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Marvin E. soll Kontakt zu Rechtsterroristen gehabt haben. Der Rechtsextremismusexperte Roland Sieber vermutet, dass es sich bei ihm um einen Tätertypen handelt, der durch seine Taten zum »Helden« werden will. SYMBOLFOTO: DPA

»Manche wollen Held werden«

Ein 20-Jähriger aus Spangenberg steht unter Terrorverdacht und sitzt seit September in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet sowie gegen das Sprengstoffgesetz verstoßen zu haben.

Über Details zum Fall halten sich Behörden und das Innenministerium bedeckt. Diese Woche berichtete »Zeit Online«, dass Marvin E. Chat-Kontakte zur rechtsterroristischen, international agierenden Gruppierung »Atomwaffen Division« gehabt haben soll. Wir sprachen mit dem Rechtsextremismusexperten Roland Sieber.

Nach Recherchen von »Zeit Online« soll der 20-Jährige Kontakte zur »Atomwaffen« Division gehabt haben. Um was für eine Organisation handelt es sich?

Die »Atomwaffen Division« (AWD) ist eine internationale Neonazi-Gruppe, die mit Gewalt und Terror zu einem globalen rassistischen Bürgerkrieg beitragen und diesen gewinnen will. In den Vereinigten Staaten von Amerika wurden mindestens fünf Menschen durch Mitglieder der »Atomwaffen Division« getötet. Großbritannien und Kanada haben die AWD als Terrororganisation eingestuft.

Wo hat »Atomwaffen Division« ihren Ursprung?

Die »Atomwaffen Division« wurde 2015 aus dem Neonazi-Forum »Iron March« heraus gegründet. Einem Online-Treffpunkt der radikalsten Neonazis weltweit. In den USA trat sie dann als Miliz in Erscheinung, welche ihre Mitglieder an Schusswaffen für den Krieg ausbildet. Den Kern der Ideologie bildet die rechtsextreme Auslegung des »Akzelerationismus«: Die »Beschleunigung« hin zum Zusammenbruch der Staatsordnung durch Chaos und Gewalt. Wobei die »Atomwaffen Division« nur eine akzelerationistische NeonaziGruppierung neben weiteren wie die »Feuerkrieg Division« ist, mit denen personelle und ideologische Überschneidungen bestehen.

In seinem Umfeld scheint Marvin E. nicht dadurch aufgefallen zu sein, dass er Kontakte zu Neonazi-Netzwerken pflegt oder eine rassistische Einstellung vertritt.

Marvin E. scheint Beobachtern bisher nicht bei Treffen der rechtsextremen Szene aufgefallen zu sein. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass er sich online radikalisierte. Wie auch der Attentäter von Halle und Fabian D., ein Mitglied der »Feuerkrieg Division«, welcher vor einem Jahr in Bayern wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat zu einer zweijährigen Haftstrafe mit anschließender Führungsaufsicht verurteilt wurde.

Der Verdächtige galt als unauffälliger junger Mann. Er half in Spangenberg bei der Pflege eines historischen jüdischen Ritualbades. Kandidierte als Parteiloser für die örtliche CDU. Ist so ein Verhalten gute Tarnung oder bewegen sich solche Menschen in zwei Welten?

In seinem Fall ist darüber bisher zu wenig bekannt. Wir könnten es aber bei ihm mit einem Tätertypen zu tun haben, der online die Anerkennung sucht, welche er im realen Leben nicht bekommt. Der durch seine Tat zum »Helden« oder Märtyrer seiner Szene werden will, wie auch Schulamoktäter und Dschihadisten. Anders als der Münchner OEZ- oder der Halle-Attentäter, scheint er sich sozial nicht aus dem Reallife zurückgezogen zu haben.

Er soll sich seine Informationen zum Waffen- und Bombenbau bzw. zu deren Beschaffung in englischsprachigen Foren und Chats besorgt haben. Handelt es sich bei der rechtsradikalen Szene, um international vernetzte Organisationen?

Die Teilnehmer solcher Foren und Chats bilden ein Wolfsrudel, welches gemeinsam Feindbilder und mögliche Ziele markiert. Sogenannte einsame Wölfe führen mit ihrer Tat dann den Willen des Rudels aus. Allerdings folgen diese dem Konzept des führerlosen Widerstands: Einzelpersonen und unabhängige Zellen, die selbstständig planen und losschlagen. Auch muss differenziert werden, ob er ein ausgewähltes Mitglied der AWD mit Zugang zu internen Chats war oder einfach ohne Mitgliedschaft zu deren Umfeld gehörte.

Wie aktiv sind diese in Deutschland?

Akzelerationistische NeonaziGruppen verbreiten ihre Terrorpropaganda so breit, öffentlich und offensiv wie möglich und versuchen dabei auch so viele Nichtmitglieder wie möglich einzubeziehen. Davon abzugrenzen sind die internen Chats für Mitglieder, an denen bei der »Feuerkrieg Division« wohl sechs Personen aus Deutschland teilnahmen. Laut Zeit soll »The Base« drei deutsche Mitglieder gehabt haben. In Frankfurt am Main, Köln und Berlin wurden Flugblätter mit der Aufforderung verteilt, der »Atomwaffendivision Deutschland« für den kommenden Bürgerkrieg zu folgen. Es wird dazu aufgerufen, jüdische und muslimische Menschen zu töten. 2018 veröffentlichte die AWD ein martialisches Video einer deutschen Atomwaffen Division.

Auf Anfrage der Linke-Fraktion im Innenausschuss des Landtages kam heraus, dass im Zusammenhang mit Marvin E. gegen weitere Personen ermittelt wird. Hatte er Verbündete?

Laut Staatsanwaltschaft soll er auf Englisch versucht haben, an illegale Schusswaffen zu kommen, und laut »Zeit Online« über den Messenger Telegram mit deutschsprachigen Anhängern der AWD in Kontakt gestanden haben.

Auch im Zusammenhang mit Kinderpornografie wird gegen Marvin E. ermittelt. Treten Kinderpornografie und Rassismus oft gemeinsam auf?

In den USA und Großbritannien wurde gegen mehrere Mitglieder extremistischer Gruppen wegen sexueller Gewalt gegen minderjährige Mädchen sowie wegen Kinderpornografie ermittelt. Ein Mitglied der inzwischen verbotenen »Sonnenkrieg Division« in Großbritannien hat dazu aufgerufen, Säuglinge und Frauen zu vergewaltigen und zu töten.

Auch im NSU-Komplex wurde wegen kinderpornografischen Materials und Bezügen zur Pädokriminalität ermittelt. Anfang 2017 waren in Hessen laut polizeilichen Auskunftssystems 37 Personen, welche den personenbezogenen Hinweis »PMK rechts« hatten, auch wegen Sexualstraftaten zum Nachteil von Kindern bis einschließlich 14 Jahre und sexueller Gewalt beschuldigt.

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