Jüdisches Leben in Objekten und auf Papier

Wetzlar (dkl). Nun ist es vollbracht, das Lebenswerk von Doris und Walter Ebertz liegt in gedruckter Form vor. Gut 500 Seiten schwer ist das Gedenkbuch, das den "jüdischen Familien in Wetzlar" gewidmet ist.

Wetzlar (dkl). Nun ist es vollbracht, das Lebenswerk von Doris und Walter Ebertz liegt in gedruckter Form vor. Gut 500 Seiten schwer ist das Gedenkbuch, das den "jüdischen Familien in Wetzlar" gewidmet ist. Walter Ebertz war über dieser jahrzehntelangen Recherchearbeit gestorben, daher hatte es sich der Wetzlarer Geschichtsverein zur Aufgabe gemacht "das Lebenswerk der Ebertz zu unterstützen und zu einem guten Ende zu bringen", wie Vorstandsmitglied Bernd Lindenthal bei der Vorstellung des Projektes sagte.

Zugleich sorgte der Geschichtsverein dafür, dass die Expertin Dr. Susanne Meinl, die vor Jahren am Fritz-Bauer-Institut Frankfurt die Ausstellung und den Katalog "Fiskalische Ausplünderung der Juden durch den Staat" erarbeitet hatte, den von der Stadt mitfinanzierten Auftrag erhielt, ein Buch über die jüdische Bevölkerung Wetzlars im 20. Jahrhundert zu schreiben. Parallel sollte es eine Ausstellung geben, für die die Bürger um Originalobjekte gebeten wurde. "Dieser Aufruf hat sich gelohnt", wie Museumsdirektorin Dr. Anja Eichler heute sagen kann, denn es kam einiges zusammen. Ohne diese Objekte hätte ausschließlich "Flachware" gezeigt werden können, also Dokumente und Fotografien aus den Archiven.

Die Texte für die Ausstellungstafeln schrieb Wolfgang Wiedl, Mitarbeiter des Stadtarchivs, die Ausstellungspräsentation übernahm Nadine Löffler, die Museumsvolontärin. Eine rundum gelungene Kooperation also.

Die jüdische Gemeinde in Wetzlar war klein, 1925 lebten gerade einmal 125 Juden in der Stadt. Die Gruppe war relativ homogen, es handelte sich um Händler und Gewerbetreibende. Sie waren gut integriert, an jedem Volkstrauertag hielt neben den Pfarrern auch der Rabbiner eine Rede. Auch die ersten großen Kaufhäuser wurden von jüdischen Kaufleuten errichtet, die in Konkurrenz zueinander standen und mit Veranstaltungen um Kunden wetteiferten: der eine organisierte glamouröse Modenschauen, der andere Ballonfahrten. In einer öffentlich ausgetragenen Debatte ums Schächten wurden Ende der 1920er Jahre offen antisemitische Haltungen deutlich. In Wetzlar verlief die Judenausgrenzung, -diffamierung und -vernichtung wie andernorts in Deutschland, es gibt auch Beispiele vom mutigen Eintreten für Juden.

Die chronologisch aufgebaute Ausstellung zeigt auch Beispiele von einzelnen Personen und Familien. Wo vorhanden stehen die Objekte im Zentrum der Präsentation. Für die Händler sind als Beispiele Flaschen der Getränkehandlung Schade & Füllgrabe zu sehen und Kleiderbügel des Herrenausstatters Stern. Ein ungewöhnlicher Fund hinter einem Dachbalken waren die ineinander geschobenen Bücher, die einst Jenny Hamburger gehörten. Die nach Sao Paulo ausgewanderte Holzhändlerfamilie Rosenthal hatte den Ebertz Fotografien überlassen, die einst zur Erinnerung an die Heimat gemacht worden waren. Heute sind sie auch eine Erinnerung an bürgerliche Wohnkultur. Interviews mit Nachfahren, die damals noch Kinder waren, sind per Bild und Ton aufgezeichnet worden und in der Ausstellung abrufbar.

Die am Donnerstagabend im Beisein von Avi Primor, dem einstigen Botschafter von Israel, eröffnete Ausstellung im Stadt- und Industriemuseum ist bis 3. Oktober zu sehen. Workshops für Kinder und Jugendliche werden angeboten, ebenso öffentliche Führungen an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat (11 Uhr). Im Rahmen der Begegnungswoche wird Doris Ebertz einen Vortrag halten (10. September).

Die vom Wetzlarer Geschichtsverein herausgegebenen Publikationen sind an der Museumskasse zu erwerben: Doris und Walter Ebertz: "Die jüdischen Familien in Wetzlar – Ein Gedenkbuch" für 30 Euro; Susanne Meinl: "Eine Fahrkarte nach Palästina können Sie haben" für 16 Euro.

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