Wer den Ostermorgen begrüßen und die Auferstehung feiern möchte, kann das in diesem Jahr nur alleine tun, oder im Kreise der Familie. FOTOS: DPA/PRIVAT
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Wer den Ostermorgen begrüßen und die Auferstehung feiern möchte, kann das in diesem Jahr nur alleine tun, oder im Kreise der Familie. FOTOS: DPA/PRIVAT

(K)ein Halleluja am Ostermorgen

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Ostern ist (auch) ein kirchliches Fest. Aber in diesem Jahr hat Corona auch hier alles verändert. Gottesdienste, wie wir sie kennen, finden nicht statt. Die Kirchen versuchen, aus der Situation das Beste zu machen. Doch klar ist allen Beteiligten - von Kirchenleitung, über die Pfarrer bis zu den Menschen in den Gemeinden -, dass nichts einen Ostermorgen in einer vollbesetzten Kirche ersetzen kann. Aber manches geht dann doch. Was genau, darüber haben wir mit Pfarrer Matthias Schwarz aus Nidda gesprochen.

Angst vor Veränderungen hatte er nie, Herausforderungen hat er nicht unbedingt gesucht, aber wenn sie kamen, dann hat er sie auch angenommen. Er ist ein Wanderer, so richtig sesshaft war er nie. Pfarrer Schwarz war längere Zeit in Finnland, war Teil des Leitungsteams im Haus der Stille in Elgershausen. In Berlin leitete er einen solchen Ort für Einkehr und Besinnung. Viele Menschen in der Region kennen ihn auch von dem Angebot Exerzitien im Alltag. In Mücke-Sellnrod hat er solche Kurse mit Pfarrer Gerhard Kurmis und dessen Ehefrau Birgit angeboten. Fast am Ende seiner Dienstzeit ist er wieder Gemeindepfarrer. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er in der nördlichen Wetterau, ist Seelsorger in den Niddaer Stadtteilen Eichelsdorf und Ober-Schmitten. Hier erlebt er nun die vielleicht größte Herausforderung seines Berufslebens: Was geht noch in Kirchengemeinden, wenn Corona das öffentliche Leben lahmlegt, Gottesdienste nicht stattfinden dürfen, wenn Konfirmationen verschoben werden müssen und es nicht mal mehr problemlos möglich ist, Sterbende seelsorgerlich zu begleiten? Und dann auch noch Ostern …

Herr Pfarrer Schwarz, Sie sind seit mehr als 30 Jahren Pfarrer, haben viel gesehen. Die aktuelle Situation ist aber auch für Sie neu. Mit welchen Gefühlen und Gedanken gehen Sie auf Karfreitag und Ostern zu?

Ich spürte schon vor dem Karfreitag, dass ich viel vermissen werde. Dieser Gang durch die Karwoche mit vielen Gottesdiensten ab Gründonnerstag, das ist ein besonderer Weg für mich, den ich in all den Jahren ganz eng mit den Menschen aus den Gemeinden gegangen bin. Das wird dieses Jahr nicht so sein, dieses direkte Erleben und das Miteinander. Das ist schon so was, wo ich sehr stark merke, das fehlt mir. Von daher bin ich mehr als nur ein bisschen betrübt.

Was wird denn Ostern überhaupt noch möglich sein? Was können Sie und was kann jeder für sich tun, damit Ostern nicht ganz ausfällt?

Darüber habe ich seit Wochen nachgedacht: Was kann ich tun, damit das nicht so ganz verloren geht vor lauter Corona, Corona, Corona? Es gibt da ja ganz unterschiedliche Wege, wie Gemeinden damit umgehen. Manche machen Gottesdienste auf YouTube oder streamen oder sonst irgendetwas im digitalen Bereich. Das ist aber nicht so mein Weg. Wir hatten schon Karfreitag und werden auch Ostern hier einen Gottesdienst zum Mitnehmen, also Texte, Gebete und Lieder auf Papier, auslegen. Wir haben das schon am Palmsonntag so gemacht - und das wurde gut angenommen, es gab viel Zustimmung. Es ist eine Anleitung, wie man für sich alleine oder als Familie einen Gottesdienst feiern kann. In einer ganz schlichten Form. Da habe ich in den letzten Tagen so meine Kreativität hineingegeben, habe dabei besonders darauf geschaut, dass alles auch optisch ansprechend ist. Auch die Stellen, an denen die Gemeindeglieder die Blätter abholen können, sind schön gestaltet. Damit das auch eine gewisse Wertigkeit hat.

Wie ist die Situation in Ihren Gemeinden? Suchen die Menschen das Gespräch mit Ihnen? Besuche dürfen Sie ja keine machen, wie kann denn ein Austausch überhaupt stattfinden?

