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Konstantin Wecker: Packend, lebendig, links

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Konstantin Wecker und Band in Wetzlar.	(Foto: kdw)
Konstantin Wecker und Band in Wetzlar. (Foto: kdw) © Heiner Schultz

Wetzlar (kdw). Mit einem packenden, lebendigen Auftritt erneuerte am Samstag Konstantin Wecker seinen Ruf als maßgeblicher deutscher Liedermacher. In der ausverkauften Stadthalle zeigte er zudem linkes Profil und reichlich Bereitschaft zum Andersdenken.

Die programmatische Richtung gab er zu Beginn mit »Wut und Zärtlichkeit« vor; »Empört euch!« hieß ein anderer Titel. Wecker wirkte vital und ganz bei sich. Sein markantes Äußeres hat er nicht verloren, seine charmante Freundlichkeit auch nicht: Der Kontakt mit dem Publikum war warm und herzlich. Und natürlich hatte er zur Unterstützung eine exzellente Band mitgebracht, mit der er sämtliche musikalische Ideen mühelos und hochwertig umsetzte und zugleich einige überraschende Elemente realisierte.

Gruß an die »Damen von der Kö«

Severin Trogbacher (Gitarre), Jens Fischer (Gitarre, Perkussion), und vor allem Jo Barnikel am zweiten Piano glänzten von Anfang bis Ende. Natürlich präsentierte Wecker eine ordentliche Sammlung alter Hits, die er durch einige satirische Texte ergänzte.

So schlug er zum Beispiel für den FDP-Politiker Dirk Niebel einen Ersatzjob als »Robbenschlächter oder FIFA-Präsident« vor. Richtig in Schwung geriet er mit »Das Lächeln meiner Kanzlerin«, einem vortrefflichen Spottlied. Darüber hinaus besang er den »Mut zum Leben« und machte bei »Frieden im Land« mit einem brutalen Rhythmus klar, dass damit keine leichte Sache gemeint war. »Das ist vierzig Jahre alt, das hat mit heute nichts zu tun«, zog er dann eben doch elegant die Parallele.

Wecker zeigte sich konzentriert, hoch motiviert und fröhlich und »dankbar darüber, dass ich von der Musik leben kann und so viele wunderbare Menschen treffe.« Der Applaus wurde immer länger. Es fehle Mitgefühl, sagte er zur aktuellen Lage in Deutschland. Exzellent vertont hatte er Kästners »Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es.« Eine ganz frische, höchst abwechslungsreiche Version von Lou Reeds »Walk on the wild side« machte klar, dass Wecker und seine Mannen ebenso lustvoll wie sicher auch auf ganz anderen musikalischen Pfaden wandeln konnten. Den »Damen von der Kö« las er dann genüsslich und rasiermesserscharf die Leviten; Kästners »Ansprache an Millionäre« hatte er zu einem eleganten Blues geformt.

Vielseitigkeit war ein musikalisches Merkmal des lebendigen Abends. Einen Mordstreffer landete Wecker mit »Weltenbrand« zum Text des Gedichts von Rilke. Da weitete sich die musikalische Vielfalt überraschend zu einer wunderbar authentischen Klang-Grandiosität, die das Publikum neben der rockmusikalischen Wucht auch mit der hinreißenden Prägnanz des Textes in seinen Bann schlug (»Du möchtest gern Brandung sein und endest als Gischt«).

Betroffenheit der durchaus auch gelassenen Art bestimmte den Abend, vor allem in den ausgezeichneten Liedtexten. Wecker nutzte seine herausragende Band zu eindeutig lustvollem Musizieren und servierte den unerschütterlich applaudierenden Zuhörern schließlich eine mächtige Zugabe, natürlich erklang auch »Buona notte«. Als die hochgestimmte Band dann abtrat, war der Tag fast schon rum.

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