass der Name seines ältesten Sohnes auf einer Liste für Verhaftungen steht, trifft der damals 22-Jährige eine Entscheidung: Er verlässt Syrien, fliegt nach Ägypten – "ohne Geld, ohne alles."

Auch in Ägypten kippt die Stimmung

Syrische Studenten zahlen wie Ägypter nur eine geringe Semestergebühr – werden allerdings zunehmend ausgegrenzt. Mittlerweile hat er eine Wohnung gemietet, holt die Mutter, einen Bruder und die Schwester nach, schickt Geld nach Hause. Später kommt auch sein Vater nach, die komplette Familie verlässt Syrien. Zu diesem Zeitpunkt ist Mohamad jedoch schon nicht mehr in Kairo. Die Zeiten ändern sich: "Der Rassismus nahm zu, mit meiner Schwester wurde ich auf der Straße beschimpft." Freunde distanzieren sich. "Wir erlebten, dass sich Menschen in unserer Umgebung radikalisierten." Oft hört er, die Syrer nähmen den Ägyptern die Arbeitsplätze weg. Die Meinung zu sagen – für Mohamad unabdingbar – wird immer schwieriger. Als einziger Syrer im Fachbereich ist er isoliert. Stillstand will er nicht. Und bricht wieder auf ins Ungewisse.

Er versucht, legal aus Ägypten auszureisen – ohne Erfolg. So verlässt er das Land in einem Schleuserboot über das Mittelmeer – für die Passage und ein bisschen finanzielle Starthilfe hat sein Vater in Aleppo die Wohnung der Familie verkauft. Zwei Wochen sind die Flüchtlinge auf See, die letzten Tage manövrierunfähig, bis die italienische Marine sie vor der libyschen Küste aufgreift. Selbst in den schlimmsten Momenten bereut Mohamad nicht, die Flucht zu versuchen: "Für mich sind Freiheit und Würde wichtiger als mein Leben – es war alles besser, als in Ägypten zu bleiben." Als sie gerettet werden, kommen ihm seine englischen Sprachkenntnisse zugute: Er dolmetscht, ist den Helfern eine Hilfe. Nach der Landung auf Sizilien wird lediglich sein Pass kontrolliert. Da er die Frage, ob er in Italien bleiben will, verneint, darf er gehen – in ein Sammellager, in dem er übernachtet, Essen und Kleidung erhält. Schon am nächsten Tag geht alles ganz schnell: Mohamad kauft sich ein Zugticket. Rom, Mailand, Nizza, Paris, Frankfurt, Gießen.

Integrationskurs in 400 Stunden

Warum Gießen? "Hab ich gegoogelt und gesehen, dass die Asylanträge dort schnell bearbeitet werden," erklärt er pragmatisch. Am 15. Juni 2014 kommt er ins Erstaufnahmelager, stellt Antrag auf Asyl, zieht kurz darauf in eine Wohnung im Lahn-Dill-Kreis mit sieben anderen Migranten. Der 16. September 2014 ist für Mohamad ein Festtag: Drei Monate nach seiner Ankunft erhält er den Bescheid, als politischer Flüchtling anerkannt zu sein. Der erforderliche Integrationskurs umfasst 900 Stunden – Mohamad, ohne ein Wort Deutsch zu können eingereist, schafft ihn in 400 Stunden. "Ich habe viel am Laptop gelernt", sagt er bescheiden. Im April 2015 ist er fertig und inzwischen in eine Männer-WG mit zwei Deutschen eingezogen – mit Familienanschluss an die Vermieter. "Das hat meine Sprachkenntnisse extrem nach vorne gebracht, vor allem das Grillen auf der Terrasse", schmunzelt er.

Im April bewirbt er sich um einen Studienplatz in Gießen, besteht die englische Sprachprüfung, macht gleichzeitig den Führerschein auf Deutsch. Im Oktober 2015 zieht er nach Gießen ins Studentenwohnheim, nimmt sein englischsprachiges Master-Studium der Englischen Sprachwissenschaften, Kultur und Medien auf, arbeitet nebenbei. Seit Juli ist er fertig mit Vorlesungen und Seminaren, hat inzwischen auch die C1-Prüfung in deutscher Sprache abgelegt. Nun wartet er darauf, welches seiner vorgeschlagenen Themen für die Master-Thesis ausgewählt wird: "Überzeugungsstrategien in politischen Reden" oder "Wie Religion in muslimischen Moscheen präsentiert wird".

