Vor 25 Jahren zerbrach die erste rot-grüne Koalition

Genau 452 Tage hielt das erste rot-grüne Regierungsbündnis in Deutschland. Dann setzte der hessische Ministerpräsident Holger Börner (SPD) seinem Umweltminister Joschka Fischer den Stuhl vor die Tür. Vor 25 Jahren, am 9. Februar 1987, zerbrach die wackelige Koalition in Wiesbaden am Dauerstreit über die Atomfrage.

Später haben SPD und Grüne in Hessen unter Ministerpräsident Hans Eichel weitere acht Jahre zusammen regiert (1991-1999). Nach den nächsten Wahlen will man möglichst wieder zusammengehen – im Lande wie im Bund. Der Streit von damals ist entschieden: Der Atomausstieg in Deutschland, erstmals beschlossen von Rot-Grün unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), ist seit der Katastrophe von Fukushima Konsens aller Parteien.

"Inzwischen sind die Hanauer Nuklearbetriebe seit vielen Jahren Geschichte, und mit dem Aus für das Atomkraftwerk Biblis im vergangenen Jahr ist Hessen atomfrei", sagte der hessische Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir zum Jahrestag. "Atomenergie ist glücklicherweise kein Streitpunkt mehr zwischen SPD und Grünen – weil die SPD unsere Positionen übernommen hat."

In Hessen hatten sich Sozialdemokraten und Grüne über Jahre an ein Bündnis herangetastet – 1984 duldete die Ökopartei Börner als Regierungschef nur, trat aber nicht ins Kabinett ein. Doch am 12. Dezember 1985 wurde Fischer als erster grüner Umweltminister vereidigt. Er trat an in Sakko, Jeans und Turnschuhen – das Bild machte Geschichte.

Trotz des Unterschieds in Stil und Generation sei die Zusammenarbeit gut gewesen, erinnert sich Tom Koenigs, damals Fischers Büroleiter und heute Bundestagsabgeordneter. "Börner war ein konservativer, ein rechter Sozialdemokrat. Ohne ihn hätte seine Partei das nicht mitgemacht", sagte Koenigs. Doch Börner und Fischer, beides Selfmade-Männer aus einfachen Verhältnisse, schätzten einander.

In der Atomfrage hatte man sich geeinigt, Genehmigungen für die Nuklearbetriebe Nukem und Alkem hinauszuzögern oder nicht zu erteilen. Die Industrie hielt das für den Einstieg in den Ausstieg. Trotzdem wirkte die gegensätzliche Haltung zur Kernkraft als Spaltpilz in der Koalition. "Die Verschärfung kam durch Tschernobyl", sagt Koenigs. Im April 1986 explodierte das sowjetische Atomkraftwerk und bestärkte die Grünen in ihrem Widerstand. "Für uns war das ganz hautnah. Da gab es keine Kompromissmöglichkeiten."

Für die SPD hingegen blieb Atomkraft eine Frage des Industriestandortes Hessen. Den wollten man sich von den Ökos nicht kaputtmachen lassen. Anfang Januar 1987 wurde bekannt, dass Wirtschaftsminister Ulrich Steger (SPD) eine Genehmigung für die Alkem-Brennelementefabrik vorbereitete. Die Grünen protestierten. Doch Börners SPD hatte nach einem mäßigen Bundestagswahlergebnis das Gefühl, sich nichts mehr bieten lassen zu dürfen. So kam es zum Bruch.

In die folgende Neuwahl steuerten die Ex-Partner paradoxerweise mit dem Ziel, ihr Bündnis zu erneuern. Doch am 5. April 1987 kam es anders: CDU und FDP gewannen die Mehrheit. Walter Wallmann wurde zum ersten christdemokratischen Ministerpräsidenten in Hessen. Die SPD musste nach vier Jahrzehnten in einem ihrer Stammländer abdanken.

In der Rückschau habe das erste rot-grüne Bündnis trotz des Scheiterns seinen Wert gehabt, sagt Koenigs. Die Grünen hätten sich als eigenständige Partei etabliert. "Hessen kann stolz darauf sein, dass es den Vorrang der regenerativen Energien zu einer Zeit formuliert hat, als andere Parteien das noch für Unfug hielten", erklärt er.

Das damalige Ministerbüro erwies sich als Kaderschmiede. Fischer stieg zum Bundesaußenminister auf, Koenigs wurde Frankfurter Kämmerer und dann UN-Repräsentant an vielen Krisenherden. Ex-Pressesprecher Georg Dick ist Botschafter in Venezuela. Grundsatzreferent war damals ein gewisser Winfried Kretschmann – heute in Baden-Württemberg Deutschlands erster grüner Ministerpräsident. (dpa)

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