Eine Krankenschwester hält eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff hoch.
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Eine Krankenschwester hält eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff hoch.

Verwaltungsmitarbeiter geimpft

Lahn-Dill-Kreis: Vorgezogene Corona-Impfungen bringen Landrat in Erklärungsnot

  • Alexander Gottschalk
    vonAlexander Gottschalk
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Bei Testläufen wurden mehrere Angehörige von Lahn-Dill-Kreis-Mitarbeitern geimpft, obwohl sie noch nicht an der Reihe waren. Der Landrat wehrt sich gegen den Vorwurf eines „Impf-Fiaskos“.

  • Wegen fragwürdiger Impf-Entscheidungen gibt es jetzt einen lauten Aufschrei im Lahn-Dill-Kreis.
  • Kreis-Mitarbeiter und ihre Angehörigen haben den Corona-Schutz erhalten, dabei wurden offenbar Fehler gemacht.
  • Landrat Wolfgang Schuster (SPD) muss sich entschuldigen – und geht in den Verteidigungsmodus

Wetzlar – Deutschlandweit sorgen sogenannte Impf-Vordrängler aktuell für hitzige Debatten. Der Lahn-Dill-Kreis hat wegen mutmaßlich unrechtmäßig vorgezogener Impfungen gegen das Coronavirus nun sogar einen handfesten Skandal, der Landrat Wolfgang Schuster (SPD) in arge Bedrängnis bringt. Am Mittwoch (17.02.2021) veröffentlichte er eine ausführliche Stellungnahme auf Facebook, in der es hieß: „Ich entschuldige mich für die Impfung von Angehörigen von Verwaltungsmitarbeitern während unserer Probephase in unserem Impfzentrum, die nicht zur Priorität 1 gehörten.“ Dafür wolle er „die Verantwortung“ übernehmen, der Vorfall werde „sachlich“ aufgearbeitet. Doch der Reihe nach: Was ist überhaupt im Lahn-Dill-Kreis geschehen?

Lahn-Dill-Kreis: Vorgezogene Corona-Impfungen bringen Landrat in Erklärungsnot

Konkret geht es um bis zu 77 Kreismitarbeiter sowie deren Angehörige, bei denen die Frage im Raum steht, ob ihre Sars-CoV-2-Impfungen zum aktuellen Zeitpunkt berechtigt waren. Erstmals war das Thema vergangene Woche auf den Tisch gekommen, nachdem „mittelhessen.de“ den Vorwurf, es habe möglicherweise Impf-Vordrängler gegeben, öffentlich gemacht hatte. Landrat Schuster reagierte damals mit klarer Kante, in einer Pressemitteilung auf der Website des Lahn-Dill-Kreises war zu lesen: „Es haben keine Impfungen zu Unrecht stattgefunden“. Eine Aussage, die heute offenbar nur noch bedingt gilt.

Im Laufe des Januars hatte der Lahn-Dill-Kreis bei neun Probeläufen insgesamt 469 Menschen eine Corona-Schutzimpfung ermöglicht. Eigenen Angaben nach lag der Fokus dabei auf Notärzten, medizinischem Personal, Pflegekräften, Rettungsdienst und Impfzentrumsmitarbeitern. Ziel sei gewesen, die Abläufe im Impfzentrum in Lahnau, das vergangene Woche eröffnete, unter Realbedingungen zu testen. Unter den Geimpften waren demnach auch „fünf leitende Mitarbeitende des Kreises, die für das Impfzentrum verfügbar sein müssen“. Ihren „unmittelbaren Kontaktpersonen“ habe der Lahn-Dill-Kreis ebenfalls ein Impfangebot gemacht. Ein Mitgrund: Die Corona-Infektion eines Krisenstab-Mitglieds in der Vergangenheit und die Befürchtung, ein weiterer ähnlicher Fall könne das Gremium lahmlegen.

