Die Umstellung auf das rein digitale Lehren und Lernen hat auch die THM vor große Herauforderungen gestellt. FOTOS: DPA/PM
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Die Umstellung auf das rein digitale Lehren und Lernen hat auch die THM vor große Herauforderungen gestellt. FOTOS: DPA/PM

Mensch und Maschine im Stresstest

  • vonGerd Chmeliczek
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Durch die Corona-Krise hat sich auch das Studentenleben grundlegend verändert. Homelearning statt Präsenzveranstaltungen. Das ist nicht nur eine Herausforderung für die Studierenden, sondern auch für das IT-Team, das die technischen Voraussetzungen für die digitale Lehre schaffen musste. Ein Gespräch über Server, Bandbreiten und Dehnungsfugen.

Oliver Christ ist seit über 18 Jahren im IT-Bereich der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) tätig, seit 13 Jahren als Chef der Abteilung. Er und sein Team mit rund 45 Mitarbeitern sind verantwortlich für die IT-Belange an den drei THM-Standorten in Gießen, Friedberg und Wetzlar. "Die Corona-Krise stellt natürlich auch uns vor ganz besondere Herausforderungen", sagt der 57-Jährige. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben, denn die THM kehrt vorerst nicht zum normalen Präsenzunterricht zurück.

Herr Christ, bei den vielen, vielen Menschen im Home-office - wann geht das Internet in die Knie?

Nie (lacht). Davon gehe ich mal fest aus. Wir hatten uns schon so unsere Gedanken gemacht, als wir voll auf die digitale Lehre umgestellt haben. Aber bislang läuft alles stabil.

Welche Maßnahmen haben Sie im Einzelnen in die Wege geleitet? Seit dem 20. April wird ja digital gelehrt.

Wir haben unsere E-Learning-Plattform "Moodle" von Friedberg nach Gießen geholt. In Friedberg hatten wir eine deutlich geringere Bandbreite, also einen schmaleren Zugriffskanal, als in Gießen. Nun können mehr Studierende schneller auf die Programme zugreifen. Die Videoplattform, auf der Lehrvideos abgerufen werden können, hat die THM in die Cloud verschoben.

Das heißt, die technischen Kapazitäten in Gießen waren bereits vorhanden?

Grundsätzlich ja. Wir haben allerdings im Zuge der Vorbereitungen die Bandbreite in Gießen erheblich erhöht. Unser Provider ist das Deutsche Forschungsnetz, ein Zusammenschluss vieler Hochschulen. Die Bandbreite bezieht sich auf die Menge der Daten, die übertragen wird. Diese haben wir massiv erhöht - so etwa um das Dreifache -, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Wir haben insgesamt etwa 18 000 Studierende an den einzelnen Standorten, da kommt schon einiges zusammen.

Kann man die Veränderungen, also die Zunahme an Zugriffen, messen?

Ja, wir ermitteln Informationen über die Datenströme. Interessant ist: Vor der Corona-Krise, also vor der Digitalisierung der Lehre, hat die THM mehr Daten von außen empfangen, als wir herausgegeben haben. Nun ist es umgekehrt: Es gehen viel mehr Daten von unseren Servern nach außen, also zum Beispiel zu den Studierenden. Das hat sich beinahe schon dramatisch gedreht.

Und in Gießen laufen dann die Datenströme der einzelnen Standorte zusammen?

Nein, das ist dezentralisiert aufgestellt Jeder Standort hat eine eigene Internet-Verbindung. Untereinander wird über einen sogenannten VPN-Tunnel kommuniziert, damit alles über eine verschlüsselte Verbindung läuft.

Hat die Corona-Krise auch Sachen zutage gefördert, die im IT-Bereich der THM in Zukunft verbessert werden müssen?

Wir verfügen über eine virtuelle Server-Plattform - wie wahrscheinlich alle Hochschulen. Diesen virtuellen Servern kann man ganz flexibel Ressourcen zuweisen und sie auch wieder umsortieren. Das ist in der derzeitigen Situation enorm wichtig. Wir können somit schnell reagieren, wenn Zugriffe auf bestimmte Server zu- oder abnehmen. Im Moment bestehen wir also den Stresstest. Wir werden aber noch die Kapazitäten für die VPN-Einwahl von außen in das Netz der THM erhöhen.

Sie sind selbst im Home-office. Ein Tipp vom Experten: Was erleichtert die Kommunikation mit den Kollegen?

Wir haben im Moment ein Programm im Test, mit dem ich den Kollegen virtuell in seinem Büro aufsuchen kann. Normalerweise müsste ich da hinmarschieren, wenn ich ihn oder sie persönlich sprechen möchte. Und wenn der im anderen Gebäude sitzt, überlege ich mir das schon zweimal (lacht).

Ist Homeoffice für Sie ein Modell für die Zukunft? Also auch nach der Zeit der Corona-Pandemie?

Das ist eine ganz spannende Frage. Denn es gibt in jedem Unternehmen oder jeder Behörde - also auch an der THM - ganz verschiedene Sichtweisen auf das Homeoffice. Den einen fehlt der soziale Kontakt mit den Kollegen, auch das Schwätzchen am Kopierer. Und es gibt Menschen, denen Homeoffice mehr zusagt. Ein Experte hat zum Homeoffice einmal gesagt: "Bei dieser Art der Arbeit fehlen die Dehnungsfugen." Damit meinte er den Fußweg zur Konferenz oder die Fahrt mit dem Zug zum nächsten Termin. Zeit, in der man den Kopf frei bekommen kann. Diesen Vergleich fand ich sehr einleuchtend. Homeoffice verdichtet den Arbeitsalltag.

Sie sind schon lange dabei. Was ist die größte technische Veränderung, die Sie bislang mitgemacht haben?

Die Virtualisierung. Das war die größte und auch die beste. Weg von der zugewiesenen Hardware, von der jede eine spezielle Aufgabe erfüllt hat, hin zu Servern, denen ich flexibel Aufgaben zuweisen kann.

Und welche Entwicklung im IT-Bereich finden Sie aktuell besonders spannend?

Alles, was mit Cloud Computing zusammenhängt, also dem Zusammenspiel von Servern für Speicherplatz oder Rechenleistung. Wie werden Hochschulen in die Cloud-Nutzung einsteigen? In der Industrie ist das ja in weiten Teilen bereits Standard. Das ist für uns ein großes Zukunfts- thema. Wie gehen wir damit um? Welche Dienste nutzen wir? Das ist ein spannendes Thema.

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