Tragbar, aber dennoch besonders, so sollen die Modelle von Claire Nungesser sein. Außerdem legt sie Wert auf Nachhaltigkeit. FOTO: PV
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Tragbar, aber dennoch besonders, so sollen die Modelle von Claire Nungesser sein. Außerdem legt sie Wert auf Nachhaltigkeit. FOTO: PV

Modetraum in der Wetterau erfüllt

  • vonKatrin Hanitsch
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Unser vielseitiges Bundesland ist Thema der Serie "Hessisch!". Dazugehört auch Mode. Schließlich ist Hessen künftig Gastgeber der Fashion Week. Eine, die sich darüber besonders freut, ist Designerin Claire Nungesser.

Studium in Düsseldorf, Absolventen-Show in Paris, Designassistentin bei Hugo Boss - und die Rückkehr in die Wetterau, um sich hier ihren Traum zu erfüllen. In Bad Nauheim eröffnete die 26 Jahre alte Claire Nungesser im Frühjahr 2019 ihr eigenes Unternehmen. Unter dem Namen 6.zehn - Stoff & Design kreiert sie ihre eigene Kollektion, und schneidert maßangefertigte Kleidung. Das ehrgeiziges Ziel der Reichelsheimerin: Ein eigens Label aufbauen.

Wenn man das Stichwort Mode hört, denkt man ja nicht zuerst an Bad Nauheim. Warum sind Sie hierher zurückgekommen?

Ich bin in Bad Nauheim geboren und auch aufs Gymnasi-um gegangen. Ich bin gene- rell ein sehr heimatverbundener Mensch. Mir hat es zwar sehr gutgetan, vier Jahre in Düsseldorf zu leben. Aber für mich kam immer nur infrage, in die Heimat zurückzukehren und mich da selbstständig zu machen. Großstädte sind ja noch mal ein ganz anderes Pflaster, davor hab ich großen Respekt. So passt es besser zu mir.

Was mögen Sie an Hessen?

Ich liebe Frankfurt. Ich finde, die Stadt hat sehr viel Potenzial. Ich freue mich, dass ein Teil der Fashion Week jetzt nach Frankfurt umzieht. An sich hat Frankfurt alles zu bieten, was man sich von einer Großstadt wünscht. An der Wetterau finde ich die Landschaften schön. Ich wohne auch nicht in Bad Nauheim, sondern auf dem Land. Dieser Mix aus Stadt- und Landleben, das ist für mich genau das Richtige.

Gibt es bei den Hessen Eigenheiten in Sachen Mode? Haben Sie spezielle Vorlieben festgestellt?

Nein, das tatsächlich nicht. Ich mache aktuell noch hauptsächlich Maßanfertigungen und bekomme so die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden aus erster Hand mit. Es ist ganz unterschiedlich. Viele Menschen, gerade in Bad Nauheim, haben fast schon einen extravaganten Stil, was ich toll finde. Aber sonst ist das wirklich bunt gemixt. Ich würde nicht sagen, dass es etwas Spezielles gibt, das viele Hessen suchen.

Wodurch zeichnet sich Ihre Mode aus? Was ist Ihnen wichtig?

Mir ist es wichtig, dass die Sachen tragbar sind, aber dennoch besonders. Sie sind nachhaltig gefertigt. Vom Entwurf auf dem Papier bis zum letzten Handgriff, dem Annähen des Labels, mache ich alles selbst. Das findet man ja heutzutage so fast gar nicht mehr. Ich achte darauf, eine gute Stoffauswahl zu treffen, auch da ist mir Nachhaltigkeit wichtig. Meine Designs zeichnen sich durch Liebe zum Detail aus. Ich arbeite gerne schlicht, aber mit einer ausgefallenen Schnittführung.

Wer bestellt Kleidung bei Ihnen? Was sind das für Leute?

Das ist sehr gemischt, was mich sehr freut. Ich habe auch Kunden, die in meinem Alter sind, was ich am Anfang nicht gedacht hätte. Denn viele Jüngere kaufen doch eher Fast Fashion ein, da vor allem in diesem Alter das Gehalt eine besondere Rolle spielt und die Frage, wie viel man bereit ist, für Mode auszugeben. Der Großteil meiner Kunden ist zwischen 40 und 60 Jahre alt. Der Vorteil der Maßanfertigung ist, dass verschiedene Zielgruppen angesprochen werden. Manche suchen zum Beispiel etwas für eine Veranstaltung , ein Abendkleid oder einen Hosenanzug, während andere beispielsweise einen perfekt sitzenden Rock in mehreren Farben geschneidert bekommen wollen. Es ist also wirklich komplett durchgemischt. Aber das macht es auch so schön.

