Nur Minuten vor Beginn eines "Marburger Abends" steht das Programm für die offene Bühne fest. FOTO: MT
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Nur Minuten vor Beginn eines "Marburger Abends" steht das Programm für die offene Bühne fest. FOTO: MT

Marburger Abend zum 306sten

  • Martin Schäfer
    vonMartin Schäfer
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Die Erwartungen waren hoch, die Vorfreude riesig, das Programm dicht getaktet - doch dann machte dem 300. Marburger Abend Ende März 2020 die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Wie so viele Kulturveranstaltungen, Feiern, Jubiläen fand das Aushängeschild der Marburger Kulturszene nicht mehr statt. "Marburger Abend" - das steht für vieles: Freie Bühne bei freiem Eintritt, lokale Musiker und Künstler sammeln erste Erfahrung vor enthusiastischem Publikum, durch alle Genres von Musik, Comedy, Poetry, Artistik, fast alles ist erlaubt. Bestuhlt fasst der große Raum im Kultur- und Freizeitzentrum (KFZ) der Stadthalle rund 400 Menschen - rappelvoll, viele müssen draußen bleiben.

Zwei dichte Stunden, nur die ersten Künstlerinnen sind gesetzt, spontan können sich Newcomer auf das Line-up ergänzen lassen. "Wir wissen dann meist selbst nicht, wer da kommt", sagt Bernd Wal-deck, der Moderator. Ehrenamtliche kritzeln die Namen der Künstler dann mit Kreide auf eine Tafel - Minuten bevor es losgeht. Das Programm im März hätte gar eine Gießener Band eröffnet - Ska und Reggae von Lube. Städtepartnerschaft im Kleinen. Ein bis zwei Dutzend Ehrenamtliche sind aktiv, und zwar vom Moderator Waldeck auf der Bühne bis zum Techniker Axel Herbst hinter der Kamera. Beide sind die aktuellen Macher hinter diesem "Open Stage"-Konzept. Laut nun veralteter Selbstbeschreibung der "ältesten ohne Unterbrechung existierenden freien Bühne Deutschlands". Erst Corona führt zu einem Bruch der monatlich seit 1977 laufenden Tradition.

Diesen Sonntag ist es wieder - oder trotz allem - so weit: Mit Hygienekonzept und Voranmeldung geht der 306. Marburger Abend an den Start. Die Veranstalter haben einfach die auch ausgefallenen vier Monate durchgezählt. "Und den 300. Marburger Abend aus dem März holen wir als Jubiläum dann nach, wenn das Feiern wieder richtig geht", meint der 49-jährige Moderator Waldeck. In Jubiläums-Feierlaune ist nämlich niemand. Der Marburger Abend lebt von seinem monatlichen Rhythmus. Und der wurde durch Corona jäh durchbrochen.

Der August brachte den Marburger Abend testweise in Corona-Zeiten mit vollem Hygiene-Programm, ebenso im September. Kommenden Sonntag steht Waldeck beim 306sten auf der Bühne. "Das ist jetzt der dritte Marburger Abend in Corona-Zeiten", sagt Waldeck. Spannend bleibt jedes Mal, welches Publikum kommt. Haushaltsweise werden die Menschen dann als Insel auf das Parkett platziert. Je größer die Gruppe, desto mehr können die Veranstalter unterbringen. Im großen Saal des KFZ können so bis zu 65 Personen anstatt der 400 sitzen. Finanziell trägt sich das kaum. Doch die Künstler wollen spielen, das Publikum will die Show. "Die Veranstaltung im September lief den Umständen entsprechend gut", sagt Waldeck nebulös. Recht schnell nach Freischalten der Online-Buchungsfunktion ist die Show ausverkauft.

Unklar ist bei den aktuellen Umständen auch: Welche Stimmung kommt auf. Der Marburger Abend ist nämlich brausenden Applaus, wohlwollende Begrüßung der Newcomer, Überraschung und Improvisation, Interaktion von Bühne mit Publikum gewohnt. "Das wird nicht geil", sagte Waldeck einmal genauso resigniert wie gespannt. Im Hauptberuf Comedian, hat er allerdings das Rüstzeug, auch jede Situation zu retten. Und es gibt Entwicklungen im Kulturleben. Mit den Lockerungen nach dem Lockdown haben sich viele Kulturveranstalter wieder ans Performen herangetastet, etwa bei der Sommerstadt Marburg: Letztere ersetzte als dezentrales, über mehrere Wochen reichendes Ersatzprogramm das Stadtfest "Drei Tage Marburg" von Mitte Juli. Auch beim Marburger Abend gilt nun: Mit Mund-Nase-Schutz zum Platz, dort kann die Bedeckung dann heruntergenommen werden. Zu fremden Menschen und Personengruppen ist ein Abstand von 1,5 Metern einzuhalten. Die Lüftungsanlage läuft unter Volllast, versprechen die Veranstalter. Martin Schäfer

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