Der Mitbewohner

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Auch wenn der inzwischen erwachsene Sohn vor einiger Zeit ausgezogen ist, sah meine Lebensplanung keineswegs vor, sofort wieder einen neuen Mitbewohner ins Haus zu lassen. Und schon gar nicht mietfrei. Und erst recht hätte ich es bevorzugt, einen neuen Bewohner erst einmal kennenzulernen oder wenigstens zu Gesicht zu bekommen, bevor er gleich da oben einzieht.

Schon allein, um mal so ganz grundsätzliche Themen wie Nachtruhe zu besprechen. An diese hält sich der Neue da oben im Dachboden nämlich so gar nicht. Vielmehr werkelt er herum, ebenso akribisch wie laut, und immer nur nachts, direkt über dem Schlafzimmer auf unserem nicht begehbaren Dachboden. Keine Chance also, mal vorbeizuschauen, Brot und Salz vorbeizubringen und ein ernstes Wörtchen zu reden. Die Internet-Recherche lässt vermuten, dass es wohl ein Marder ist. Oder auch gleich sich paarende Marder und Marderinnen. Romantische Vorstellung. Vielleicht ist es aber auch ein Waschbär. Oder ein Student.

Ich habe dann einfach mal in der Hoffnung auf Hilfe und Rat bei einem Kammerjäger angerufen. Der Beruf des kammerjagenden Schädlingsbekämpfers tauchte bei meiner Berufswunschwahl vor vielen Jahren nicht unbedingt in den Top 5 auf. Ähnlich wie der des Proktologen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich bin jedenfalls dankbar, dass es Menschen gibt, die diese Berufe gerne ausüben. Mein persönlicher Schädlings-und-Ungeziefer-Beseitiger allerdings hatte sehr schlechte Laune.

"Was habbe Sie dann fürn Dach?", knurrte er missmutig. Tja, was habe ich denn nur für ein Dach, grübelte ich fieberhaft. Wie nennt man denn nur ein Dach, das einfach wie ein Dach aussieht? "Äh, na ja, so ein… Dach halt", stammelte ich. "So ein normales, so mit Ziegeln. Also… kein Bungalow jedenfalls."

Stille. Ich spürte Verachtung am anderen Ende der Leitung.

"Wo geht da dann rin?", fragte er. "Keine Ahnung", antwortete ich. "Eigentlich dachte ich, dass Leute wie Sie genau solche Fragen beantworten können." Da schnaufte er nur kurz. "Sie könne da auch ein Mittel rinspritze. Bringt aber nix. Genauso wenig wie der Ultraschall-Blödsinn. Der Kollech kommt eh immer wieder." Er machte mir also richtig Mut, der Herr Bekämpfer.

"Fange und töte dürfe mer die net. Ist verbote." In seiner Stimme klang nun echtes Bedauern mit. Ich schwieg erschöpft.

"Am einfachste ist", fuhr er fort, "Sie hole sich ein Dachdecker, der das alles zumacht. Zack, dann ist Ruh. Und woher wolle Sie dann überhaupt so genau wisse, dass das überhaupt ein Marder ist? Könnte doch aach ein Waschbär sein."

"Oder ein Student, ich weiß", rutschte mir resigniert heraus.

Das fand er nicht lustig, und so beendeten wir recht schnell unser Gespräch.

Im Moment gibt es noch keine Lösung für dieses Problem. Wahrscheinlich läuft es darauf hinaus, dass ich unser Haus abreiße und dann wieder neu aufbaue. Den Dachboden lasse ich dann einfach weg.

Dietrich Faber ist Kabarettist und Autor. www.dietrichfaber,de

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