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Klimawandel in einem rasanten Tempo

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Ein Atlas war mal das Fenster zur Welt - und das wichtigste Buch für den Erdkundeunterricht. Geografie war schon damals mehr als nur Stadt, Land, Fluss. Nun soll in Hessen das Schulfach Erdkunde abgeschafft werden. Dagegen regt sich Protest seitens der Lehrer und Hochschullehrer. In einer dreiteiligen Serie äußern sich Wissenschaftler dazu. Heute beantwortet Prof. Jörg Bendix von der Uni Marburg unsere Fragen zum Thema Geografie und Klimawandel.

Herr Professor Bendix, wenn man sich an den früheren Erdkundeunterricht in der Schule erinnert, denkt man nicht unbedingt an die Meteorologie. Wie hängen Geografie und der Klimawandel thematisch zusammen?

Das Fach Geografie hat sich gegenüber dem früheren Erdkundeunterricht, wie auch ich ihn noch aus der Schule in Erinnerung habe, deutlich gewandelt. Geografie ist heute eine moderne Umweltsystemwissenschaft, die sich auf natur- und sozialwissenschaftlicher Basis mit den großen Herausforderungen der Menschheit beschäftigt. Prominentes Beispiel ist die Globalisierung. Eine Folge davon ist die derzeitige Corona-Pandemie. Dann die Migration - aktuell können wir dies an der griechisch-türkischen Grenze beobachten. Hinzukommen der Landnutzungswandel, das damit verbundene Artensterben, das ungebremste Bevölkerungswachstum und eben auch der Klimawandel.

Welche Rolle spielt dabei die Geografie konkret?

Klimawandel hat viel mit Geografie zu tun, denn es ist ein fachübergreifendes Problem. Erst einmal geht es darum, den Klimawandel auf dem gesamten Globus naturwissenschaftlich zu erfassen, zu verstehen und auch zukünftige Entwicklungen zu modellieren. Aber sowohl Analyse und Zukunftsprojektionen sind ohne die Betrachtung der menschlichen Aktivität nicht möglich. Denn der Grund für den Klimawandel ist vor allem die Emission von Treibhausgasen wie Kohlendioxid aus Industrie, Hausbrand und Verkehr, die seit der Industrialisierung und insbesondere mit der Globalisierung kontinuierlich angestiegen sind. Eine Zukunftsprojektion ist nur möglich, wenn man Zukunftsszenarien der menschlichen Entwicklung und der Treibhausgasproduktion entwickelt. Wichtig ist aber auch die Klimafolgenforschung. Hier stellt sich die Frage der Rückkopplungen des Klimawandels auf das Erdsystem. Negative Folgen für die Landwirtschaft, die Städte, den Meeresspiegel und vieles andere gilt es zu untersuchen. Für die Beantwortung all dieser Fragen benötigen wir die fachübergreifende Sichtweise der Geografie, insbesondere in der Schule.

Was sind die Schwerpunkte Ihrer eigenen Arbeit?

Wir beschäftigen uns mit der Satellitenklimatologie und Umweltmodellierung. Wettersatellitensysteme liefern uns seit mehreren Jahrzehnten hervorragende flächendeckende Umweltdaten, mit denen wir das Wetter des gesamten Globus erfassen können. Uns interessiert hier vor allem der Niederschlag, aber auch die Nebelverbreitung auf der Erde. Durch die langen Datenreihen können wir mittlerweile auch Aussagen machen, wie sich das Klima gewandelt hat. So finden wir für Mitteleuropa beispielsweise eine Abnahme von großräumigen Nebelfeldern, die eigentlich abkühlend wirken, da sie die Sonnenstrahlung in den Weltraum reflektieren. Durch den Rückgang dieser Wolken und damit ihrer abkühlenden Wirkung wird der Klimawandel aber weiter angeheizt.

Kritiker der Klimadiskussion sagen: Klimawandel hat es in der Erdgeschichte schon immer gegeben. Das stimmt ja auch, aber ist es mit der Situation von heute vergleichbar?

