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Jeder zehnte Handwerksbetrieb in Hessen ist ein Friseur. Bei Sandra Hilpert, Friseurmeisterin in Kassel, haben sich im Stadtteil Vorderer Westen auf einer Straße rund 20 Friseursalons angesiedelt.

Kampf um die Köpfe

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Das Friseurhandwerk gehört zu den verbreitetsten Handwerken in Hessen. Durch den Boom haben sich in den Innenstädten regelrechte Friseurmeilen gebildet. Das große Angebot hat Vorteile, aber auch Schattenseiten.

Wenn Friseurmeisterin Sandra Hilpert einen Blick auf die Konkurrenz werfen will, braucht sie nur zur Tür ihres Geschäfts "Schicke Schnitte" hinauszugehen: Das nächste Angebot zum Haareschneiden ist an der Friedrich-Ebert-Straße in Kassel stets wenige Meter entfernt. Knapp 20 Friseure gebe es an der Straße, schätzt Hilpert. Die Konkurrenzsituation erstaune Kunden: "Jeder fragt sich: Wie machen die das?", sagt Hilpert. Ihre Antwort: "Wir haben alle genug Kundschaft, der Markt ist riesengroß."

Die Friedrich-Ebert-Straße ist ein Beispiel der Entwicklung in großen Städten: In einigen Quartieren bestimmen Friseurgeschäfte das Straßenbild. Von "Friseurmeilen" will man beim Arbeitgeberverband Friseurhandwerk zwar nicht sprechen - auch mangels klarer Definition. "Für den einen mag eine Friseurmeile bei drei Betrieben beginnen, für den anderen bei zehn", erklärt Geschäftsführer René Hain. Doch dass sich die Friseure in einigen Kiezen, Straßenzügen und Vierteln ballen, hat auch der Verband festgestellt.

Die Kasseler Friseurmeisterin Hilpert ist seit fünf Jahren an der Friedrich-Ebert-Straße. Viele der Friseure dort kennt sie persönlich. Man habe früher zusammengearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. "Jeder hat eine eigene Philosophie", sagt die 49-Jährige. In Zeiten von sozialen Netzwerken zähle das Gesamtpaket, um sich am Markt zu positionieren. Hilpert setzt auf Wohnzimmeratmosphäre. Das an der Friedrich-Ebert-Straße jeder seine Nische findet, liegt auch an der Lage: Sie führt durch den hippen Stadtteil Vorderer Westen. Die Kundschaft gilt als kaufkräftig, Billigfriseure gibt es nicht.

Stärkster Handwerkszweig

Statistisch gesehen ist jeder zehnte Handwerksbetrieb in Hessen ein Friseur. 6452 Friseurbetriebe gab es laut der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern zuletzt. Sie sind damit der stärkste Handwerkszweig. Die Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren um 400 gestiegen. Vor allem für junge Frauen gehört das Friseurhandwerk zu den beliebtesten Berufen. "In die Top Ten schaffen wir es immer", sagt Hain.

Die Ursachen für den Zuwachs sind vielfältig: Zu einen seien da Friseure aus "anderen Kulturkreisen", wie Hain sagt: "Den Trend der Barber-Shops haben nicht die alteingesessenen deutschen Innungsbetriebe gesetzt, sondern eher Friseure aus dem arabischen und türkischen Raum."

Ein Meisterabschluss ist Voraussetzung für die Eröffnung eines Salons. Manchmal geht es auch ohne, wenn man umfassende Ausbildung und Praxis nachweisen könne. Grundsätzlich seien solche Bewilligungen aber immer noch die Ausnahme, sagt Hain. Auch Existenzgründungen durch Ich-AGs hätten in den vergangenen Jahren ihren Teil zur Zahl der Friseure beigetragen.

Für ein Problem hält der Verband die hohe Zahl an Friseurgeschäften nicht: "Der Markt ist größer geworden, auch weil die Herren umdenken", erklärt Hain. Die Männer seien wie die Damen bereit, für den Friseur "den einen oder anderen Euro mehr zu zahlen". Den Rest regele der Markt - sofern sich alle an die gleichen Spielregeln hielten und die allgemeinverbindlichen Tariflöhne zahlten. Denn das Friseurhandwerk kämpft auch mit Problemen wie Schwarzarbeit und Bezahlung unter dem Mindestlohn. Die Problematik sei bekannt, sagt eine Sprecherin des Hauptzollamts Frankfurt, ohne Zahlen zu nennen. Der Zoll prüfe das in der Branche.

Günther Rösler, Obermeister der Friseur-Innung Stadt und Kreis Offenbach, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen Friseurmeile - und den Schattenseiten. Er nennt die Kaiserstraße in Offenbach als Beispiel: "Da kommen zehn Friseure auf 500 Meter Straße." Das Problem: Kaum einer habe die Meisterprüfung. "Die arbeiten mit Ausnahmegenehmigung", erklärt er. Anbieten dürften sie nur Herrenhaarschnitte ohne Chemie - also ohne Färben beispielsweise.

Laut Rösler sind solche Friseurmeilen noch Folgen einer verfehlten Genehmigungspraxis: Bis zum 1. April 2017 seien Ausnahmen von der Meisterpflicht relativ oft erlaubt worden.

Das eigentliche Problem sei aber: "Einige Friseure verschaffen sich durch halbseidenes Geschäftsgebaren einen wirtschaftlichen Vorteil, der illegal ist." Solche Friseure meldeten ihr Gewerbe an und legten sofort los - obwohl die Eröffnung an weitere Genehmigungen gebunden sei. "Jeder Betrieb muss eine Gefährdungsbewertung und Prüfung aller Elektrogeräte vorweisen - die machen das aber überhaupt nicht." Bis Aufsichtsbehörden reagierten, vergingen Monate. Rösler hofft, dass sich die Situation verbessert. Dazu müssten Regierungspräsidium, Berufsgenossenschaft, Handwerkskammer, Gewerbeamt und Ordnungsamt an einem Strang ziehen. Dann werde die Luft für solche Friseure dünner. "Wenn die sich an den tariflichen Mindestlohn halten und die gesamten Auflagen erfüllen müssen, dann ist es vorbei mit Haareschneiden für zehn Euro."

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