Kinder und Jugendliche wollen Verantwortung übernehmen und gehört werden, sagt die Kinderrechtsbeauftragte Miriam Zeleke. FOTO: RENATE HOYER
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Kinder und Jugendliche wollen Verantwortung übernehmen und gehört werden, sagt die Kinderrechtsbeauftragte Miriam Zeleke. FOTO: RENATE HOYER

"Kinder brauchen Kinder"

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Miriam Zeleke ist seit Kurzem Beauftragte für Kinder- und Jugendrechte der Landesregierung - als Einzige in Deutschland, die diese Aufgabe hauptamtlich ausübt. Die 37-Jährige hat eine klare Meinung zu Ungerechtigkeiten durch Corona und mangelnde Beteiligung der jungen Generation an gesellschaftlichen Prozessen.

Die 37-jährige Diplom-Pädagogin hat lange im Bereich der frühen Bildung gearbeitet und das Institut für Kinderrechte mitbegründet. Miriam Zeleke lebt mit ihrer Familie in Mainz und hat zwei schulpflichtige Kinder.

Frau Zeleke, tut man Kindern und Jugendlichen unrecht, wenn man ihnen vorwirft, sie seien nicht solidarisch oder diszipliniert genug, wie das Politiker mit Blick auf Corona gerne tun?

Gerade gestern habe ich in der TUI-Studie gelesen, dass es Kindern und Jugendlichen sehr wichtig ist, verantwortlich zu handeln. Aber sie haben auch Bedürfnisse, die damit schwer in Einklang zu bringen sind. Sie vermissen einander, brauchen die reale Begegnung mit Gleichaltrigen, denn die digitalen Ressourcen sind zwar toll, aber begrenzt. Auch Kinder und Jugendliche haben das Recht, dass ihre Bedürfnisse gesehen werden.

83 Prozent waren es laut Studie, die die Hygieneregeln befolgen, nicht so sehr ihrer selbst wegen, sondern um die Älteren zu schützen. Die gesellschaftliche Atmosphäre aber legt nahe, es sei nötig, die Jungen stärker an die Kandare zu nehmen.

Was wiegt schwerer: das Recht auf Gesundheit oder das Recht darauf, dass Kinder sich begegnen können? Das kann manchmal im Widerspruch stehen. Kinder brauchen vor allem Kinder, und Jugendliche brauchen vor allem die Peergroup - das sind Entwicklungsnotwendigkeiten. Corona hat jedenfalls deutlich gemacht, was in der Vergangenheit stärker hätte beachtet werden müssen, nämlich dass es keine stabilen Beteiligungsstrukturen für Kinder und Jugendliche gibt.

Was meinen Sie damit?

Wie können wir Kinder und Jugendliche fragen: Was braucht ihr denn? Uns fehlen an vielen Stellen die Strukturen dafür. Es wurde gerade in den letzten Monaten viel über Kinder gesprochen und wenig mit ihnen. Kinder und Jugendliche können sehr gut unterscheiden zwischen: Was brauche ich, und welche Verantwortung übernehme ich für die Gemeinschaft?

Fehlen da die Stimmen der Jungen, wenn Meinungen gebildet werden, weil überall die Älteren das Sagen haben?

Studien, die Kinder und Jugendliche befragen, wie es ihnen geht und was sie wollen, zeigen, dass ein Großteil der Jüngeren sagt, sie würden nicht gehört und wüssten auch nicht, an wen sie sich wenden sollten, wenn sie in ihrem Umfeld etwas verändern möchten. So war es im jüngst von der Hessenstiftung veröffentlichten Kinderbarometer zu lesen.

Dafür sind ja nun unter anderem auch Sie in Ihrer neuen Aufgabe da. Wie wollen Sie denn Ihr Amt nutzen, um Kinder und Jugendliche mehr zu beteiligen?

Wir starten bald eine Kampagne, um die Rechte von Kindern bekannter zu machen. Viele Menschen wissen einfach noch nicht, dass Kinder auch Rechte haben. Und natürlich geht es darum, Kindern und Jugendlichen mehr Mitsprachemöglichkeiten zu schaffen. Kinder und Jugendliche müssen hör- und sichtbarer werden, und ihre Rechte müssen bei Entscheidungen mitgedacht werden, etwa wenn es um die Pläne für einen neuen Stadtteil geht.

Wie kann das funktionieren?

Es gibt ja durchaus Beteiligungsstrukturen, das fängt beim Morgenkreis in der Kita an und reicht bis zum Jugendparlament oder den landesweiten Jugendorganisationen. Aber in den Kommunen gibt es das nicht flächendeckend. Alles das reicht aber nicht, wenn man den Jugendlichen nicht mit der angemessenen Haltung begegnet.

Was heißt das?

Ich kann noch so viele Beteiligungsformate erfinden, die alle nichts nützen, wenn man nicht wirklich daran interessiert ist, was den Jungen wichtig ist. Kinder erleben oft, dass sie nicht ernst genommen werden, dass man über sie hinweg entscheidet. Die Verantwortlichen müssen ihre eigene Macht hinterfragen und überlegen, was sie wirklich für Kinder erreichen wollen, und nicht, was sie nur aus eigenen Interessen heraus tun. Wir sollten immer daran denken: Stärken wir unsere Kinder, stärken wir unsere Gesellschaft.

Wie lässt sich das erreichen?

Das fängt ganz früh an. Etwa dass ein Krippenkind von der Erzieherin gefragt wird, von wem es gewickelt werden will, statt es einfach zu packen und auf die Wickelkommode zu legen. Die Generationen wissen wenig übereinander. Sie müssen sich immer gegenseitig fragen, um sich verstehen zu können. Jede Kindheit ist anders, anders als die eigene, die man erlebt hat. Mir geht es in meiner Aufgabe darum, die hessische Kinderrechte-Charta umzusetzen, die unter anderem dabei helfen soll, Kinderrechte ins allgemeine Bewusstsein zu rücken und die Kinder zu bestärken, ihre Rechte mehr einzufordern.

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