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So manche prominente Persönlichkeit wird abgewatscht

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Marburg (kdw). Er gehört zu den Größen der Kabarettszene, er ist ganz anders als die anderen, er hat sich in letzter Zeit mit Änderungswünschen aus dem »Scheibenwischer« katapultiert und ringt mit seinem »Satiregipfel« in einem neuen Format um Erfolg.

Marburg (kdw). Er gehört zu den Größen der Kabarettszene, er ist ganz anders als die anderen, er hat sich in letzter Zeit mit Änderungswünschen aus dem »Scheibenwischer« katapultiert und ringt mit seinem »Satiregipfel« in einem neuen Format um Erfolg. Vor allem jedoch ist er immer noch für einen hervorragenden Kabarettabend gut. Am Samstag bewies Mathias Richling in Marburg das nach allen Regeln der Kunst. 500 Zuhörer waren in die Erwin-Piscator-Halle gekommen, um sein Programm »e=m.RICHLING2« zu sehen.

Und zu sehen gibt’s bei Richling, Jahrgang 1953, immer was, der Mann ist schließlich ein hochbegabter Schauspieler. Wer sich unsicher war, was wohl anstand - mehr Comedy oder mehr Kabarett -, wurde gleich zu Beginn entlastet. Richling war zum Austeilen gekommen, zeitweise wurde es sogar kathartisch. Zunächst mal wurden diverse Politiker abgewatscht, was Richling soweit möglich mimisch untermalt. Bei Merkel geht das gut, bei Steinmeier mangels Masse weniger, aber dafür hat er eine Erklärung für den Aufstieg des Ausdruckslosen Textautomaten parat: »Ich vermute, er hat sich nach oben geschlafen. Dabei ist die SPD an ihm vorbei nach unten gerutscht, und dann stand er plötzlich an der Spitze da.«

Genauso kann man sich das vorstellen, und folglich bleibt auch die konkrete Parodie blass. Ordnungsgemäß bleibt einem das Lachen auch ab und zu im Halse stecken, wenn es etwa um »das Gewissen der Abgeordneten« geht: Wem fühlte sich Andrea Ypsilanti nochmal verantwortlich, und wem ihre abweichenden Genossen? Man sinnt kurz nach.

Überhaupt zeigt Richling messerscharfe analytische Qualitäten, wenn er beiläufig in die Alltäglichkeit hineingewachsene Denkfehler und Widersprüche aufspießt. Wolfgang Schäuble als finalem Zyniker und Feind des Grundgesetzes widmet er einige schaurige Minuten, in denen der Parallelen zwischen der Kirche und den USA zieht und beim Thema Folter (»Folter hat auch was mit Sentimentalität zu tun«) ultrasachlich Für und Wider abwägt. Aber zum Glück ist Richling derart komisch, dass der eisige Hauch ums Herz gleich wieder verweht. Dafür gibt’s andere Analysen: »Macht macht rechts. Rechts ist immer da, wo regiert wird«, konstatiert Richling überzeugend, und während man noch lacht, legt er nach: »Moral kam immer von den Linken - solange sie in der Opposition waren. Rechts ist ansteckend, Moral nicht.«

Wirklich großartig ist Angela Merkels Besuch beim authentisch wienerischen Dr. Freud. Wie Richling hier die Ödipustheorie der Analyse lustvoll umbimst und um die Kanzlerin windet, bis sie passt und Merkel sich argumentativ nicht mehr wehren kann, das ist bis zur vernichtenden Gipfelpointe (»Sie haben die Macht geheiratet und den Wähler erstochen«) hinreißend und faszinierend - genial. Diese und noch zahllose andere scharfe Sottisen bringen Richling zum Schluss minutenlangen Beifall ein, und an diesem Abend gibt es denn auch nichts zu meckern: Die Neuformatierung des Bewusstseins auf höherem Niveau und damit die kabarettistische Grundversorgung ist gelungen, und man verlässt in frohgemuter erweiterter Klarheit den Saal.

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