Lahn-Dill-Kreis: Landrat will von „Impf-Fiasko“ nichts hören

„Wir haben nichts zu verbergen, wir betreiben keinen Impfstoffschacher und wir sind uns unserer Verantwortung (...) bewusst“, machte Landrat Schuster vor rund einer Woche klar. Dennoch war das brisante Thema damit keinesfalls abgehakt. Nicht nur aus der mittelhessischen Politikszene setzte es lautstarke Kritik, auch die Zeitung hakte nach und brachte am Dienstag (16.02.2021) einen Bericht, in dem erstmals von einer Entschuldigung für das Vorgehen die Rede war. Auf Nachfrage nannte der Lahn-Dill-Kreis Zahlen zu den heiß diskutierten Impfungen. Dabei fiel auch die ominöse 77. Es seien 60 Mitarbeiter der Kreisverwaltung bei Probeläufen vorab geimpft worden, außerdem 17 ihrer Angehörigen. Ein „Impf-Fiasko“, wie es in der Folge anklang, im Lahn-Dill-Kreis?

Gegen diesen Eindruck versuchte sich der Lahn-Dill-Landrat Schuster bei Facebook nun entschieden zu wehren. Dort erklärte er, von den 77 infrage stehenden Corona-Schutzimpfungen wären tatsächlich nur neun an Angehörige von Verwaltungsmitarbeitern gegangen, die außerhalb der ersten Priorisierungsstufe lagen. In den verbliebenen 68 Fällen sei die Entscheidung, zu impfen, richtig gewesen:

  • 21 Impfungen gingen an Verwaltungsmitarbeiter des Impfzentrums in Lahnau.
  • 19 Impfungen gingen an Mitarbeiter der Rettungsdienstleitstelle, die Notrufe entgegennimmt.
  • 20 Impfungen gingen an Verwaltungsmitarbeiter des Gesundheitsamtes, des Katastrophenschutzes sowie der Brandschutzaufsicht, die unter anderem im Corona-Testzentrum in Aßlar-Bechlingen und bei den mobilen Impfungen helfen.
  • Acht Impfungen gingen an Angehörige von Verwaltungsmitarbeitern, die der Priorität 1 (u.a. Ü80, Pflegekräfte und Pflegefälle, Krankenhauspersonal) angehören. Bei den Testläufen im Impfzentrum wollte man „ein breites Spektrum an Personen“, um „den Schnitt unserer Bevölkerung zu repräsentieren“.

Unrechtmäßige Corona-Impfungen im Lahn-Dill-Kreis? Es bleiben offene Fragen

„Wir reden über neun Angehörige von Verwaltungsmitarbeitern außerhalb der ersten Priorisierungsstufe, die wir in guter Absicht in Testläufen haben impfen lassen“, schrieb Landrat Schuster weiter. „Nochmal: Es wurden Fehler gemacht. Dafür übernehme ich die volle Verantwortung.“ Er wiederholte jedoch auch: „Es gibt kein Impf-Fiasko im Lahn-Dill-Kreis.“ Bei seinen Mitarbeitern entschuldigte der Politiker sich dafür, dass sie „zwischen die Fronten“ geraten seien.

Zu den neun unrechtmäßig früh Geimpften machte der Lahn-Dill-Kreis aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht keine näheren Angaben. Das Portal „mittelhessen.de“ hatte berichtet, es seien offenbar auch Mitarbeiter-Angehörige geimpft worden, die gar nicht im Landkreis lebten. Aus der Verwaltung hieß es dazu, für die Probeläufe habe es vom Land „keine Vorgaben gegeben“. Bis gestern (17.02.2021) wurden im Lahn-Dill-Kreis 10.709 Corona-Injektionen verabreicht, 3875 Menschen erhielten offiziellen Angaben nach bereits ihre Zweitimpfung. Dem Zeitungsbericht zufolge hat ein Drittel der Bewohner und Angestellten in den Altenheimen die schützende Spritze noch nicht gesetzt bekommen. Auch Landrat Schuster ist nach eigenen Angaben ungeimpft. Er wolle „aufgrund meines Wahlamtes keinen Vorteil erhalten“. Aufreger, wie den aktuellen, soll in Zukunft ein Impfbeirat vermeiden, wie es ihn auch im Kreis Gießen gibt. (ag)

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