Zusätzlich zur Maßanfertigung bieten Sie aber auch eine eigene Kollektion an.

Die Maßanfertigung ist gerade als Einstieg ganz gut, denn in diesem Bereich gibt es Bedarf. Letztes Jahr hatte ich direkt zu Beginn meiner Ladenöffnung einige Aufträge von Brautjungfern, Brautmüttern, sogar von Bräuten. Aber ich möchte mir über die Jahre ein eigenes Label aufbauen. Aktuell präsentiere ich nur kleine Kollektionen, zweimal im Jahr. Da ich alles selbst nähe, gibt es pro Modell nur eine begrenzte Stückzahl.

Erfüllen Sie alle Kundenwünsche oder raten Sie auch mal von zu ausgefallenen Ideen ab?

An sich erfülle ich alle Kundenwünsche. Es ist aber so: Wenn es eine ganz besondere Farbe oder ein ganz besonderer Print sein soll, bin ich natürlich etwas eingeschränkt. In solchen Fällen muss ich erst bei meinen Produzenten nachfragen, ob sie ein Material in dieser Art haben. Ich bin noch nicht so weit, eigene Prints herzustellen, da das sehr kostenaufwendig ist. Viele Kunden wünschen sich auch eine kleine Stilberatung, fragen, ob ihnen ein Kleidungsstück wirklich steht. Dann kann ich gezielt auf die Körperform eingehen und stehe ihnen gerne mit Ratschlägen zur Verfügung.

Sie sprechen auf Ihrer Homepage von Ihrem "Traum vom eigenen Geschäft". Ist es so geworden, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Ich finde, dass es sogar besser geworden ist. Ich bin jetzt seit anderthalb Jahren selbstständig und habe schon einen guten Kundenstamm aufgebaut, was mich sehr freut. Ich kenne das ein bisschen von meiner Mutter, die ist Damenschneidermeisterin führt ein kleines Modeatelier. Ich bin damit aufgewachsen und habe immer mitbekommen, wie sie an den Aufträgen gearbeitet hat und war auch mal bei Kundenterminen dabei. Für mich ist es genau so, wie ich es mir erhofft habe. Jetzt wünsche ich mir, dass es sich weiterhin gut entwickelt, weil ich wegen Corona auch ein bisschen umstrukturieren musste. Aber das habe ich ganz gut gewuppt.

Was waren konkret die Schwierigkeiten mit der Corona-Krise?

Es wurden viele Aufträge für Hochzeiten gecancelt. Außerdem wollte ich eigentlich meine Kollektion mit einem kleinen Event präsentieren, das fiel auch ins Wasser. In diese Kollektion habe ich viel Geld und vor allem Zeit investiert, und konnte sie dann nicht zeigen. Dann hat sich aber die Chance ergeben, Masken zu nähen. Ich hatte zuvor schon Masken genäht und gespendet. Kurz darauf hat die Stadt Bad Nauheim angefragt, ob ich für deren Mitarbeiter Masken anfertigen kann. Spätestens, als die Maskenpflicht kam, ging es richtig los. Da habe ich mit meiner Mutter zusammen von morgens bis spät abends Tausende von Masken genäht. So konnte ich die Zeit ganz gut überbrücken, war aber auch sehr dankbar, als wieder die ersten Anfragen für Maßanfertigungen kamen, ich meinen Laden wieder aufmachen durfte und die Leute sich dann doch noch ein Sommerkleidchen aus meiner Kollektion gekauft haben.

Was sind Ihre Ziele und Wünsche für die Zukunft?

An erster Stelle steht, dass ich mir ein eigenes Label aufbauen möchte. Das ist aber ein Ziel, für das ich mir ganz bewusst mindestens fünf bis acht Jahre Zeit gebe. Denn dafür müsste ich jemanden einstellen, eine Nähhilfe, damit ich mich als Designerin mehr ausleben kann, um eine umfangreichere Kollektion entwickeln zu können. Neben dem Geschäftsalltag im Laden und den Maßanfertigungen eine eigene Kollektion zu designen - dafür sind einige Nachtschichten nötig.

Außerdem freue ich mich darauf, dass ein Teil der Fashion Week jetzt in Frankfurt stattfindet. Vielleicht gibt es ja da irgendwann einmal die Möglichkeit für kleine Designer, sich zu präsentieren. Ansonsten kann es gerne so weitergehen.

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