Der damalige Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry steht vor dem hessischen Ministerium für Wirtschaft und Technik. Anlässlich seines 100. Geburtstags am heutigen Freitag wird des erschossenen FDP-Politikers gedacht. FOTO: DPA
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Der damalige Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry steht vor dem hessischen Ministerium für Wirtschaft und Technik. Anlässlich seines 100. Geburtstags am heutigen Freitag wird des erschossenen FDP-Politikers gedacht. FOTO: DPA

Karry-Mord ist unvergessen

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Zeitzeugen beschreiben den FDP-Politiker Heinz Herbert Karry als volksnahe Integrationsfigur. Sein gewaltsamer Tod 1981 war ein Schock, die Täterschaft ist bis heute ungeklärt. Durch den Mord an Walter Lübcke hat der Fall neue Aufmerksamkeit bekommen.

Die Kugeln kamen durchs geöffnete Fenster und trafen den damaligen hessischen Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry im Schlaf. Der Mord an dem FDP-Politiker im Jahr 1981 schockte Hessen und ist auch fast 40 Jahre später nicht vergessen. Für einige Politiker hat der Fall nach dem tödlichen Schuss auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und dem rassistischen Anschlag in Hanau neue Aktualität bekommen. Karry fiel möglicherweise einem Anschlag von Extremisten zum Opfer.

Zum 100. Geburtstag des waschechten Frankfurters am 6. März würdigt die hessische FDP ihn als "ehrenhaften Mann und Integrationsfigur". Sein Tod "mahnt uns bis heute, wie wichtig es ist, politischen Extremismus zu bekämpfen", sagt der Chef der FDP-Landtagsfraktion in Wiesbaden, René Rock, auch mit Blick auf die jüngsten Gewalttaten im Bundesland. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erklärt: "Unsere Freiheit und die Demokratie sind keine Selbstverständlichkeit, wir müssen uns jeden Tag aufs Neue für sie einsetzen."

Der damals 61 Jahre alte Karry wurde am Morgen des 11. Mai 1981 in seinem Haus in Frankfurt-Seckbach erschossen. Nach der Tat bekannten sich die linksradikalen "Revolutionären Zellen" zu dem Attentat. Täter konnten aber nicht ermittelt werden.

"Es ist einer der Fälle, die bislang leider nicht aufgeklärt werden konnten", sagt der Kasseler Politologe Wolfgang Schroeder. "Karry wurde damals von bestimmten Gruppen als Repräsentant eines Systems identifiziert, das diese als menschenverachtend und als Angriff auf die natürlichen Lebensgrundlagen definierten. Im Hintergrund standen die Auseinandersetzungen um Biblis und die Startbahn-West", erklärt er.

"Er war ein sehr selbstbewusster, aber auch ein sehr volksnaher Mensch, dem Managen und Politik viel Spaß gemacht hat", erinnert sich der hessische FDP-Politiker und frühere Justizminister Jörg-Uwe Hahn an Karry. Er hatte ihn noch persönlich kennengelernt und öfter getroffen. Zum letzten Mal sei dies am Samstag vor dem Mord gewesen, nach einer FDP-Bezirkskonferenz. "Er hat sich mit uns jungen Leuten hingesetzt und mit uns gesprochen", erzählt Hahn, der zu dem Zeitpunkt 25 Jahre alt war.

"Karry war jemand in der FDP in Deutschland, nicht nur in Hessen, zu dem die jungen Leute aufgeschaut haben", sagt Hahn. "Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren." Vor dem Mord habe er öfter mit Karry über dessen persönliche Sicherheit gesprochen. "Es war ein Thema, dass er auf Personenschutz verzichtet hat. Aber er wollte das so. So war er halt."

Gut ein Jahrzehnt lang - von Dezember 1970 bis 1981 - prägte Karry als Minister und Vize-regierungschef im Bündnis mit der SPD die hessische Landespolitik. Als Wirtschaftsminister setzte er sich unter anderem für den Bau der Startbahn-West am Frankfurter Flughafen und einen dritten Reaktor für das Atomkraftwerk Biblis ein.

Weggefährten erinnern sich an einen meinungsstarken und toleranten Politiker, der gerne seine Frankfurter Mundart pflegte. "Er hat alle respektiert. Da gab es für ihn keine Unterschiede, er hat immer die Menschen gesehen", erzählt Edith Strumpf (81), damals Landtagsabgeordnete und FDP-Kreisvorsitzende in Frankfurt. Seine Ermordung sei ein unglaublicher Schock gewesen. Der Tod Lübckes im vergangenen Juni habe sie sofort an Karrys erinnert: "Ich habe gedacht: Es ist jetzt wieder das Gleiche nur mit anderen Vorzeichen."

Die Hintergründe von Anschlägen ähneln sich aus Expertensicht: "Man geht gemeinhin davon aus, dass politische Attentate Ausdruck einer polarisierten Gesellschaft sind, in der bestimmte Fragen nicht geklärt sind und mithin kein wirklich stabiler Basiskonsens existiert", erklärt Politologe Schroeder. Indem Täter Politiker als Repräsentanten eines von ihnen abgelehnten Systems identifizierten, "bauen sie die Hemmschwelle zum Mord ab und sehen sich selbst mit ihrer Tat als Befreier."

Nach Einschätzung Schroe-ders lassen sich die Fälle Karry und Lübcke nach dem heutigen Stand der Erkenntnisse vermutlich nicht wirklich vergleichen: "Bei dem einen Mord haben wir keinen Täter und somit können wir auch über die Motivlage nur spekulieren. Nach der Aktenlage muss man zum jetzigen Zeitpunkt sagen: Der Fall Lübcke ist vermutlich der erste und nicht der zweite politische Mord in Hessen."

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