Magisches Dreieck der Landvermesser

  • Rüdiger Geis
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Heute ist die Erde mithilfe von Satelliten digital bis ins kleinste Detail vermessen. Entfernungen zwischen zwei Orten oder Fahrzeiten von A nach B lassen sich ohne Probleme googeln. Das war vor 200 Jahren noch ganz anders, als der Marburger Professor Christian Ludwig Gerling mit der »Vermessung der Welt« in der hiesigen Region begann. Zwei Jubiläen gehen damit einher.

Die Ergebnisse des Wiener Kongresses 1815, der nach Napoleons endgültiger Niederlage eine politische Neuordnung in Europa initiierte, waren der Hintergrund der Neuvermessung. Preußen wurden beträchtliche Gebiete im Westen zugeschlagen, die als Provinz Westfalen und Rheinprovinz zusammengefasst wurden. Das machte eine einheitliche vermessungstechnische Grundlage des gesamten Staatsgebiets notwendig.

Im Jahr 1817, vor 200 Jahren, begann die Vermessung der Dreieckspunkte erster Ordnung »von Berlin bis nach dem Rhein« (und später weiter bis Memel und Breslau), in die der Dünsberg als Messpunkt eingebunden war. »Der Dünsberg war stets ein trigonometrischer Punkt erster Ordnung«, weiß der Biebertaler Ehrenbürgermeister und Diplomingenieur i. R., Günter Leicht, langjähriges Mitglied des Dünsbergvereins und früher selbst als Landvermesser tätig. Weitere Messpunkte waren bei der späteren Kurhessischen Triangulation unter anderem der Taufstein am Hoherodskopf, der Johannisberg bei Bad Nauheim und der Feldberg.

In den Jahren 1822 bis 1823 und 1835 bis 1837 leitete der Marburger Professor Gerling im Auftrag des damaligen Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen die Kurhessische Triangulierung, mit der eine Lücke in den Landvermessungen des 19. Jahrhunderts geschlossen wurde. Ein wichtiger Anhaltspunkt dabei war der Dünsberg zwischen Biebertal und Wettenberg im Landkreis Gießen und Hohenahr im Lahn-Dill-Kreis – mit 498 Metern die höchste und markanteste Erhebung in Mittelhessen mit Sichtweiten bis zu 50 Kilometern. Die Basis für Gerlings Vermessungen bildeten die Arbeiten und Erkenntnisse seines Lehrers und Freundes, des Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Das Werkzeug war die Triangulation. Das Aufteilen einer Fläche in Dreiecke und deren Ausmessung ist das klassische Verfahren der Geodäsie, der Wissenschaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche.

»Bei der Landesvermessung wurde das Land mit Dreiecksnetzen überzogen. Die Stationspunkte sind mit Granit- oder Sandsteinpfeilern vermarkt worden, die Standsicherheit und Lagestabilität gewährleisten sollten. Die Lage der Dreieckspunkte wurde durch Triangulation – sehr genaue Winkelmessungen mit Theodoliten (Winkelmessinstrument) – bestimmt und anschließend in Koordinaten dargestellt«, erklärt Leicht.

Gauß und Gerling, der während der Vermessungsarbeiten 1835 in Frankenbach wohnte, unterhielten einen regen Briefverkehr. So schrieb Gerling am 22. September des Jahres an seinen Freund von einer »kleinen Rekognoszierungsreise« und dass er am Dünsberg zu messen angefangen habe, »obwohl freilich in diesen Tagen noch mit geringem Erfolg, denn die entfernten Punkte sind immer in Nebel gehüllt, und habe ich Taufstein und Johannisberg noch fast nie deutlich gesehen«.

Ohne Telefon, Funkgeräte oder Handy war die Landvermessung vor rund 200 Jahren eine gewaltige logistische Leistung. Eine Verständigung über größere Distanzen war schwierig: Die Wege zwischen den einzelnen bis zu 50 Kilometer entfernten Beobachtungsstationen mussten mit Kutschen oder Pferdewagen durch teilweise unwegsames Gelände zurückgelegt werden. Gerling schickte einen »Gehülfen« mit einem Heliotrop (Sonnenspiegel) auf den Hassenroth hinter Biedenkopf – Luftlinie etwa 32 Kilometer – und erwartete das Lichtsignal in zwei Tagen. Das erklärt die jahrelange Dauer der Vermessungen.

Seit 1980 wird in der Landvermessung das Global Positioning System (GPS) verwendet Damit wurde auch der Sandsteinpfeiler auf dem Dünsberg als Bezugspunkt durch die Hessische Landvermessung mittels Satellitentechnik punktgenau bestimmt. »Die Ergebnisse der früheren Triangulationen stimmen innerhalb von 30 Zentimetern mit diesen neuen Werten überein«, erklärt Leicht.

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