Eine Feldlerche. (Foto: dpa)
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Eine Feldlerche. (Foto: dpa)

Tag des Artenschutzes

Sag mir, wo die Arten sind

  • Eva Diehl
    vonEva Diehl
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Feuersalamander, Hirschkäfer, Feldhamster – viele Arten sind mittlerweile in Hessen selten geworden. Wir fragen nach warum - beim NABU, der Naturschutz-Akademie Hessen und einem Naturfreund.

Es ist gleich da drüben", sagt Friedel Diehl auf dem Weg durch das kleine Waldstück namens Hasengarten. "Nebenan im Feld gab es früher viele Hasen und Rebhühner. Dort war ein riesiger Ameisenhaufen und gleich links an dem Flüsschen gab es die Feuersalamander." Der Daubringer ist hier aufgewachsen. Der Wald war in den 1950er Jahren sein liebster Spielplatz. "Wir mussten damals nicht lange suchen – die Feuersalamander waren recht häufig mit ihrer auffällig schwarz-gelben Färbung haben wir sie schnell entdeckt." Heute wird das Reptil in der Roten Liste für Hessen als "selten" geführt und ist nach der Bundesartenschutzverordnung und dem Bundesnaturschutzgesetz "besonders geschützt". Unter anderem bedeutetet das, dass die Tiere weder eingefangen, noch verletzt oder getötet werden dürfen.

Während Experten sich um die Populationen der Feuersalamander derzeit noch weniger sorgen, sieht es für andere Arten dramatischer aus, weiß Dr. Tim Mattern vom NABU Hessen. Im Wald sei die Entwicklung noch nicht ganz so extrem wie im Offenland. Besonders bedenklich findet der Naturschützer jedoch, dass frühere Allerweltsarten, die noch bis in die 1980er Jahre auch in Mittelhessen häufig waren, mittlerweile stark zurück gegangen oder verschwunden seien.

Dazu zählten etwa Vögel wie Kiebitze, Bekassinen, Uferschnepfen oder Brachvögel. "Auch Lerchen, Hamster und Rebhühner haben zu kämpfen", sagt Mattern. Lerchen seien früher die Boten des Frühlings gewesen, heute höre man sie kaum noch singen. Auch in Ortschaften sei für einige Arten ein negativer Trend zu beobachten, etwa bei Spatzen und Hausrotschwänzen.  

Schutz per Gesetz
Heute vor 44 Jahren, am 3. März 1973, wurde in Washington ein Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten geschlossen. Die Inhalte des sogenannte Washingtoner Artenschutzübereinkommens, kurz CITES, wurden im deutschen Gesetz in der Bundesartenschutzverordnung festgeschrieben – einer der Grundsteine des gesetzlichen Schutzes exotischer, sowie heimischer Arten in Deutschland. Um über den internationalen Artenschutz zu sprechen, treffen sich Experten am 21. März in der Naturschutz-Akademie Hessen in Wetzlar. Darunter sind Vertreter des CITES-Büros, des Bundesamtes für Naturschutz, des hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie des Hauptzollamtes.

Die Gründe dafür seien vielfältig und für einzelne Arten unterschiedlich. Verlust von Lebensräumen und intensive Landwirtschaft seien aber zum größten Teil dem Menschen anzulasten, meint der Naturschützer. In den Dörfern etwa fehlten Misthaufen, wild bewachsene Ecken und Ritzen in den Häusern, die oft für Dämmung verschlossen würden. So gingen Insekten als Nahrung und die Brutplätze verloren. Das hat auch Diehl schon beobachtet. Während es früher mitten in seinem Heimatort zwei große Bauernhöfe und zahlreiche Kleinbauern mit jeder Menge umherschwirrender Schwalben und Spatzen gegeben habe, sei heute nur noch ein Aussiedlerhof außerhalb der Ortschaft übrig geblieben. Auch in der umliegenden Landschaft seien Hecken und bewachsene Feldränder vielfach der Flurbereinigung zum Opfer gefallen.

Jeder kann einen Beitrag leisten Was tun, um den Artenschwund zu stoppen? "Artenschutz ist nicht nur etwas für Experten", meint Albert Langsdorf, Leiter der Naturschutz-Akademie Hessen (NAH) in Wetzlar. Auch im eigenen Garten könne jeder einen Beitrag leisten. Langsdorf empfiehlt zum Beispiel, statt Exoten heimische Pflanzen wie Haselnuss, Schwarzdorn, Kornelkirsche, Wildapfel, Felsenbirne oder Wildstauden zu pflanzen. Solche Pflanzen stellten wiederum Nahrung für Insekten und Vögel bereit. Auch wild bewachsene Ecken oder Trockenmauern böten Tieren ein Zuhause.