Niederlassungserlaubnis zugesagt

Sein mehrwöchiges Praktikum in unserer Politikredaktion war ein Gewinn auch für das Team, eine Hospitanz im Sektor Marketing in einem anderen Unternehmen würde ihn interessieren. Im März 2018 will er seinen Master in der Tasche haben. Bis dahin wird er Vater sein, lebt mit seiner Frau Aya in der Region. "Wir haben in Syrien gemeinsam Abitur gemacht, konnten dort aber nicht zusammenleben.

" Die 27-Jährige kam erst letztes Jahr nach Deutschland, ebenfalls allein. Derzeit lernt sie eifrig Deutsch. Ihr Mann ist auf Vorschlag der Uni Gießen nunmehr für dieses Jahr Stipendiat des Hessen-Fonds für hoch qualifizierte Flüchtlinge.

Und die jüngste Entwicklung: "Die Ausländerbehörde hat mich informiert, dass mir in zwei Wochen eine Niederlassungserlaubnis erteilt wird. Das ist das unbefristete Recht, in Deutschland zu bleiben", erklärt Mohamad. Üblicherweise kann man diese Erlaubnis nach fünf Jahren beantragen. Wenn man jedoch sehr gut integriert ist, beispielsweise die C1-Prüfung für Deutsch abgelegt hat und über ein eigenes Einkommen verfügt, kann diese unbefristete Erlaubnis ausnahmsweise schon nach drei Jahren erteilt werden. Der künftige Master-Absolvent freut sich sehr darüber – und sein nächstes Ziel ist die deutsche Staatsbürgerschaft, die er, wenn es weiterhin so gut läuft, in drei bis fünf Jahren beantragen kann.

Einsatz für das freie Denken

Was er später gerne tun würde? Auf jeden Fall nicht nach Syrien zurückkehren. "Die Deutsche Welle hat einen Filialsender in Berlin, der Programme auf Arabisch, Deutsch und Englisch macht. Das interessiert mich." In Deutschland hat Mohamad Heimat gefunden. Warum? "Weil ich hier frei diskutieren kann. Außerdem war ich schon in Syrien immer sehr pünktlich – und bin damit allen auf die Nerven gegangen," lacht er. "Es gefällt mir, dass die Leute in Deutschland sehr organisiert sind und tolerant. Nur die Bürokratie manchmal..." Für die Zukunft wünscht sich Mohamad Frieden in der ganzen Welt – und tut auch etwas für das freie Denken, postet Fragen und kritische Diskussionsanstöße im muslimischen Umfeld. "Das Echo zeigt mir, dass man damit etwas in Gang setzen kann gegen Engstirnigkeit und Fanatismus." Die große Chance, etwas zu verändern, sieht er darin, an der Mentalität der Menschen anzusetzen.

Für freie Entscheidung und klare Haltung einstehen: Das ist auch der Grund, warum Mohamad seinen Namen ändern wollte: "Früher habe ich mich sehr ausführlich mit dem Islam beschäftigt, habe viel darüber gelesen, mit kritischem Blick. Dabei habe ich herausgefunden, dass diese Religion nicht meiner Mentalität entspricht. Ich bin schon früher in Syrien nicht sehr oft in die Moschee gegangen, und seit zwei Jahren habe ich das ganz eingestellt. Ich heiße Mohamad, nach meinem Großvater – aber es ist eben auch der Name des Propheten. Mit diesem Namen kann ich mich nicht identifizieren. Außerdem verhalten sich viele Deutsche vorsichtig, wenn sie meinen Vornamen hören. Deshalb suchte ich einen ohne religiöse Bedeutung." Seine Eltern haben das sofort akzeptiert. Ein langer Weg liegt hinter Mohamad und ist Vergangenheit. Die Zukunft gehört Philipp.

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