Ein beliebtes Argument der Klimaleugner, aber tatsächlich irreführend. Es gibt viele Gründe in der Erdgeschichte für einen Klimawandel auf der Basis rein natürlicher Ursachen. Wir reden hier meist über lange vergangene Zeiten, in denen sich die Menschheit noch gar nicht entwickelt hatte. Was wir heute beobachten, ist ein vom Menschen gemachter Klimawandel, der sehr viel schneller vonstatten geht als andere Ereignisse in der Erdgeschichte.

Wiederkehrende Warmphasen, Erdachsenverschiebung, Sonnenaktivität sind ebenfalls Argumente der Klimawandelleugner: Ist der Mensch am Ende doch nicht schuld an der Erderwärmung?

Klima ist nie statisch. Im Klima, insbesondere auch bei den externen Einflussfaktoren, treten viele natürliche Schwankungen wie die von Ihnen angedeuteten solaren Zyklen auf. Durch die Verschiebungen der Erdachse oder auch der Umlaufbahn der Erde um die Sonne gibt es langfristig wiederkehrende Veränderungen der solaren Einstrahlung, der Hauptenergiequelle des Klimasystems. Wir reden aber hier von Zeitskalen zwischen 19 000 und 400 000 Jahren. Die Zyklen sind so regelmäßig und bekannt, dass man sie sehr gut vom anthropogenen Klimawandelsignal abtrennen kann. Für die derzeitige Diskussion des rapiden menschgemachten Klimawandels sind diese langfristigen Schwankungen nicht relevant.

Wie muss man sich die Rolle des Menschen als Verursacher für die klimatischen Veränderungen konkret vorstellen? Was liegt in seiner Verantwortung?

Die Hauptursache sind die Treibhausgasemissionen durch Verbrennungsprozesse, aber auch durch unangepasste Landnutzung (Brandrodung, Massentierhaltung). Sonnenstrahlung erwärmt die Erde, die wiederum Wärmestrahlung ans Weltall abgibt. Diese Bilanz muss ausgeglichen sein, damit die Erde ein relativ konstantes Temperaturniveau halten kann, in dem alle Organismen lebensfähig sind. Teile der langwelligen Wärmestrahlung werden aber von atmosphärischen Gasen (den Treibhausgasen) wie in einem Treibhaus zurückgehalten. Durch die Erhöhung der Treibhausgaskonzentrationen über das natürliche Niveau hinaus hat die Menschheit nun diese ausgeglichene Bilanz gestört: Mehr zurückgehaltene Wärmestrahlung in der untere Atmosphäre führt zur globalen Klimaerwärmung und ihren Folgen.

Können Sie Beispiele nennen, wie sich die klimatischen Veränderungen auf Deutschland und Europa auswirken?

In Deutschland und auch in Hessen erhöht sich natürlich die Temperatur. Die letzten Hitzesommer waren ein erstes Indiz dafür, dass wohl auch Extremereignisse zunehmen werden. Hitzesommer werden insbesondere in Städten zu gesundheitlichen Problemen führen und in der Forstwirtschaft trockenheitstolerantere Baumarten erfordern. Auch Stürme werden sich verändern, nach derzeitigem Kenntnisstand zwar nicht in ihrer Häufigkeit aber in ihrer Stärke. Für Südeuropa wird eine zunehmende und teils kritische Trockenheit erwartet.

Schmelzende Polkappen sind das eine, aber wie sieht es mit dem Verschwinden des Permafrosts in Regionen wie Sibirien oder Nordamerika aus? Welche Gefahr steckt da im Boden?

In den Permafrostgebieten der Erde ist viel Kohlenstoff im Boden gebunden. Taut der Permafrost auf, können Mikroorganismen aktiv werden, den Kohlenstoff abbauen und in Treibhausgase (Methan und Kohlendioxid) umwandeln. Da es sich um ausgedehnte Gebiete handelt (rund 10,5 Millionen km²), ist mit einer enormen Mengen frei werdender Treibhausgase (bis zu 1000 Gigatonnen C) zu rechnen, die die globale Erwärmung weiter anheizen werden. Auch das Freiwerden von im Permafrost gespeichertem Methanhydrat in Form des Treibhausgases Methan würde zur weiteren Erwärmung beitragen.