Die NAH organisiert Fortbildung für ganz unterschiedliche Zielgruppen und Themen im Naturschutz – vom naturgemäßen Obstbaumschnitt für jedermann bis zu Maßnahmen in NATURA 2000-Schutzgebieten für Planungsexperten. Die Akademie sieht sich selbst als Informationvermittler im Naturschutz und ist eine Einrichtung des Landes Hessen und des Vereins Naturschutz-Zentrum Hessen. In Wetzlar diskutieren Experten aus Ministerien, Behörden, Naturschutzverbände und Gutachterbüros zum Beispiel auch über sogenannte Artenhilfskonzepte. Darin fassen hessische Behörden zusammen, wie stark gefährdet eine Art ist, und welche Maßnahmen zu ihrem Schutz geeignet sind. Aktuell steht dabei das Rebhuhn im Fokus des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Naturschützer: Agrarpolitiker in der Pflicht

Wenn es um Artenschutz geht, sieht Naturschützer auch die Agrarpolitik in der Pflicht. "Es liegt an der politischen Weichenstellung. Wir brauchen attraktivere Fördermodelle für die Landwirtschaft", sagt Mattern. Landwirte schafften schließlich die Lebensräume für viele der bedrohte Arten. "Dort, wo die Arten jetzt noch sind, muss das Geld hinfließen." Naturschutz als Dienstleistung kann er sich durchaus als lukratives, zweites Standbein für Landwirte vorstellen. "Wichtig ist, dass wir Strukturen in die Landschaft bringen, die Insekten fördern." Diese dienten als Nahrungsgrundlage für viele größere Tiere.

Das Land Hessen fördert umweltverträgliche Landwirtschaft derzeit mit sogenannten Agrarumweltmaßnahmen, früher unter dem Kurznamen HIAP, aktuell HALM. Eine hessische Erfolgsgeschichte kommt von ehemaligen Äckern im Kreis Marburg-Biedenkopf, auf denen Landwirte für die Zuschüsse vom Land blühende Pflanzen gesät hatten. Hier fand eine Forscherin 2015 eine in Hessen ausgestorben geglaubte Wildbienenart wieder. Die unscheinbare, sechs Millimeter kleinen Biene mit dem wissenschaftlichen Namen Lasioglossum pauperatum entdeckte Daniela Warzecha von der Justus-Liebig-Universität Gießen in großer Zahl nachdem die Flächen 2011 umgewandelt worden waren. Auch in der Wetterau gibt es Erfolge zu verzeichnen. Mattern nennt etwa die Renaturierung des Flusses Nidda und die Umwandlung von Äckern in Grünland. Vor allem Störche, die noch in den 1980er Jahren mit weniger als zehn Brutpaaren im Wetteraukreis vertreten waren, seien zuletzt mit rund 80 gezählt worden.

Artenkenner sterben aus Trotz einiger Erfolge, sieht der Leiter der Wetzlarer Akademie ein Nachwuchsproblem: "Nicht nur die Arten sterben aus, auch die Artenkenner." Die Artenkenntnis stehe in den Schulen nur selten auf dem Stundenplan und im Privatleben konkurriere der Naturschutz mit anderen Hobbys wie Internet, Fußball, Feuerwehr, Reiten oder Ballett. "Wir versuchen deshalb, junge Leute über moderne Bildungsangebote anzusprechen", sagt Langsdorf. Beispielsweise könnten Schüler, aber auch Lehrer in NAH-Kursen Apps zur Beobachtung und Bestimmung von Pflanzen und Tieren kennenlernen. Zudem gebe es auf dem Gelände der Akademie einen Erlebnisgarten sowie einen Teich, den Kinder und Erwachsene aktiv erkunden könnten.

Ob das für den Naturschutz im Erwachsenenalter etwas bringt? "Ich glaube ja", sagt Langsdorf. "Man muss dran bleiben. Man kann geradezu sehen, wie eine gewisse Neugier entsteht." Interesse wecke bei vielen Schulabgängern auch das freiwillige ökologische Jahr (FÖJ). "Das ist eine wichtige Nachwuchsföderung", meint der Leiter der Akademie. Seine Einrichtung ist der größte hessische FÖJ-Träger und vermittelt 80 Plätze auf Einsatzstellen in ganz Hessen von Bauernhöfen über Forschungseinrichtungen bis zu kommunalen Umweltämtern.

"Als Kinder waren wir in den Ferien von morgens bis abends im Wald und höchstens zum Mittagessen zuhause. Auch nach der Schule ging es oft gleich nach draußen", erinnert sich Diehl. Heimische Pflanzen und Tiere hat er noch in der Schule durchgenommen – im Fach Heimatkunde. Im Unterricht hätten sie auch Wanderungen unternommen und einmal habe der Heimatkundelehrer sogar einen lebendigen, zahmen Bussard mit in die Schule gebracht, erinnert sich der 70-Jährige. Die Begeisterung der Kinder sei groß gewesen – zumindest bis der Vogel sich ausgiebig auf dem Lehrerpult erleichtert habe. Geschadet hat das seinem Interesse an der Natur aber glücklicherweise nicht.

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