Mit dem Kältebus zu den Menschen unterwegs: Sozialarbeiterin Elfie Ilgmann-Weiß legt einem Obdachlosen, der in einer Bushaltestelle schläft, eine Decke über. Der Kältebus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten ist in der kalten Jahreszeit zwischen 21:30 Uhr und 5 Uhr im Stadtgebiet für Obdachlose im Einsatz. FOTO: DPA
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Mit dem Kältebus zu den Menschen unterwegs: Sozialarbeiterin Elfie Ilgmann-Weiß legt einem Obdachlosen, der in einer Bushaltestelle schläft, eine Decke über. Der Kältebus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten ist in der kalten Jahreszeit zwischen 21:30 Uhr und 5 Uhr im Stadtgebiet für Obdachlose im Einsatz. FOTO: DPA

Keiner soll erfrieren

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Wer kein Dach über dem Kopf hat, macht im Winter besonders harte Zeiten durch - nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Mit Tee, Schlafsäcken und anderen Nothilfeangeboten ist der Kältebus in Frankfurt derzeit Nacht für Nacht unterwegs.

Halb sitzt der Mann, halb liegt er auf der Bank einer Bushaltestelle im Frankfurter Stadtteil Rödelheim, zusammengesunken und reglos trotz des Verkehrslärms und der Straßenbeleuchtung um ihn herum. Wenige Meter von dem Obdachlosen entfernt hat Johannes Heuser den Kältebus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten geparkt, während seine Kollegin Elfi Ilgmann-Weiß den Mann vorsichtig anspricht. Sie erhält aber keine Antwort. Nach einem Blick auf die Bekleidung des Ruhenden holt sie eine blaue Decke aus dem Wagen, breitet sie über dem Obdachlosen aus. Was sie hier tut, ist für eine Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohl nicht ersichtlich, denn aus einem offenen Fenster schallt eine Stimme durch die Dunkelheit: "Lassen Sie den Mann in Ruhe!"

"Alles gut - Wir sind vom Kältebus, wir wollen nur helfen!", ruft Ilgmann-Weiß zurück. Sie empfindet die Reaktion von der anderen Straßenseite vor allem positiv. "Es ist gut, dass es Leute gibt, die genau hinsehen, wenn Obdachlose in ihrer Gegend sind." Auch die Arbeit des Kältebusses profitiert davon. "Seit dem 13. Oktober haben wir schon 122 Meldungen von Bürgern bekommen", sagt Heuser. Die Anrufer können unter einer zentralen Nummer anrufen, damit die Sozialarbeiter der beiden Kältebusse, die von Mitte Oktober an Nacht für Nacht Schlafplatze von Obdachlosen aufsuchen, auch "Neue" in ihrer Runden aufnehmen können.

Denn wenn Heuser und Ilgmann-Weiß oder andere ihrer Kollegen aufbrechen, haben sie nicht nur Tee und ein paar Naschereien, sondern auch Schlafsäcke, Isomatten und Decken mit dabei. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot für die 70 bis 80 Menschen, die auch im Winter in Frankfurt im Freien übernachten. Wenn die Sozialarbeiter wegen der Corona-Pandemie mit Mund-Nase-Schutz unterwegs sind, halten sie die Gefahr, dass die von ihnen betreuten Menschen gefährdet sind, für eher gering. "Unsere Leute sind eher Einzelgänger", sagt Heuser. Viele vor allem der deutschen Obdachlosen, die im Freien schliefen, hätten psychische Probleme. Die hat auch auch der Mann an der Bushaltestelle. "Den kennen wir schon seit vielen Jahren", sagt Ilgmann-Weiß. "Wenn er wach ist, erzählt er viel und gerne - aber das meiste davon ist ziemlich wirr."

Wenn sie Obdachlose schlafend antreffen, sollen sie nicht gestört werden. Wer auf Ansprache reagiert, erhält das Angebot eines heißen Tees, eines Schlafsacks oder einer Decke. Für Hilfsangebote, die über die reine Notversorgung hinausgehen, sind andere Sozialarbeiter zuständig, die die Obdachlosen tagsüber aufsuchen können. In den kalten Nächten in Herbst und Winter hat vor allem eines Vorrang: Keiner soll erfrieren.

Vorsichtig leuchtet Heuser mit der Taschenlampe in das Gebüsch eines Kirchengrundstücks in Höchst. An der Stelle hat sich eine Frau ein geschütztes Lager aufgebaut und wohl versucht, alles etwas wohnlich zu gestalten: Solarlaternen schimmern schwach in den Ästen, auf einem Tischchen sind zwei Engelsfiguren und eine Kerze aufgebaut, darüber hängt ein wohl gespendeter Adventskalender. Nur von der Bewohnerin ist nichts zu sehen. "Wir schauen in den nächsten Tagen noch mal vorbei, um zu sehen, ob es ihr gut geht", sagt Ilgmann-Weiß.

Eher untypisch ist der 18-jährige Dominik, den die beiden Sozialarbeiter in einem überdachten Treppenabgang antreffen. Der junge Mann reagiert verlegen: "Ich habe hier gar nicht aufgeräumt." Den angebotenen Tee und Schlafsack nimmt er gerne an. Eigentlich sei er gar kein richtiger Obdachloser, erzählt er. "Ich schlafe bei meiner Mutter." Aber er sei hier, um sich um seinen Vater zu kümmern, der hier seinen Schlafplatz habe.

Für Menschen ohne Dach über dem Kopf sei das Jahr der Pandemie besonders schwer, sagt der junge Kroate. "Im ersten Lockdown gab es für die Flaschensammler nichts zu verdienen, und jetzt ist es wieder schlimmer geworden." Heuser und Ilgmann-Weiß versprechen, bald wieder vorbeizukommen. Dann geht es zurück Richtung Frankfurter Innenstadt. An einer S-Bahn-Station lebt ein obdachloser Mann im Vorbau, doch an diesem Abend ist sein Lagerplatz verwaist. Die Decke ist ordentlich zusammengelegt. Wie bittere Ironie wirkt die Werbewand hinter dem Schlafplatz, wo ein Hotel auf sich aufmerksam macht: "Wer woanders schläft, ist selber schuld."

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