Die Menschen suchen nicht aktiv das Gespräch mit mir. Sie klingeln nicht an der Tür und rufen mich auch nicht an. Oder nur sehr selten. Aber ich bin ja oft im Dorf unterwegs. Dann treffe ich auf Menschen, die im Garten oder im Hof sind, und dann reden wir auch miteinander. Ich spüre, es ist ein Bedürfnis da, über das eigene Erleben zu sprechen: Was macht mir Angst, was fällt mir schwer? Ich rufe ja auch oft ältere Bürger an, dann ist es ähnlich. Es wird immer sehr schnell sehr persönlich. Die Älteren sind sehr offen, erzählen zum Beispiel, wie das nach dem Zweiten Weltkrieg war mit den Entbehrungen, der Not und dem Elend. Das hat aber auch dazu geführt, dass sie gut darauf eingestellt sind, mit so etwas umzugehen. Da kommen dann aber auch Dinge wie diese zur Sprache: "Ich habe mein Leben gelebt, jetzt mag kommen, was kommen will." Wichtig ist allen, dass die Jüngeren die Krise gut überstehen.

Ein Pfarrer, der sich seiner Gemeinde nicht nähern darf, wie fühlt sich das an?

Für mich ist das eine sehr schwierige Situation. Ich habe meine Arbeit immer so gemacht, dass ich stets im direkten Kontakt mit den Menschen war. Das ist jetzt so gut wie nicht mehr machbar. Da muss ich mich also ein Stück weit neu erfinden. Ich muss lernen, wie ich auf andere Art und Weise auf die Menschen zugehen kann. Ich merke aber auch, dass für viele Menschen, die nicht zum inneren Kreis des Gemeindelebens gehören, im Moment der Glauben und der Gedanke an Gott keine große Rolle spielen. Im Zentrum stehen andere Fragen: Wie komme ich gut durch diese Zeit hindurch? Wie gehe ich im Spannungsfeld zwischen Homeoffice und Homeschooling mit meinen Kindern um? Wie komme ich an Klopapier oder was auch immer gerade fehlt? Da sind so praktische Dinge den Menschen einfach viel näher als der Glaube.

Wie erreichen Sie denn die Gemeinde als Ganzes?

Wir haben zum Beispiel zwei Sonderausgaben des Gemeindebriefs unter die Leute gebracht. Im ersten Brief haben einige Menschen aus den beiden Dörfern sehr anschaulich erzählt, wie es ihnen in diesen Zeiten geht. Im zweiten, der in dieser Woche verteilt wurde, haben die Vereine über ihre aktuelle Arbeit in Corona-Zeiten berichtet. Da finden beispielsweise Vorstandssitzungen per Videokonferenz statt. Es wurde auch berichtet, dass junge Fußballer bei der Einkaufshilfe mitmachen. Das spürt man viel Solidarität. Da funktioniert das Dorf noch richtig gut.

Ostern zieht es ja dann doch noch deutlich mehr Menschen in die Kirchen als an anderen Sonntagen. Gerade die Gottesdienste am frühen Ostermorgen sind beliebt. Gibt es da eine Alternative für Menschen, die das Licht des Ostermorgens sehen, die die bekannten Lieder singen wollen. Vielleicht ein Osterfeuer entzünden wollen?

Man kann natürlich im Internet am Ostermorgen Gottesdienste erleben. Ohne Gemeinde natürlich. Wer für sich oder seine Familie so einen Gottesdienst selbst gestalten will, sollte sich dabei nicht überfordern. Man sollte sich da ich nicht an dem orientieren, was man in der Kirche erlebt. Das besondere Erlebnis am Ostermorgen in der Kirche, wenn die Kerzen brennen und alle die bekannten Lieder singen, ist ja nur deshalb so besonders, weil die Kirche so voll ist. Das Gefühl kann man zu Hause nicht erzeugen.

Was empfehlen Sie denn ganz konkret?

Ich sage: Macht es nur ganz schlicht. Wenn ihr wirklich den Sonnenaufgang am Ostermorgen im eigenen Garten erleben wollt, dann singt ein einfaches Morgenlied. Was sich anbietet, weil es eine bekannte Melodie hat ("Morning has broken"), ist "Morgenlicht leuchtet". Es passt zum Ostermorgen. Dann vielleicht die Schöpfungsgeschichte, 1. Mose 1, lesen und eine der Auferstehungsgeschichten. Auch für ein Gebet findet man Vorschläge auf der Homepage unserer Kirche.

Was passiert denn am Ostermorgen in ihrer Gemeinde?

