Schulsituation in Hessen

Lehrer beklagen große Missstände

Die Situation an Hessens Schulen wird kontrovers diskutiert: Die Lehrergewerkschaft kritisiert kaum tragbare Zustände. Doch die Regierungsvertreter beschwören weiterhin Rekordwerte.

Wiesbaden (dpa/lhe). Drei Wochen nach Schulbeginn hat die Lehrergewerkschaft GEW erhebliche Missstände an Hessens Schulen beklagt. Vor allem an Grundschulen fehlten Lehrer und die Arbeitsbelastung der existierenden Lehrer sei kaum mehr tragbar, sagten Vertreter der Gewerkschaft.

Zu Schuljahresbeginn hatte das hessische Kultusministerium die Lage an Hessens Schulen und die Ausstattung mit Lehrern gelobt. »Unsere Schulen starten so gut versorgt wie nie zuvor in das neue Schuljahr«, sagte Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Das werde besonders beim Ausbau des Ganztagsangebots deutlich.

Kritik kommt auch von der FDP

Am Freitag sprach die CDU von »Rekordwerten«, die hessischen Schulen stünden besser da als je zuvor in der Geschichte des Bundeslandes. »So viel Geld im Bildungsetat wie nie zuvor, so viele Lehrerstellen und Unterrichtsstunden wie nie zuvor und so wenige Schüler ohne Abschluss wie nie zuvor«, teilte der bildungspolitische Sprecher der CDU, Armin Schwarz, mit. Die FDP kritisierte eine verfehlte Politik, durch Kontrollwut und Herrschsucht würden Lehrer schikaniert, die Schulen drohten weiter abzufallen. »Und Leidtragende sind die Schülerinnen und Schüler und damit unser aller Zukunft«, teilte der schulpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Wolfgang Greilich (Gießen), mit. »Die GEW Hessen sieht einen großen politischen Handlungsbedarf für bessere Lern- und Arbeitsbedingungen«, sagte GEW-Vorsitzende Birgit Koch. Die »Sommermärchen« des Kultusministers würden nicht weiterhelfen. Im Folgenden die drängendsten Kritikpunkte der Lehrervertreter.

Lehrermangel: Die Landesregierung habe es versäumt, trotz steigender Geburtenraten die Lehrerausbildung zu fördern – als Konsequenz fehlten nun an den Grundschulen qualifizierte Pädagogen, so die Kritik. Auch wenn formal an einer Schule alle Lehrerstellen besetzt seien, gebe es keine Reserve für beispielsweise Elternzeiten.

Steigende Krankheitszahlen

Schulen griffen auf Quer-, Seiteneinsteiger und Hilfskräfte zurück und es komme zu Situationen, dass beispielsweise eine Studentin plötzlich allein als Klassenlehrerin eingesetzt werde. Grundsätzlich begrüßt die Lehrergewerkschaft den Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigern – allerdings mit entsprechend pädagogischer Ausbildung und verlässlichen Verträgen. Die Kollegen würden gebraucht, weil der Lehrermangel allein mit verstärkter Lehrerausbildung nicht auszugleichen sei.

Überlastung: »Die Kollegen in allen Schulsystemen können nicht mehr«, sagte der stellvertretende GEW-Vorsitzende Tony C. Schwarz. Das zeige sich an zahlreichen Überlastungsanzeigen und steigenden Kranken- und Frühpensionierungszahlen. Die Gründe dafür reichen von gestiegenem Verwaltungsaufwand über schwierigere Klassenzusammensetzung bis zu mehr Elternarbeit. Bei einer Klasse von 25 Kindern stehe sie heute vor einer extrem heterogenen Gruppe, berichtete die Lehrerin an einer Grundschule in Bensheim, Elke Fischer. Für ihr Inklusionskind habe sie gerade mal in vier von 24 Wochenstunden einen Förderschullehrer an ihrer Seite. Bei anderen Kindern mit speziellem Förderbedarf oder Traumatisierung müsse sie gleichzeitig Ergotherapeutin, Logopädin und Psychologin sein: »Dafür bin ich nicht ausgebildet worden.«

Elternarbeit anspruchsvoller

Auch die Elternarbeit sei in verschiedenen Aspekten schwieriger geworden, sagte Paul Neuhaus, Lehrer einer Frankfurter Gesamtschule. Statt wie vor Jahren nur ein paar Schüler bräuchten heute zwei volle Klassen Unterstützung beim Deutschlernen. Bei Elterngesprächen müsse er oft mit einem Dolmetscher arbeiten. An seinem Gymnasium gebe es vier Burn-Out-Fälle im Kollegium, zwei davon könnten nicht mehr im Schuldienst arbeiten, berichtete Holger Giebel von der Martin-Luther-Schule in Rimbach im Odenwald. Er fordert für sich und seine Kollegen eine bessere Bezahlung und eine Entlastung bei der Arbeitszeit.

Investitionsstau: An den Schulen in Hessen muss viel saniert werden und das Land soll sich einen Überblick verschaffen und handeln, forderte die GEW.

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