Mädchen stirbt einen qualvollen Tod

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Frankfurt- "Die Würde des Menschen ist unantastbar" steht in großen steinernen Lettern an der Wand des Gerichtsgebäudes, direkt über dem Eingang, den Zuschauer und Prozessbeobachter passieren. Im Verfahren vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt gegen ein mutmaßliches Mitglied der Terrormiliz IS geht es um Straftaten, bei denen die Würde von Menschen schwer verletzt worden sein soll: Um Menschenhandel, Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit - und um den qualvollen Tod eines fünfjährigen Mädchens im Irak, das laut Anklage mit seiner Mutter versklavt und mehrfach verkauft wurde, bis die beiden Angehörigen der Minderheit der Jesiden im Haushalt des heute 27 Jahre alten Irakers und seiner damaligen Frau landeten.

Ehe der Angeklagte am Freitagvormittag den Gerichtssaal betritt, reicht ein Justizbeamter einen Aktenordner durch die Tür - Taha Al J. will nicht für Fotografen und Kameraleute erkennbar sein. Das Verfahren wurde weitgehend an die Abstandsregeln zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie angepasst, zahlreiche Plätze im Zuschauerraum müssen leer bleiben, damit die Besucher weit genug auseinander sitzen. Ein Flatterband trennt den Bereich der Prozessbeteiligten vom Rest des Saales ab. Im Gegensatz zu den Besuchern müssen Richter, Verteidiger und Anklagevertreter keine Nase- und Mundschutz tragen. Als Taha Al J. Platz genommen hat, wendet sich der Richter an ihn: "Sie können Ihre Maske jetzt auch abnehmen."

Am ersten Verhandlungstag verlesen die Bundesanwälte die Anklage, gehen noch einmal auf die Militäraktionen des IS in Syrien und im Irak ein. Ausführlich sprechen sie über das Schicksal der Jesiden, die Opfer von Massenexekutionen, Zwangskonvertierung zum Islam, Versklavung und Vergewaltigungen wurden. Das Ziel der "vollständigen Vernichtung der Jesiden" sei auch von dem Angeklagten geteilt worden, der seit 2013 Mitglied der Terrormiliz gewesen sein soll. Seine damalige Frau steht in einem gesonderten Verfahren in München vor Gericht.

Im konkreten Fall geht es um das Schicksal einer jesidischen Frau und ihrer fünfjährigen Tochter, die als Arbeitssklavinnen immer wieder Misshandlungen ausgesetzt gewesen sein sollen. Die Mutter leide noch heute unter erheblichen Schulterschmerzen als Folge von Stockschlägen, die sie für Nichtigkeiten wie falsch gewaschene Wäsche erhalten habe, sagte die Bundesanwältin. Dann sei es zwischen Juli und September 2015 zu einer weiteren Misshandlung gekommen, nachdem das Kind krankheitsbedingt im Haus auf eine Matratze uriniert habe.

An Fenster gefesselt

Der Angeklagte soll in Rage geraten sein und zunächst die Mutter gezwungen haben barfuß nach draußen in den Hof des Hauses in Falludscha im Irak zu treten. Laut Anklage herrschten draußen Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius im Schatten. Anschließend soll der Angeklagte das geschwächte Kind, das nach seiner Mutter gerufen habe, draußen ungeschützt vor der Sonne an ein Fenster gefesselt haben. Das Kind sei infolge dieser Strafe gestorben.

Taha Al J., der seit seiner Festnahme in Griechenland in Untersuchungshaft ist, äußert sich nicht zu den Vorwürfen und machte auch keine Angaben zu seinen Personalien. "In so einem langen Verfahren ist es sicherlich erst einmal ratsam, zu schweigen", sagt einer seiner Verteidiger anschließend. "Mit einem Geständnis ist sicher nicht zu rechnen." Der Prozess wird am kommenden Montag mit der Zeugenaussage eines Polizisten fortgesetzt.

Mit Spannung verfolgen auch Vertreter der Exil-Jesiden den Prozess in Frankfurt. dpa

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