Ich werde um 8 Uhr, um 10 Uhr und um 12 Uhr in meiner Wohnung im Gemeindehaus bei offenem Fenster das Lied "Wir wollen alle fröhlich sein" anstimmen. Es ist das klassische Osterlied. Und die Menschen im Dorf sind herzlich eingeladen, ebenfalls ihre Fenster zu öffnen und mitzusingen.

Was bedeutet es für Sie, wenn Sie gerade am Ostermorgen nicht bei ihrer Gemeinde sein können?

Das ist ein großer Verlust, das fehlt mir wirklich sehr. Aber es ist ja auch schön zu spüren, dass ich es vermisse, dass es mir also was bedeutet.

Die Konfirmationen wurden ja auch abgesagt. Wie haben ihre Konfirmanden das aufgenommen?

Sie waren sehr betrübt, aber angesichts der Situation war es dann für alle relativ schnell klar und einsehbar. Auch die Konfirmandenfreizeit ist ausgefallen. Es war also hart für die Kinder. Dies letzten Wochen vor der Konfirmation sind immer sehr intensiv. Das fehlt jetzt. Wir sehen uns nicht mal. Wir halten Kontakt über WhatsApp. Ich versuche auch auf diesem Weg den Konfirmanden ein paar Aufgaben zu geben. Da ist im Moment ganz viel offen. Es ja nicht mal klar, wie viel Zeit wir noch haben bis zur Konfirmation.

Gibt es schon einen neuen Termin?

Ja, Ende August. Die Kirchenleitung hat vorgeben, dass neue Termine erst für die Zeit nach den Sommerferien angesetzt werden sollen.

Sie sind ein sehr spiritueller Mensch, arbeiten auch als Exerzitienbegleiter. Können geistliche Übungen zur inneren Einkehr den Menschen in diesen Tagen helfen?

Wenn man darin geübt ist, ja. Mir hilft es sehr. Es sagen auch viele Menschen zu mir, dass ich sehr ruhig und gelassen wirke. Obwohl es auch in meinem privaten Umfeld Sorgen und Ängste gab und gibt. Wenn man ungeübt in die Stille geht, da weiß ich nicht, ob das den Menschen hilft.

Sie haben gesagt, dass die Menschen im Moment keinen Sinn für Glauben und Gott haben. Mit was beschäftigen sie sich denn?

Für die Menschen dreht sich in diesen Tagen alles um die praktischen Dinge des Lebens, dass alles geregelt sein soll. Bei den älteren Menschen ist da schon mehr Reflektion, da fragte mich zum Beispiel ein Mann. "Herr Schwarz, was haben wir nur falsch gemacht, dass wir so hart bestraft werden?" Also es geht um die Frage: Gibt es da eine Schuld bei mir persönlich? Oder auch darum: Wer ist denn der Schuldige? Ich spüre auch, dass Menschen nach einem Sinn in diesem ganzen Geschehen suchen. Die Menschen suchen nach Erklärungen, sie sind irgendwie hilflos der Situation ausgesetzt. Sie fragen sich: Was steckt dahinter? Was soll uns das sagen? Was soll mir das sagen?

Was hilft Ihnen ganz persönlich in dieser schweren Zeit?

Ich weiß, ich bin geborgen in Gottes Hand.

Viele Menschen sterben einsam in diesen Tagen. Was würden Sie tun, wenn Menschen Sie um Beistand für einen sterbenden Angehörigen bitten?

Die Krankenhäuser lassen gar nichts zu. Nicht mal Angehörige haben Zugang. Auch in den Altenheimen sind die Menschen jetzt auf sich selbst gestellt, es gibt keinen Besuch. Wenn es hier in den Gemeinden wäre, würde ich versuchen, Schutzkleidung zu bekommen. Die Frage lenkt noch mal den Blick darauf, wie wir im Moment mit alten und sterbenden Menschen umgehen. Nicht gut.

Was werden Sie in Ihrem ersten Gottesdienst nach Corona oder nach einer Lockerung der aktuellen Regeln zu ihrer Gemeinde sagen? Ein ganz besonders Bibelwort?

Es wird ein froher Gottesdienst werden. Wir würden an die Verstorbenen erinnern, denn zu den Beerdigungen können im Moment ja nur die engsten Angehörigen gehen. Ich würde auch über Versöhnung sprechen. Es treten doch sehr viele Spannungen auf, es gibt Verletzungen, auch innerhalb von Familien, aber auch im Berufsleben. Man denke da nur an das üble Verhalten mancher Menschen beim Einkaufen. Wenn die Pandemie aber sehr viele Opfer fordert, dann wird es vielleicht nicht ganz so froh zugehen.

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