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Ein Lang-Gönser Abend - quasi

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Hessen trifft Berlin. Humor trifft Ernsthaftigkeit. Fußball trifft Leidenschaft. Packt man all das in ein zweistündiges Programm, ist am Ende jeder Zuschauer glücklicher und rundherum zufriedener Zeuge eines wunderbaren Abends. Jedenfalls dann, wenn Dietrich Faber und Christoph Amend gemeinsam auf der Bühne stehen.

Rund 70 Leser erlebten am Samstagabend im Verlagshaus dieser Zeitung in Gießen eine Premiere: Faber und Amend auf einer Bühne. Das Interesse war groß, die Veranstaltung innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Die Zuschauer wurden nicht enttäuscht. Nicht nur am Ende gab es Riesenapplaus. Doch der Reihe nach. Chefredakteur Dr. Max Rempel freute sich, dass die Premiere des Duos in seinem Verlagshaus stattfand. Und er versprach dem Publikum einen spannenden Abend. Dem wurden die beiden Autoren mühelos gerecht.

Die beiden Autoren Faber und Amend haben viel gemeinsam. Sie sind in Lang-Göns aufgewachsen, waren Schüler des Butzbacher Anna-Weidig-Gymnasiums und haben leidenschaftlich gerne Fußball gespielt. Sie haben schon als junge Männer die große Bühne gesucht und gefunden. Dann haben sich ihre Wege getrennt. Amend ging nach Berlin, Faber blieb in der Mitte Hessens. Amend ist ein bundesweit bekannter und geschätzter Journalist und Autor, leitet die Redaktion des "ZEIT"-Magazins. Faber steht zigmal im Jahr als Kabarettist und Musiker auf großen und kleinen Bühnen in der Region. Und er hat sechs Regionalkrimis geschrieben, die alle im Vogelsberg spielen. Seine Kolumne "Fabereien" hat einen festen Platz auf den Regionseiten dieser Zeitung.

Wie immer, wenn Dietrich Faber auf der Bühne steht, wünschen sich die Zuschauer, dass es ein lustiger Abend wird. Der Wunsch ging in Erfüllung: Es wurde viel gelacht - vor allem über Fabers kabarettistisches Talent, aber auch, weil Amend ebenfalls eine fein dosierte Prise Humor in seine Beiträge einstreute. Vielleicht das Beste am Abend waren die kurzen, pointierten Dialoge, bei denen sich beide mit großer Klasse elegant, geistreich und richtig witzig die Bälle zuspielten. Das alles, ohne vorher auch nur eine Minute geprobt zu haben.

In Berlin eine ganz andere Welt

Politisch sind sie beide, sie arbeiten sich ab an den großen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Jeder auf seine Art. Amend schreibt neben seiner Arbeit als Journalist Bücher. Zuletzt legte er den Band "Wie geht’s dir, Deutschland? - Was aus dem Land geworden ist, in dem ich aufgewachsen bin" vor. Ein etwas langer sperriger Titel, aber ein Buch mit einem aufschlussreichen und teils sehr überraschenden Inhalt, den Amend in drei Worten zusammenfasste: "Wir müssen reden!" Er ist für dieses Buch durch unser Land gefahren, hat viele Prominente besucht, aber auch ganz spontane Gespräche geführt. Amend erzählt in einem Kapitel die außergewöhnliche Geschichte von Ilyas Akdemir, einem Freund seit Kindertagen. Ilyas, denn alle nur Illi nannten, sei heute gemeinsam mit seinen Brüdern einer der größten Döner-Fabrikanten Europas. "Ich dachte damals - wie alle anderen auch - dass Ilyas Türkisch spricht." Bei dem Treffen für sein Buch habe er dann von Ilyas Überraschendes erfahren: Er habe Arabisch gesprochen, weil er aus einer Stadt im Süden der Türkei kam. Türkisch habe er erst in Deutschland gelernt. Alle hätten in ihm den typischen Türken gesehen. Da habe er sich gedacht, dann müsse er auch Türkisch lernen.

Der Firnis der Zivilisation ist dünn

In Amends Familie werde immer über Politik gesprochen. Einmal habe sein Vater gesagt: "Wenn wir jetzt ins Haus gehen, dann ist Politik für heute kein Thema mehr." Schon beim Essen "waren wir wieder mitten in einer Diskussion", sagt Amend.

Ausgangspunkt für sein Buch sei ein schwieriges Gespräch mit seinem Vater gewesen. Er sagte zu mir: "Ihr in Berlin, ihr versteht uns doch gar nicht mehr." Mit "ihr" habe er die Politiker und die Mitarbeiter der Medien gemeint. "Also auch mich." Sein Vater, der immer gesprächsbereit gewesen sei, habe dann abgewinkt. Ein Signal der Resignation. "Das hat mich sehr getroffen." Amend räumt ein, dass sich das Land verändert hat. Nach den Ereignissen in Chemnitz habe ein Politiker gesagt: "Der Firnis der Zivilisation ist dünn." Das Zitat sei ihm bekannt vorgekommen. Egon Bahr habe das einmal zu ihm gesagt, aber der SPD-Politiker habe sich damit auf Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg bezogen. "Als ich den Satz dann nach den Ereignissen in Chemnitz hörte, habe ich mich dazu entschlossen, wieder durch Deutschland zu fahren. Ich wollte herausfinden, was passiert sein muss, dass jetzt wieder solche Sätze gesagt werden."

Amend erzählt von einem Treffen mit dem CDU-Politiker Jens Spahn, der ja oft polarisiere, aber auch eine andere Seite habe, sehr sensibel sei. "Um zu verstehen, warum Menschen so sind, wie sie nun mal sind, muss man ihre Geschichte kennen, mit ihnen reden", sagt Amend.

In seiner Kolumne für diese Zeitung schreibt Faber stets über aktuelle Themen - mal ernst, mal humorvoll. Modewörter, Floskeln und Anglizismen sind ihm ein Graus, das Wort "quasi" sei ganz furchtbar, "Gänsehaut pur" auch. Nur: "Wenn jemand ›ganz bei dir‹ sagt, dann kriege ich Gänsehaut pur."

Der Abend nähert sich schon seinem Ende, als spontan, aus der Situation heraus, Faber und Amend das Lang-Gönser Lied anstimmen und sich auch Teile des Publikums textsicher zeigen. Da war es dann für einen Moment ein Lang-Gönser Abend - quasi.

Und noch eine gute Nachricht: Weil das Interesse an Faber und Amend groß ist, wird es im Frühjahr einen zweiten Auftritt geben.

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