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Für Viktoria Weil wird es auf dem Elsterhof nie langweilig. Den Familienbetrieb will sie von ihren Eltern übernehmen. (Foto: Merz)

Bauernhofübernahme

Knochenjob nicht nur für Männer

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Der Beruf des Bauern gilt trotz aller maschineller Unterstützung nach wie vor als Knochenjob. Ein typischer Männerberuf also? Falsch! Zunehmend übernehmen auch Töchter die Höfe.

Immer weniger immer größer: Das Höfesterben hält in Hessen ungebrochen an. Nach wie vor fehlt es vielen landwirtschaftlichen Betrieben an Nachwuchs. Der Beruf des Bauern gilt als hart und wenig attraktiv für Menschen, die auf geregelte Arbeitszeiten, freie Wochenenden und Urlaub Wert legen.

Viele Familienbetriebe schließen jedes Jahr, weil es keine Nachfolger gibt. Das ist traditionell meist der älteste Sohn gewesen. Doch in den vergangenen Jahren haben auch zunehmend Töchter die Betriebsleitung übernommen.

In einem Familienbetrieb packen alle mit an

Bernd Weber

Ohnehin ist der Beruf des Bauern eigentlich nie ein typischer Männerberuf gewesen. "Die Frau hatte in der Landwirtschaft schon immer einen anderen Stellenwert als in anderen Berufen", sagt Bernd Weber, Pressesprecher des hessischen Bauernverbandes.

Die klassische Trennung habe es eigentlich nie gegeben, Männer und Frauen hätten auf den Höfen immer Hand in Hand gearbeitet. Zwar sei der Mann durch die Präsenz auf dem Feld stärker sichtbar, aber die Tätigkeit der Bäuerin habe sich nie allein auf Hausarbeit und Kindererziehung beschränkt. "In einem Familienbetrieb packen alle mit an", unterstreicht Weber.

Für nächste Generation weiterführen

Tierfütterung und Melkarbeit seien oft von Frauen erledigt worden. Auch in wirtschaftlichen Fragen habe die Bäuerin immer ein Wörtchen mitzureden gehabt. In den vergangenen Jahren hätten Frauen immer stärker auch das Management eines Hofes übernommen.

Wie Viktoria Weil, die in Dorn-Assenheim den Elsterhof ihrer Eltern übernehmen wird. Der Familienbetrieb mit insgesamt 14 Mitarbeitern (inklusive Saisonarbeitern und Teilzeitkräften) wird schon in sechster Generation bewirtschaftet.

"Zu sehen, was mein Großvater Karl-Heinz Fleischhauer aufgebaut hat und wo unser Betrieb heute steht, ist für mich sehr beeindruckend. Ich hoffe, ich kann dies auch genauso weiterführen für die nächste Generation", beschreibt sie ihre Motivation, den Betrieb zu leiten.

Gegen Vorurteile durchsetzen

Weil absolvierte von 2011 bis 2014 eine Ausbildung zur Landwirtin an der technischen Berufsschule in Butzbach. Anschließend folgte die einjährige Winterschule in Alsfeld (jeweils halbjährig von Oktober bis März 2015 und 2016), die sie als staatlich geprüfte Wirtschafterin abschloss. Derzeit bildet sie sich in Alsfeld zur Landwirtschaftsmeisterin fort. Geplanter Abschluss: nächstes Jahr.

Zu Anfang ihrer Ausbildung musste sie sich mit vielen technischen Dingen auseinandersetzen, die für sie vorher eher weniger eine Rolle gespielt hatten. Zum Beispiel mit Maschinen umzugehen, "die manchmal mehr einem Flugzeugcockpit ähneln".

Und auch sie begegnet dem weitverbreiteten Vorurteil, Landwirtschaft sei Männersache: "Bis heute habe ich manchmal das Gefühl, dass man als junge Frau nicht immer für vollwertig angesehen wird, zumindest was die körperliche Arbeit angeht. Da muss man sich erst beweisen", sagt die 24-Jährige.

Kein Tag wie der andere

Weil bewirtschaftet insgesamt 135 Hektar Ackerland, 70 Hektar Winterweizen, 42 Hektar Kartoffeln, zwölf Hektar Winterraps, zehn Hektar Zuckerrüben und ein Hektar Grünland. Dazukommt die Hobby-Tierhaltung mit Pferden, Schafen, Gänsen, Hühnern und Schweinen.

Angeschlossen ist auch eine Kartoffelschälerei, die das ganze Jahr über produziert. "Möglich ist das durch eine gute Lagerung in einer extra dafür gebauten Halle.

Wir verarbeiten bis zu 100 Prozent unsere eigenen Kartoffeln und beliefern Großküchen und das Frischezentrum in Frankfurt." Da heißt es dann auch schon mal mitten in der Nacht aufstehen.

Und was motiviert sie, jeden Morgen aufs Neue die Aufgaben anzugehen? "Die Arbeiten auf dem Hof sind immer unterschiedlich, kein Tag ist wie der andere.

Zunehmende Büroarbeit

Die Arbeit wird nie langweilig und macht mir Spaß. Man ist nicht nur Landwirt, sondern auch Mechaniker, Biologe, Chemiker, Buchhalter, Teamleiter, alles in einem Beruf vereint", sagt sie. "Man ist Mädchen für alles."

Zweimal wöchentlich liefert sie die geschälten Kartoffeln nach Frankfurt, ist zuständig für die Bodenbearbeitung, Feldbestellung, die Stallarbeit und den Erntetransport. Hinzukommen die leidige Büroarbeit und Dokumentation.

"Wenn ich acht Stunden täglich am Computer verbringen müsste, würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden. Leider nimmt die Arbeit am PC immer mehr zu." Bedauerlicherweise sei die Landwirtschaft bei den Menschen nicht mehr so anerkannt, wie das mal der Fall war.

Mein Hof ist für mich meine Lebensaufgabe. Ich schaue beim Arbeiten nicht ständig auf die Uhr und hoffe, dass es bald Feierabend wird

Viktoria Weil

Denkt man da auch einmal übers Aufhören nach? "Natürlich habe auch ich bereits darüber nachgedacht, den Beruf zu wechseln, um mein Geld ›einfacher‹ und ›lukrativer‹ zu verdienen. Aber Landwirt ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung die man mit Leidenschaft bewältigt." Aufhören komme für sie nicht infrage.

"Landwirtschaft kann ich nur betreiben, wenn ich mit Herzblut, Leib und Seele dabei bin. Man muss Unternehmer sein durch und durch", gibt ihr Weber recht.

Dennoch bleiben auch kleine Nischen für die Hobbys. Viktoria Weil treibt Hundesport, reitet gerne und tanzt im Faschingsverein.

Aber ganz klar ist ihre Priorität: "Mein Hof ist für mich meine Lebensaufgabe. Ich schaue beim Arbeiten nicht ständig auf die Uhr und hoffe, dass es bald Feierabend wird. Auch wenn ein Tag mal anstrengend war oder etwas nicht so lief wie es sollte, fängt einen der Hof, also auch die Familie, auf. Und gemeinsam schafft man alles."

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