Klinikmitarbeiter stiehlt Handy von mutmaßlichem NSU-Opfer

Kassel (dpa/lhe). Panne bei den Ermittlungen zur NSU-Terrorserie: Das Handy eines vermutlich von den Rechtsterroristen ermordeten Mannes aus Kassel ist 2006 nicht von der Polizei sichergestellt, sondern von einem Klinikmitarbeiter geklaut worden.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel bestätigte am Freitag die Panne und die Leichenfledderei, über die auch das Nachrichtenmagazin "Focus" berichtet hat. Der 21-jährige Halit Yozgat, türkischstämmiger Betreiber eine Internet-Cafès, soll von den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erschossen worden sein.

Erst später kam die Polizei bei der Suche nach dem Handy auf die Spur des Klinikmitarbeiters. Ihm wurden insgesamt vier Fälle von Unterschlagung zur Last gelegt, er soll auch anderen Toten Schmuck weggenommen haben. 2007 wurde der Mann vom Amtsgericht Kassel zu einer Geldstrafe von 65 Tagessätzen verurteilt. Das Klinikum Kassel hat sich nach Angaben einer Sprecherin von dem Mann getrennt, als der Vorfall bekanntwurde.

Die Landtags-Opposition kritisierte die Ermittlungspanne und die Informationspolitik der Regierung. Dass es zu dem Handydiebstahl kommen konnte, lasse "ernsthaft an der Qualität des damaligen polizeilichen Vorgehens zweifeln", sagte die SPD-Abgeordnete Nancy Faeser. An einem Tatort müssten alle Spuren und relevanten Gegenstände sichergestellt werden. Deshalb sei völlig unverständlich, dass ausgerechnet bei diesem Mord das Handy des Opfers von der Polizei zunächst unbeachtet geblieben sei.

Die Grünen warfen Ministerpräsident Volker Bouffier und Innenminister Boris Rhein (beide CDU) vor, die Öffentlichkeit unzureichend informiert zu haben. "Entweder weiß Boris Rhein tatsächlich nicht, was in Hessen passiert, oder aber er hält bewusst Informationen zurück", sagte der Grünen-Abgeordnete Jürgen Frömmrich.

Die Beauftragte der Bundesregierung für die NSU-Opfer, Barbara John, nannte den Vorgang gegenüber dem "Focus" "skandalös und unfassbar". Zudem frage sie sich, warum die Beamten das Handy des Ermordeten nicht sofort am Tatort beschlagnahmt hätten. "Das deutet auf eine weitere Ermittlungspanne hin", wurde sie zitiert.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft sah hingegen keinen Grund für einen Vorwurf. Bei Tötungsdelikten werde vermieden, das Opfer am Tatort auszukleiden, weil das Verhältnis von Kleidung und Körper in diesen Fällen eine Rolle spielen könne, sagte er. Die Entkleidung solle deshalb bei der Gerichtsmedizin erfolgen.

Yozgat war am 6. April 2006 in seinem Internetcafé erschossen worden. Danach sei nach dem Handy des Toten gesucht worden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Über die Gerätenummer kamen die Fahnder dem Sektionsassistenten auf die Spur. Er soll das Mobiltelefon aus der Kleidung des Toten genommen haben, als dieser im Kühlfach lag. "Da mein Handy kaputt war, habe ich gedacht, dass ich es nehmen kann", wird der Mann im "Focus" zitiert. Bei seiner Vernehmung habe er zugegeben, sich seit Jahren am Eigentum von Verstorbenen vergriffen zu haben.

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