Kurzarbeit und Job-Sorgen

  • vonDPA
    schließen

In der Corona-Krise sitzen Unternehmer besonders betroffener Branchen und ihre Beschäftigten in einem Boot. Den einen brechen die Umsätze weg, die anderen müssen mit Einkommenseinbußen zurechtkommen und bangen weiter um ihre Arbeitsplätze.

Hotel-Chefin Martina Döpfner blickt sorgenvoll in die Zukunft. Nach Beginn der Corona-Krise mussten sie und ihr Mann Jörg schweren Herzens die 22 Beschäftigten ihres Hotels Maingau in Frankfurt-Sachsenhausen in Kurzarbeit schicken und das Haus sogar für einige Tage im April ganz schließen. Seither übernehmen die beiden zahlreiche Aufgaben in dem Hotel selbst, kümmern sich um die komplette Organisation, bereiten Frühstück für die Gäste, stehen an der Rezeption. Trotzdem könne man mit einer Auslastung von 20 bis 30 Prozent derzeit nicht kostendeckend arbeiten, sagt Döpfner. "Ohne die Kurzarbeit könnten wir keine Arbeitsplätze sichern." Ihre Mitarbeiter will Döpfner unbedingt halten und so gut es geht unterstützen - zumal sie weiß, dass es gerade die Alleinstehenden schwer haben, mit dem durch die Kurzarbeit gekappten Einkommen zurechtzukommen. Deshalb werden die Mitarbeiter abwechselnd eingesetzt, damit jeder einmal zum Zuge kommt.

Auch die Beschäftigten zeigen sich solidarisch und verzichten teilweise auf Arbeit, um Kollegen den Vortritt zu lassen. Trotzdem bleiben große Sorgen: Eigentlich habe man gehofft, dass das Jahr noch ab September positiver zu Ende gehe, sagt Döpfner. Aber auch wenn etwa an der für die Frankfurter Hoteliers wichtigen Buchmesse festgehalten werden soll, sei die Perspektive momentan "sehr, sehr schwierig" und die Sorgen um Covid-19 und weitere Rückschläge für den Tourismus, das Tagungs- und Cateringgeschäft groß.

Deutschlandweit hat die Pandemie das Gastgewerbe in die tiefste Krise der Nachkriegszeit gestürzt, wie Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands DEHOGA Hessen, sagt. Von den rund 184 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Branche in Hessen dürften gut 40 Prozent derzeit in Kurzarbeit sein. Gerade in einer Branche mit vergleichsweise niedrigem Durchschnittseinkommen bereitet das vielen Arbeitnehmern Probleme, weiß man auch beim Arbeitgeberverband.

Um die 2000 Euro brutto verdient eine Servicekraft oder ein Küchen-Mitarbeiter im Gastgewerbe, rechnet Yurdakul Köroglu vor, der selbst in einem großen Frankfurter Hotel arbeitet und seit Langem in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) aktiv ist. Bei Kurzarbeit bleiben vielen Beschäftigten davon nur noch etwa 900 bis 1000 Euro übrig - nicht genug, um davon den Lebensunterhalt in einer Stadt wie Frankfurt zu bestreiten.

Es könnte aber noch viel dicker kommen, mahnt Wagner vom Dehoga Hessen: Wenn sich erst der "Nebelschleier" durch die vorübergehende Befreiung von der Pflicht zum Insolvenzantrag bei coronabedingter Zahlungsunfähigkeit lichte, werde am Ende die Wahrheit stehen. "Die größte Sorge, die uns antreibt ist, dass wir in eine große Arbeitslosigkeit hineinstürzen."

Diese Befürchtungen teilt auch Michael Rudolph, Bezirksleiter des DGB Hessen-Thüringen. So sei die Jugendarbeitslosigkeit bereits deutlich gestiegen, und "es droht ein Verlust von Ausbildungsplätzen". Schon jetzt hätten es aber gerade Menschen mit vergleichsweise niedrigem Einkommen schwer, die massiven Gehaltseinbußen bei Kurzarbeit zu verkraften.

Neben dem Gastgewerbe sei etwa der stationäre Einzelhandel, aber auch das Gesundheitswesen betroffen, weil vielen Beschäftigten mit Beginn des Lockdowns beispielsweise durch die Verschiebung nicht notwendiger Operationen oder die Schließung von Praxen die Arbeit und damit zumindest ein Teil ihres Einkommens weggebrochen sei. In der Auto- und Zulieferindustrie, die ohnehin mit Nachfrageschwäche und einem tief greifenden Wandel kämpfe, wirke die Corona-Pandemie wie ein zusätzlicher Katalysator.

Seit Ausbruch der Krise im März bis Juli zählte die Regionaldirektion der Arbeitsagentur in Hessen rund 64 500 Anzeigen zu möglicher Kurzarbeit, von denen potenziell 874 000 Beschäftigte betroffen sein könnten. Wie viele Betriebe tatsächlich auf Kurzarbeit zurückgreifen, wird erst im Nachhinein erfasst. 37 000 sozialversicherungspflichtige Jobs fielen der Krise bis einschließlich Mai in Hessen bereits zum Opfer, neue Zahlen sollen am kommenden Dienstag veröffentlicht werden.

Auch wenn die Kurzarbeit derzeit hilft, die Pandemie-Folgen für den Arbeitsmarkt zu lindern, gelte es schon jetzt, Lehren aus der Krise zu ziehen und bessere Schutzbestimmungen für Arbeitnehmer zu schaffen, sagt Rudolph. Viele Arbeitnehmer mit unbefristeten Jobs hätten derzeit in der Krise noch Glück im Unglück. Diejenigen, die prekär beschäftigt gewesen seien, seien in der Regel jetzt schon arbeitslos, sagt der Gewerkschafter.

"Arbeitsverträge, die ohne Sachgrund zeitlich befristet sind, müssen abgeschafft werden, Beschäftigte in Minijobs brauchen den vollen Schutz der Sozialversicherungen. Wie wertvoll unser Sozialversicherungssystem ist, sollte durch Corona wirklich jeder gelernt haben."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare