"Knasttheater" aus Strafgefangenen führt "Carmen" auf

Frankfurt (dpad). Der ehemalige Strafgefangene "Peiman" steigt in der Abenddämmerung die Treppe zum Kai am Osthafen hoch und dreht sich zum unten festgemachten Schiff um. Sechs Stunden hat der 30-jährige Gießener, im September noch Insasse der Haftanstalt in Preungesheim, auf Deck an Bühne und Requisiten geschreinert.

Am 29. November hat das "Knasttheater" auf dem Mainschiff Premiere mit der Aufführung der Oper "Carmen". Das Ensemble besteht im Wesentlichen aus Strafgefangenen im geschlossenen Vollzug.

Mit "Peiman" hat sich der Gießener so etwas wie einen Künstlernamen zugelegt, da er in dem Stück auch Darsteller ist und gleichzeitig mit einem Teil seiner Vergangenheit abschließen will. Das Schiff, ein motorloser Leichter, ist die Spende eines Mainzer Unternehmers. Sponsoren und Partner des "Knasttheaters" sind unter anderem auch das Land Hessen, das Kulturamt der Stadt Frankfurt, die Hafenbehörde, zwei Fachhochschulen sowie große und kleine Firmen. Und natürlich das Preungesheimer Gefängnis. "Zwölf unserer Insassen aus dem geschlossenen Vollzug machen beim Theater mit", berichtet Anstaltsleiter Uwe Röhrig, "außerdem Freigänger und Ehemalige".

Intendantin, Regisseurin und Sopranistin in einer Person ist Maja Wolff, die zusammen mit der Musikdozentin Ulrike Pfeifer von der Frankfurter Fachhochschule im vergangenen Jahr bereits Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" innerhalb der Preungesheimer Mauern mit Häftlingen inszenierte. "Diesmal gehen wir nach draußen", erzählt Wolff, "ans Nizza". Der wegen seines Palmenbestands so genannte Teil des nordmainischen Ufers liegt an der Untermainbrücke mitten in der Stadt. Das für die Aufführung vorgesehene Schiff wird rechtzeitig zur Premiere auch noch dorthin verlegt.

Ein Schmuggler von der schlauen Sorte

Das Ensemble zählt rund 70 Köpfe, denn auch Studenten der Fachhochschulen in Frankfurt und Darmstadt gehören dazu. Für sie ist das Knasttheater praktischer Teil ihrer Ausbildung. Dass jemand nur eine Rolle übernimmt, ist die Ausnahme, denn auf dem Schiff mussten auch Aufbauten für Garderobe, Werkstätten, Büro und Kantine erreichtet werden. "Von Peiman habe ich schreinern und schweißen gelernt", berichtet die 21-jährige Nadina, Studentin aus Frankfurt. Nadina ist "Peimans" Matchingpartner, qua Amt hilft sie dem Gießener bei Behördengängen und Schriftverkehr.

"Mit einem Aushang im Knast haben sie letztes Jahr Leute für das Theater gesucht", erzählt "Peiman". Noch während seiner Inhaftierung wegen Beschaffungskriminalität habe er dann in der Gefängnisturnhalle mitgeprobt. Seit September kommt er täglich mit dem Zug aus Gießen. "Mein Kopf ist voll mit all den Aufgaben, die ich hier habe, ich bin clean, mein Umfeld ist ausgewechselt", sagt der Exhäftling. Im Stück spielt er einen Schmuggler. "So einen von der schlauen Sorte, einen Klugscheißer", fügt "Peiman" grinsend hinzu. Momentan sucht er einen Ausbildungsplatz, um seine abgebrochene Tischlerlehre abzuschließen.

"Das ist kein Späßchen"

Textbuch und Musik der Oper von Georges Bizet haben die beiden Leiterinnen Wolff und Pfeifer umgeschrieben. "Aber auch unsere Carmen erzählt von Liebe und Leidenschaft, von Schmugglern und Soldaten aus aller Herren Länder", erklärt Wolff. "Die Frauenstimmen zusammen mit dem Gefangenenchor erzeugen Gänsehautstimmung." Auch Anstaltsleiter Röhrig ist bereits von den Proben begeistert. "Im Amtsdeutsch nennen wir das bloß eine vollzugsöffnende Maßnahme", sagt der Gefängnischef.

"Aber bei denen an Bord laufen gruppendynamische Prozesse ab!" Gleichwohl hat Röhrig mit dem Wachpersonal den Ablauf der abendlichen Aufführungen schon jetzt detailliert durchgesprochen. "Schließlich spielen Männer aus dem geschlossenen Vollzug mit." Das Projekt selbst unterstützt er nach Kräften. "Das Knasttheater ist kein Späßchen", sagt der Anstaltsleiter. "Da kann nicht jeder einfach sein Ding machen. Die müssen richtig was können." Von einem Verurteilten, sagt Röhrig, solle nach der Haftzeit weniger Gefahr für die Gesellschaft ausgehen als vorher. "Das ist der Anspruch. Mit Carmen kann das klappen." Drei Karten für die Aufführungen hat Röhrig schon gekauft.

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