Mehr als nur ein Kleidungsstück

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Für die einen ist es ein Zeichen von Identität, für die anderen eine Kampfflagge: Das islamische Kopftuch ist ein kontroverses Thema bei einer Konferenz in Frankfurt.

Die Polizeifahrzeuge vor dem Universitätsgebäude sollen auch die freie wissenschaftliche Debatte schützen. Drinnen geht es an diesem Mittwoch bei einer ganztägigen Veranstaltung des Forschungszentrums globaler Islam um das islamische Kopftuch. "Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" lautet die Frage, über die Politik- und Religionswissenschaftler diskutieren. Im Vorfeld hatte es Proteste und Anfeindungen gegen Susanne Schröter, die Direktorin des Forschungszentrums, gegeben, darunter den Vorwurf eines "antimuslimischen Rassismus". Daher die Polizeiwagen an der Universität, die Namens- und Taschenkontrollen. Doch auch das Interesse an der Veranstaltung ist unerwartet hoch - mit 700 Anmeldungen reicht der Veranstaltungsraum längst nicht aus.

Nach "Schröter raus!"-Forderungen in sozialen Medien bleibt lauter Protest am Mittwoch aus. Nur eine kleine Gruppe, überwiegend junge Frauen mit Kopftuch, aber ohne Transparente, hat sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite versammelt. "Alles sehr friedlich", betont ein Polizist.

Die Forderung nach einer Abschaffung des Kopftuchs liegt Schröter fern: "Es steht niemandem zu, eine Frau herabzuwürdigen, weil sie ein Kopftuch trägt." Sie kritisiert aber ein "System Kopftuch mit stark repressiven Elementen" und religiöses Mobbing schon an Grundschulen, an denen Mädchen ohne Kopftuch sozial von der eigenen Gemeinschaft geächtet werden. "Es ist vollkommener Unfug, dass der sogenannte Orient schon immer unter dem Schleier war", sagt sie mit Blick auf eine Frauenbewegung auch in islamischen Ländern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Deutlich harscher äußert sich die feministische Publizistin Alice Schwarzer, die unter lautem Applaus gegen "Werterelativierung" zu Felde zieht. "Das Kopftuch ist die Flagge des politischen Islam", sagt sie. "Das ist kein Kleidungsstück, das ist ein Signal." Dabei betont sie ausdrücklich, dass sich ihre Kritik nicht gegen den Islam richte, sondern gegen einen Islamismus, der Frauenrechte beschneide und Frauen Verhaltensweisen aufzwinge - von der Zwangsverschleierung bis hin zu Verboten, nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus zu gehen. Sie setzt sich für ein Kopftuchverbot an Schulen ein und kritisiert einen Umgang mit zugewanderten Menschen, in dem nicht auf die Einhaltung der grundsätzlichen Werte des Grundgesetzes gepocht werde.

Und was genau schreibt der Koran zu dem Thema Kopftuch beziehungsweise Verhüllung vor? Exegeten seien sich nicht einig, wie sich die Frauen zu bedecken haben, erläutert die islamische Theologin Dina El-Omari. Doch auch wenn einige von Vollverschleierung ausgingen, sei mehrheitlich von einem Kopftuch die Rede gewesen, so die Wissenschaftlerin der Universität Münster. Die historisch-kritische Lesart komme zudem zu dem Schluss, dass es sich "nicht um ein Gebot, sondern eine Empfehlung" handele. Im Übrigen seien die entsprechenden Koranverse erst weit hinten im Text zu finden - allzu große Priorität habe das Thema offenbar nicht gehabt. Von Verboten hält El-Omari nichts. "Es muss absolute Freiheit herrschen, das Kopftuch auf- oder abzusetzen", sagt die Theologin, die selbst ein Kopftuch trägt. "Gleichzeitig muss eine offene und freiheitsliebende Gesellschaft Frauen die Möglichkeit geben, sich aus freiem Willen für ein Kopftuch zu entscheiden."

Oder eben dagegen, wie der Theologe Abdel-Hakim Ourghi entgegnet, Autor des Buches "Ihr müsst kein Kopftuch tragen". Er hat islamische Gemeinden in Großbritannien untersucht und kommt zu dem Schluss: "Verschleierung ist eine körperliche Aktionsform, die deutliche Abgrenzung von Menschen der Mehrheitsgesellschaft erreichen will." Entgegen der ursprünglichen Absicht mache sie Frauen nicht "unsichtbar" gegen lüsterne Männerblicke oder Übergriffe, sondern führe bei muslimischen Minderheiten in Europa zur "übersteigerten Sichtbarkeit", die das Anderssein betone. "Das ist eine gezielte Willenserklärung, in der Mehrheitsgesellschaft nicht aufgehen zu wollen."

Für Khola Maryam Hübsch, Kopftuchträgerin aus Überzeugung, stehen Schleier oder Kopftuch hingegen für emanzipatorische Freiheit und bewusster Ausdruck von Spiritualität. Der freiheitlich-säkulare Rechtsstaat müsse alle Religionen gleich behandeln, fordert die Journalistin, die sich nach eigenen Angaben erst nach anfänglichen Zweifeln entschlossen hatte, an der Tagung teilzunehmen.

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