Altsteirer·Hühner im Freilichtlabor Lauresham: Auf rund vier Hektar Fläche wird dort das Leben und Arbeiten im frühen Mittelalter um 800 nach Christus nachgebildet und erforscht. Wichtige Bestandteile sind der Nachbau einer Wohnsiedlung sowie die Züchtung von Nutztieren. UWE ANSPACH/DPA
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Altsteirer·Hühner im Freilichtlabor Lauresham: Auf rund vier Hektar Fläche wird dort das Leben und Arbeiten im frühen Mittelalter um 800 nach Christus nachgebildet und erforscht. Wichtige Bestandteile sind der Nachbau einer Wohnsiedlung sowie die Züchtung von Nutztieren. UWE ANSPACH/DPA

Mittelalterliche Spielwiese

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Wie wurden im Frühmittelalter Äcker bewirtschaftet, Häuser gebaut und welche Annehmlichkeiten hatte die Oberschicht? Diese Fragen will das Freilicht- labor Lauresham beantworten. Ein Museum zum Anfassen und Mitmachen - aber auch ein Areal für die Forschung.

Wildwiesen wuchern bis zu einem halben Meter hoch vor Holzhäusern. In einer Kapelle gibt es keine Bänke für die Gläubigen. Schiefe Lattenzäune begrenzen Grundstücke und bisweilen läuft einem ein Huhn vor die Füße oder ein gutmütiger, stämmiger Ochse ist vor einen Pflug gespannt und reißt einen Acker auf. Kein Hinweisschild erklärt, was das soll.

"Wir wollen nach Corona auch einen Tag ohne Führungen anbieten", sagt der Leiter des Freilichtlabors Lauresham, Claus Kropp. Dann würden allerdings überall auf dem Gelände Ansprechpartner Besuchern Rede und Antwort stehen. Bislang gibt es in dem Museum im südhessischen Lorsch Rundgänge nur mit Führungen.

Das Freilichtlabor gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe Kloster Lorsch und soll den Besuchern zeigen, wie Menschen auf einem Herrenhof zur Zeit des im Jahre 800 zum Kaiser gekrönten Karls des Großen und der Karolinger im Frühmittelalter lebten. Das Welterbe gehört zu den Liegenschaften der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten in Hessen und wurde von der Verwaltung in diesem Jahr mit mehr als 750 000 Euro - Personalkosten nicht mit eingerechnet - unterstützt. Für die Museumspädagogin Britta Reimann ist es wohl einzigartig in Hessen.

Das Römerkastell Saalburg bei Bad Homburg, die Pfahlbauten am Bodensee, das Museumsdorf Düppel bei Berlin, Mittelaltermärkte oder Ritterspiele: vergangene Zeiten erleben kann man vieler Orten. Seit einigen Jahren wird auch am UNESCO-Welterbe Kloster Lorsch Geschichte präsentiert.

"Wir zeigen, wie vor 1200 Jahren ein herrschaftlicher Hof funktioniert hat", sagt Kropp. Es werden die Unterschiede zwischen Ober- und Unterschicht dargestellt.

Das vier Hektar große Museumsareal mit zusätzlichen 20 Hektar Weideflächen ist anders als die Saalburg oder die Pfahlbauten nicht auf archäologischen Funden rekonstruiert, sondern bewusst auf die freie Wiese gesetzt worden, um zu zeigen, wie die Welt von einst ausgesehen haben könnte. Dabei steht nicht nur das Museum zum Schauen und Anfassen im Vordergrund. Auf dem Areal wird das Leben des Frühmittelalters erforscht.

"Wir sind kein Living-History-Park, wir arbeiten immer auch wissenschaftlich", erläutert Kropp den Anspruch. Deswegen würden hier auch nicht ständig Leute in altertümlichen Klamotten rumlaufen. "Es geht darum, das Kloster Lorsch besser zu verstehen, um das Welterbe besser zu verstehen." Es sei natürlich ein nicht privatwirtschaftlicher Zuschussbetrieb, aber es müssten eben auch eigene Einnahmen generiert werden.

So werde neben den Einnahmen durch die rund 20 000 Besucher jährlich versucht, über Kooperationen mit Wissenschaftlern Drittmittel einzuwerben. "Lauresham als Spielwiese für die Forschung. Wir können hier Projekte machen, die auf 10, 15 Jahre ausgelegt sind."

Ein Herrenhaus, Unterkünfte für die Hörigen, eine Kapelle, Werkstätten für Färber, Bäcker, Schmiede, dazu Ackerflächen, Weiden, Gärten für Wein oder Obst: Auf dem 2014 gestarteten Projekt stehen mittlerweile mehr als 20 Gebäude.

In den Werkstätten wird auch gearbeitet. Es werden Werkzeuge hergestellt, ein Projekt mit Kindern befasst sich mit Brot von der Aussaat bis zum Backen, und an unterschiedlichen Webstühlen werden Textilien produziert, die mit Farben aus Pflanzen gefärbt werden. Die Abläufe, Werkzeuge, Alltagsarbeit sollen weitestgehend den Bedingungen des Frühmittelalters nachempfunden werden. Um festzustellen, wofür damals sogenannte Grubenhäuser - im Boden eingelassene Gebäude - waren, wird derzeit auf dem Areal eines nach alten Handwerksmethoden errichtet.

In den Unterkünften der Untertanen und der Obrigkeit soll ein Eindruck vom Alltagsleben entstehen. "Im Grunde soll es ja so sein, als ob der Herr gerade nicht da ist", erläutert Kropp. Es wäre seiner Meinung nach aus wissenschaftlichen Gründen schön, wenn alles wie früher gemacht werden könnte. "Ich bin aber kein Gutsherr und habe keine 40 Hörigen. Wir sind ein musealer Betrieb, der funktionieren muss." So gebe es zum Beispiel veterinärmedizinische Vorgaben.

Auf dem Areal des Museums leben derzeit vier Schweine, drei Ziegen, zehn Schafe, zwei Hunde, 20 Hühner, einige Gänse und 20 Rinder, davon sieben Zugrinder von der Rasse rätisches Grauvieh. Das Vieh ist auch zuständig für das Abgrasen der wuchernden Wildwiesen.

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