Wenn der Temperaturanstieg nicht eingedämmt wird: Verschwinden küstennahe Städte wie Hamburg, Bremen oder Kiel im Wasser? Müssen die Landkarten in Zukunft neu vermessen werden?

Derzeit hebt sich der Meeresspiegel noch im Zentimeterbereich. Das ist insbesondere Folge der thermischen Expansion, also die erwärmungsbedingte Ausdehnung des Meerwassers. Sollten aber beispielsweise die beiden großen Eisschilde der Antarktis und in Grönland vollkommen abschmelzen, würde sich der Meeresspiegel um fast 70 Meter erhöhen, nur noch die Spitze des Kölner Doms würde dann aus dem Wasser ragen. Nach den Prognosen ist dieses völlige Abschmelzen in den nächsten 100 Jahren nicht zu erwarten, auch wenn man in den letzten Jahren eine stark zunehmende Schmelzrate in der bisher als relativ stabil eingestuften Antarktis feststellen musste. Küstenstädte müssen sich aber sicher durch einen höheren Meeresspiegel auf teure Hochwasserschutzmaßnahmen einstellen.

Ist das Klimapaket der Bundesregierung hilfreich, um den Klimawandel aufzuhalten, oder muss - vor allem auch weltweit - mehr geschehen?

Als Technologienation und auf der Zeitachse auch Mithauptverursacher des Klimawandels - Industrialisierung und Ausstoß von Treibhausgasen begannen in Europa - haben wir eine besondere Verantwortung für den Klimaschutz. Das Klimapaket der Bundesregierung geht in die richtige Richtung, aber nicht weit genug. Gute Ideen von erneuerbaren Energien bis hin zur Entwicklung klimaneutraler synthetischer Treibstoffe liegen auf dem Tisch. Politik, Industrie und Gesellschaft müssen hier voranschreiten, derartige Ideen und Technologien schnell und mutig zur Marktreife zu führen. Die Innovationen würden, neben dem Nutzen für den Klimaschutz, auch die deutsche Wettbewerbsfähigkeit deutlich stärken. Wichtige Player wie die USA und China, die heute für einen Großteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich zeichnen, stellen sich leider ihrer globalen Verantwortung für den Klimaschutz derzeit nicht.

Laufen wir Gefahr, dass uns die Entwicklung einfach überrollt? Ist es möglicherweise schon zu spät?

Es ist tatsächlich noch nicht zu spät, aber sehr kurz vor 12. Zwar ist die Erwärmung der Erde wegen langfristiger Energieaustauschprozesse wie zum Beispiel mit den tiefen Ozeanen nicht in kurzer Zeit rückgängig zu machen, aber noch ist sie mit einer Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis 2050 so weit einzugrenzen, dass das Klimasystem in einem stabilen, wenn auch wärmeren Zustand bleiben würde. Politik und Zivilgesellschaft müssen dabei ihre Verantwortung wahrnehmen.

Wie wichtig ist das Fach Geografie in der Schule mit Blick auf das aktuelle und sicher auch zukünftig wichtige Thema Klimawandel?

Das Fach Geografie vertritt als einzige Schuldisziplin - und das Wort einzige ist hier zu betonen! - die naturwissenschaftlichen Komponenten der Erdsystemforschung. Die sozioökonomische Komponente des Klimawandels, nämlich menschliche Aktivitäten im Raum und die Bewältigung der Folgen des Klimawandels, können nur von der Geografie im notwendigen integrativen Kontext in die Schule eingebracht werden. Im Hinblick auf die große Bedeutung der Geografie für die Lösung der anfangs thematisierten großen Fragen des Erdsystems ist es völlig unverständlich, ja geradezu fahrlässig, dass Geografie in der Schule von der Bildungspolitik immer weiter marginalisiert wird, wie es derzeit auch als Folge des hessischen Koalitionsvertrags angedacht ist. FOTO: DPA

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